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Vučić tritt zurück: Wie meine serbische Familie darüber denkt

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Volontär · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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28.09.2026
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Aleksandar Vučić hat nach mehr als neun Jahren das Amt des serbischen Präsidenten aufgegeben. Aus der Politik zieht er sich damit allerdings nicht zurück: Bei der vorgezogenen Parlamentswahl am 25. Oktober tritt er auf der von seiner SNS und ihren Verbündeten getragenen Liste „Aleksandar Vučić - Ujedinjena Srbija“ an und hat angekündigt, Ministerpräsident werden zu wollen. Gleichzeitig tritt eine aus den Studentenprotesten entstandene Liste bei der Wahl an.

Aleksandar Vučić hat das Amt des serbischen Präsidenten aufgegeben. (Foto: shutterstock)

„Schon wieder.“ Das ist mein erster Gedanke, als die Nachricht über den Fernseher in unserem Wohnzimmer läuft. Auf RTS, dem serbischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, geht es um Aleksandar Vučić. Er tritt als Präsident Serbiens zurück.

Bei uns zuhause laufen serbische Nachrichten regelmäßig. Ein großer Teil der Familie meines Vaters lebt in Serbien, darunter meine Urgroßeltern. Rund zwei Stunden von Belgrad entfernt verfolgen sie dieselben Nachrichten. Wir haben fast jede Woche Kontakt. Serbische Politik fühlt sich für mich deshalb weniger weit entfernt an, als es die rund 500 Kilometer zwischen Wien und Belgrad vermuten lassen.

Mein „Schon wieder“ ist durchaus sarkastisch gemeint. Vučić hatte seinen Rücktritt schon früher an politische Bedingungen geknüpft und angekündigt, im Fall einer Wahlniederlage Konsequenzen zu ziehen. Er gewann und blieb im Amt. Diesmal hat er die Rücktrittserklärung tatsächlich unterschrieben.

Schluss nach neun Jahren

Am Abend des 27. September gab Aleksandar Vučić nach mehr als neun Jahren das Präsidentenamt auf. Seit 2017 war er Präsident, davor bereits Ministerpräsident. „Ich trete vom Amt des Präsidenten zurück“, erklärte Vučić bei seinem Rücktritt. Am nächsten Morgen übergab er seine Amtsgeschäfte an Parlamentspräsidentin Ana Brnabić. Sie übernimmt vorübergehend die Aufgaben des Staatsoberhaupts. Innerhalb von spätestens drei Monaten soll Serbien eine neue Präsidentin oder einen neuen Präsidenten wählen.

Die Schlagzeile „Vučić tritt zurück“ erzählt damit nur die halbe Geschichte. Der Präsident Vučić geht. Der Politiker Vučić bleibt.

Vom Präsidenten zurück zum Ministerpräsidenten?

Schon vor seinem Rücktritt hatte Vučić angekündigt, bei der vorgezogenen Parlamentswahl am 25. Oktober anzutreten und Ministerpräsident werden zu wollen.

Auf dem Wahlzettel steht die Liste „Aleksandar Vučić - Ujedinjena Srbija“. Die serbische Wahlkommission führt sie offiziell unter diesem Namen. Hinter ihr stehen Vučićs Serbische Fortschrittspartei SNS und ihre Verbündeten. Es handelt sich also um keine neu gegründete persönliche Partei, auch wenn sein Name ganz vorne steht.

223.933 beglaubigte Unterstützungsunterschriften weist die serbische Wahlkommission für die Liste aus.

Vučić kennt das Amt, das er jetzt wieder anstrebt. Von 2014 bis 2017 war er bereits Ministerpräsident. Danach wechselte er ins Präsidentenamt.

Ob er tatsächlich wieder Regierungschef wird, steht noch offen. Dafür braucht seine politische Seite nach der Wahl eine Mehrheit, die eine entsprechende Regierung tragen kann. Erst das Wahlergebnis und die anschließende Regierungsbildung entscheiden darüber.

Aus dem Präsidentenpalast könnte sein politischer Weg also wieder zurück an die Regierungsspitze führen.

Fast zwei Jahre Protest

Währenddessen protestieren seit Monaten Menschen auf Serbiens Straßen.

Der Auslöser liegt im November 2024. Am Bahnhof von Novi Sad stürzte ein Vordach ein. 16 Menschen starben. Danach gingen immer mehr Menschen auf die Straße. Studierende übernahmen eine besonders sichtbare Rolle. Sie fordern unter anderem politische Verantwortlichkeit und ein konsequenteres Vorgehen gegen Korruption.

Vučić und seine Unterstützer weisen zentrale Vorwürfe gegen die Regierung zurück.

Aus Hörsälen, Universitätsblockaden und Demonstrationen ist inzwischen auch eine Wahlliste entstanden.

Sie heißt „Studentska lista - Studenti pobeđuju“, auf Deutsch ungefähr „Studentenliste - Studierende gewinnen“. Die serbische Wahlkommission hat sie für die Parlamentswahl zugelassen. 69.947 beglaubigte Unterstützungsunterschriften weist die Kommission aktuell für sie aus. Angeführt wird die Liste vom Medizinprofessor Ilija Srdanović aus Novi Sad.

Plötzlich stehen junge Menschen damit nicht nur mit Transparenten auf der Straße. Ein Teil der Bewegung versucht, ins Parlament einzuziehen.

Für Jugendliche ist das ungewöhnlich direkt. Menschen, die teilweise selbst noch studieren, bestimmen eine der wichtigsten politischen Debatten des Landes mit. Gleichzeitig zeigt ein Blick in meine eigene Familie, dass Alter allein noch lange keine politische Haltung bestimmt.

Zwischen Protest und Feldarbeit

Wenn ich mit meinen Angehörigen in Serbien spreche, klingt die Diskussion nämlich anders als auf vielen Protestbildern aus Belgrad.

Vor allem ältere Familienmitglieder sehen die Studierenden skeptisch. Einige sagen sinngemäß, die jungen Leute sollten lieber arbeiten, anstatt ständig zu protestieren.

Das ist ihre persönliche Meinung. Sie beweist weder, dass Studierende nicht arbeiten wollen, noch steht meine Familie stellvertretend für die ältere Bevölkerung Serbiens.

Trotzdem sagt die Reaktion etwas darüber aus, worauf meine Angehörigen bei Politik achten.

Einige ältere Menschen in meinem familiären Umfeld sind mit körperlicher Arbeit und Landwirtschaft aufgewachsen. In unseren Gesprächen landen wir deshalb oft bei ziemlich greifbaren Dingen: Straßen, Landwirtschaft, Pensionen und Löhnen.

Und genau dort sehen sie Leistungen der vergangenen Jahre.

Serbien hat sein Straßen- und Autobahnnetz unter den Regierungen der vergangenen Jahre deutlich erweitert. Auch landwirtschaftliche Betriebe erhalten staatliche Förderungen. Für 2026 stellte die Regierung beispielsweise Milliarden Dinar für Förderprogramme in der Tierhaltung bereit.

Meine Verwandten sehen neue Straßen. Sie kennen Menschen, die von landwirtschaftlichen Förderungen betroffen sind. Solche Dinge zählen für sie stärker als manche politische Debatte aus Belgrad. Das heißt allerdings nicht, dass sie Vučić ohne Kritik sehen.

„Er hat wenigstens auch etwas gemacht“

So lässt sich die Haltung einiger meiner Angehörigen wohl am ehesten zusammenfassen.

Auch Korruption und mögliche Veruntreuung kommen in unseren Gesprächen vor. Meine Angehörigen gehen davon aus, dass solche Probleme während Vučićs politischer Zeit vorhanden waren. Gleichzeitig vergleichen sie ihn mit anderen serbischen Politiker*innen und kommen für sich zu dem Schluss, dass unter ihm zumindest sichtbare Projekte umgesetzt wurden.

Auch Löhne und Pensionen nennen sie dabei.

Die amtliche serbische Statistik meldete für Mai 2026 einen durchschnittlichen Nettolohn von 118.398 Dinar. Gegenüber Mai 2025 war das ein nominaler Anstieg von 9,9 Prozent. Nach Berücksichtigung der Inflation blieb ein reales Plus von 6,2 Prozent.

Bei den Staatsschulden wird es etwas komplizierter.

Die Schuldenquote beschreibt die Staatsverschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Laut serbischem Finanzministerium lag sie 2012 bei 50,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bis 2015 stieg sie zunächst auf 67,2 Prozent. Danach sank sie wieder und lag Anfang 2026 deutlich niedriger.

Wenn meine Familie sagt, Serbien habe seine Schulden unter Vučić verringert, stimmt das also beim Vergleich der heutigen Schuldenquote mit jener von 2012. Dazwischen gab es allerdings zuerst einen deutlichen Anstieg.

Neue Autobahnen, höhere Einkommen oder Subventionen lassen Kritik an Korruption nicht verschwinden. Umgekehrt verschwinden gebaute Straßen auch nicht dadurch, dass jemand die Regierung kritisiert. Meine Angehörigen legen diese Punkte nebeneinander und kommen zu ihrer eigenen politischen Bewertung.

Meine Cousine nimmt es mit Humor

Bei meiner Cousine klingt das Ganze wieder anders.

Sie besucht in Serbien eine Schule, die ungefähr mit einer österreichischen HAK vergleichbar ist. Während andere junge Menschen Universitäten blockieren, demonstrieren und inzwischen auf einer Wahlliste antreten, nimmt sie die politische Lage mit ziemlich viel Humor.

Für ihre eigene Ausbildung erwartet sie langfristig kaum einen Unterschied, egal wer nach der Wahl regiert.

Schon innerhalb meiner Familie liegen damit verschiedene Sichtweisen nebeneinander. Auf der einen Seite stehen ältere Angehörige, die auf Straßen, Landwirtschaft, Löhne und Pensionen schauen und den Protesten teilweise skeptisch gegenüberstehen. Auf der anderen Seite steht meine Cousine, die zur jungen Generation gehört und trotzdem nicht besonders viel Veränderung von der Wahl erwartet.

Und irgendwo dazwischen stehen jene Studierenden, die seit Monaten demonstrieren und jetzt selbst auf dem Wahlzettel stehen.

„Die Jugend“ gibt es in dieser Geschichte also genauso wenig wie „die Alten“. Meine Familie ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einem ganzen Land.

Vom Protest auf den Wahlzettel

Die Studentenliste hat inzwischen einen beachtlichen Teil der politischen Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wie groß ihre Unterstützung bei der gesamten Bevölkerung tatsächlich ist, zeigt sich allerdings erst bei der Wahl. Unterstützungsunterschriften sind keine Wählerstimmen.

Auch im Fernsehen treffen beide politischen Lager inzwischen aufeinander. RTS lud Vučić und Ilija Srdanović, den ersten Kandidaten der Studentenliste, zu einer Fernsehdebatte ein. Der Sender erklärte am 27. September, die Einladung bleibe offen.

Damit landet die Auseinandersetzung aus den Straßen und Universitäten dort, wo ich selbst von Vučićs Rücktritt erfahren habe: im Fernsehen.

Am 25. Oktober wählen die Serb*innen ein neues Parlament. Parallel dazu muss Serbien nach Vučićs Rücktritt innerhalb von drei Monaten ein neues Staatsoberhaupt wählen.

Vučić könnte nach der Parlamentswahl wieder Ministerpräsident werden. Die Studentenliste versucht erstmals, aus der Protestbewegung parlamentarische Vertretung zu machen. Dazu kommen weitere Parteien und Listen, die ebenfalls um Stimmen kämpfen.

Das alles passt nur schwer in die drei Wörter: „Vučić tritt zurück.“

Was in der Schlagzeile fehlt

Bei uns im Wohnzimmer läuft RTS wahrscheinlich auch am Wahlabend wieder.

Vielleicht telefoniere ich danach mit meiner Familie rund zwei Stunden von Belgrad entfernt. Vielleicht sprechen wir wieder über die Studierenden, neue Straßen, Landwirtschaft oder darüber, wer künftig das Land regiert.

Als ich von Vučićs Rücktritt gehört habe, war mein erster Gedanke: „Schon wieder.“

Diesmal ist er wirklich zurückgetreten.

Beim nächsten Mal werde ich wohl zuerst darauf achten müssen, von welchem Amt gerade die Rede ist.



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