Der Wind bläst kräftig, das Segel flattert, und das Boot kippt leicht zur Seite. Alexander Höbe bleibt ruhig und beobachtet die Fahrschüler*innen an Bord. Er muss jederzeit eingreifen können, wenn jemand einen Fehler macht oder eine Böe das Boot überrascht. Für ihn ist das kein Ausflug, sondern Arbeit. Der Schüler geht am Institut Sacré-Cœur in unsere Klasse und arbeitet neben dem Unterricht als Segellehrer.
Nach einem langen Schultag fährt er nicht nach Hause, um die Beine hochzulegen, sondern steht direkt bei den nächsten Praxiseinheiten auf dem Boot. „Manchmal sitze ich in der letzten Schulstunde und gehe im Kopf schon die Windverhältnisse und den Übungsplan für die Gruppe durch“, erzählt Alexander. Das Geld bringt finanzielle Unabhängigkeit, doch der Dauerstress zwischen Schulbank und Nebenjob verlangt uns extrem viel ab und lässt die Regeneration im Alltag oft zu kurz kommen.
Warum der Zuverdienst für uns unverzichtbar geworden ist
Der Schritt in den Nebenjob ist für die meisten von uns längst keine freiwillige Freizeitbeschäftigung mehr, um sich puren Luxus zu gönnen. Es ist eine finanzielle Notwendigkeit. Die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten in den Städten treffen uns junge Menschen besonders hart, da das Budget ohnehin von Monat zu Monat knapp bemessen ist.
Laut der aktuellen 22. Sozialerhebung des Deutschen Studierendenwerks (DSW) arbeiten über zwei Drittel aller Studierenden regelmäßig nebenbei, um über die Runden zu kommen. Bei Schüler*innen ab 16 Jahren zeigt sich ein ganz ähnliches Bild. Wenn das Taschengeld oder die Unterstützung der Familie nicht mehr für die monatlichen Fixkosten oder das Zugticket reicht, stellt der Aushilfsjob oft den einzigen Weg dar, um nicht jeden Cent dreimal umdrehen zu müssen und ein Stück finanzielle Selbstständigkeit zu erlangen.
Der schleichende Druck der Dauerbelastung
Wer wöchentlich zehn, fünfzehn oder sogar zwanzig Stunden arbeitet, merkt schnell, wie drastisch die eigene Freizeit schrumpft. Neben den reinen Arbeitsstunden am Nachmittag oder Abend müssen schließlich auch noch Vorlesungen nachbereitet, Präsentationen ausgearbeitet oder Hausaufgaben erledigt werden.
Das größte Problem ist dabei die zeitliche Verdichtung im Semester oder Schuljahr. Wenn dringende Abgabefristen und die heiße Schularbeitsphase direkt mit personellen Engpässen am Arbeitsplatz zusammenfallen, gerät die mentale Gesundheit schnell ins Hintertreffen. Das ständige Multitasking führt dazu, dass wir gedanklich nie ganz abschalten können. Oft sitzen wir in der Vorlesung und gehen im Kopf schon die Aufgaben für die anstehende Schicht durch oder sorgen uns beim Arbeiten im Betrieb um die anstehende Prüfung.
Dabei warnen Gesundheitsforscher*innen schon lange vor den physischen und psychischen Spätfolgen chronischer Überlastung im Jugendalter. Wie der Jugendreport der Techniker Krankenkasse (TK) belegt, klagen immer mehr junge Erwerbstätige über Schlafstörungen, Erschöpfung und Konzentrationsprobleme. Die kontinuierliche Belastung erhöht nachweislich das Risiko für emotionale Erschöpfungszustände und funktionale Burnout-Symptome, wenn Ruhephasen dauerhaft fehlen.
600 Euro im Monat - für einen Samstag
Samstagmorgen schlafen viele Schüler*innen erst einmal aus. Alexandra Schmidhofer aus dem Institut Sacré Coeur hat zu dieser Zeit meistens schon einen Arbeitstag vor sich. Die Schülerin aus meiner Parallelklasse kellnert neben der Schule und verdient damit rund 600 Euro netto im Monat. Auf ein Jahr gerechnet sind das etwa 7.200 Euro.
Für Alexandra ist der Job mehr als ein kleines Taschengeld. Gleichzeitig kostet der Nebenjob einen Teil ihrer freien Zeit. Während andere am Samstag ausschlafen, Freunde treffen oder etwas mit der Familie unternehmen, steht sie im Restaurant hinter der Theke oder bedient Gäste.
Gerade im Maturajahr kann das zur Herausforderung werden. Unterricht, Hausaufgaben, Lernen und Prüfungen füllen bereits die Woche. Wenn am Samstag gearbeitet wird, bleibt weniger Zeit für Erholung und spontane Treffen.
Alexandras Beispiel zeigt, warum Schüler*innen genau überlegen müssen, wie viel Arbeit neben der Schule in den Alltag passt. 600 Euro im Monat können einen großen Unterschied machen. Freizeit hat aber ebenfalls einen Wert.
Wie viel verdienen Schüler*innen?
Einen einheitlichen Betrag gibt es nicht. Der Verdienst hängt von Arbeitszeit, Tätigkeit und Kollektivvertrag ab. Wer wenige Stunden arbeitet, verdient entsprechend weniger als jemand mit mehreren Schichten.
Für Schüler*innen zählt deshalb auch, wie viel Zeit hinter dem monatlichen Betrag steckt. 600 Euro klingen zunächst nach viel Geld. Dahinter stehen Arbeitsstunden, die zusätzlich zum Schulalltag anfallen.
Auch rechtlich gibt es für Jugendliche klare Grenzen. Unter 18-Jährige dürfen grundsätzlich höchstens acht Stunden täglich und 40 Stunden wöchentlich arbeiten. Für bestimmte Bereiche gelten Ausnahmen, etwa im Gastgewerbe.
Freizeit gehört dazu
Ein Nebenjob bringt Geld, Berufserfahrung und mehr Selbstständigkeit. Gleichzeitig wird ein freier Samstag zum Arbeitstag. Für Sport, Hobbys, Freund*innen oder einfach Erholung bleibt weniger Zeit.
Damit der Nebenjob nicht zum zusätzlichen Stressfaktor wird, sollten Schüler*innen ihre Arbeitszeit realistisch einschätzen. Besonders in Prüfungsphasen kann die Belastung steigen.
„Ich arbeite deshalb an einem Tag, der für viele Schüler*innen schon zum Wochenende gehört. Schule und Berufsleben liegen bei mir dadurch bereits ziemlich nah beieinander.“ sagt Alexandra.
Der Nebenjob bietet uns ohne Zweifel wertvolle Einblicke in die Arbeitswelt, stärkt unser Selbstbewusstsein und verschafft uns finanzielle Freiheit. Am Ende darf der Zuverdienst aber niemals dazu führen, dass der eigentliche Bildungsweg oder die persönliche Gesundheit auf der Strecke bleiben.
„Ein Nebenjob sollte die eigene Selbstständigkeit fördern, aber niemals die Gesundheit oder den angestrebten Bildungsweg gefährden“, betont Bildungsberaterin Sabine Meier in einem Beitrag für den Spiegel. Doch wo verläuft für uns die Grenze zwischen gesunder Auslastung und gefährlicher Selbstüberforderung?
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