Manchmal sage ich „Aua“, obwohl mir überhaupt nichts wehtut. Das fällt mir erst hinterher auf. Warum eigentlich?
„Aua!“ Ich stehe vom Tisch auf und stoße mit dem Knie leicht gegen die Kante. Sofort greife ich hin. Ich warte einen Moment, aber es tut nichts weh. Nicht einmal ein bisschen. Ich muss über mich selbst lachen. Wozu jetzt dieses „Aua“?
Die Hand nehme ich wieder weg. Eigentlich könnte ich einfach weitergehen. Trotzdem bleibt mir die Sache im Kopf, weil sie mir schon öfter passiert ist. Ich stoße mich irgendwo an, reagiere und merke erst danach, dass gar nichts los ist.
Besonders seltsam finde ich, dass ich sogar kurz auf den Schmerz warte. Als müsste noch etwas kommen, weil ich ja schon „Aua“ gesagt habe. Dabei könnte ich mich einfach freuen, dass ich die Tischkante diesmal nur gestreift habe.
Das hätte wehtun können
Ein richtig angeschlagenes Knie kenne ich natürlich auch. Da brauche ich keine Zeit zum Nachdenken. Diesmal war der Stoß harmlos, aber vielleicht reicht schon die Erinnerung an die anderen Male. Tischkante am Knie: Das kenne ich, das tut weh. Also vorsichtshalber schon einmal aua.
Ich könnte auf den erwarteten Schmerz reagieren, bevor ich überhaupt weiß, wie sich der Stoß anfühlt. So würde ich mir zumindest erklären, warum ich den Ausruf kaum zurückhalten kann. Er kommt mitten in der Bewegung. Bis ich feststelle, dass alles passt, habe ich ihn längst ausgesprochen.
Vielleicht erschrecke ich auch bloß. Ich will aufstehen, mein Knie bleibt hängen, für einen Augenblick zucke ich zusammen. Dass ich dabei „Aua“ sage, muss dann gar nicht so viel mit Schmerz zu tun haben. Es ist einfach das Wort, das mir in diesem Moment herausrutscht.
Ganz trennen kann ich das bei mir schwer. Ich müsste schon während des Anstoßens darauf achten. Hinterher weiß ich zwar, dass es harmlos war. Ob ich zuerst erschrocken bin oder kurz mit Schmerz gerechnet habe, kann ich dann kaum noch sagen.
Habe ich mir das abgeschaut?
Und warum ausgerechnet „Aua“? Auf Englisch heißt es häufig „Ouch“. Das finde ich an der Sache fast noch merkwürdiger. Ich denke über meinen Ausruf überhaupt nicht nach, trotzdem passt er zu der Sprache, die ich spreche.
Irgendwann muss ich dieses Wort aufgeschnappt haben. Vermutlich schon als kleines Kind. Erwachsene stoßen sich schließlich auch an Möbeln und geben dabei etwas von sich. Wenn ich oft genug höre, dass zu so einem Moment ein „Aua“ gehört, mache ich es vielleicht irgendwann nach.
Dafür braucht es wohl keine ausdrückliche Erklärung. Ich stelle mir jedenfalls kaum vor, dass mir jemand beigebracht hat: Wenn du gegen eine Tischkante läufst, sagst du dieses Wort. Eher könnte ich es zuerst übernommen und dann immer wieder benutzt haben. Bis es irgendwann von allein kam.
An mein erstes „Aua“ erinnere ich mich natürlich nicht. Deshalb bleibt das eine Vermutung. Aber es würde erklären, wie eine gelernte Reaktion sich so selbstverständlich anfühlen kann. Ich benutze das Wort längst, ohne darüber nachzudenken, woher ich es habe.
Vielleicht gehört auch die Reaktion der Erwachsenen dazu. Ein Kind sagt „Aua“, jemand schaut nach und fragt, wo es wehtut. Es bekommt Hilfe oder Trost. So könnte es lernen, dass andere durch diesen Ausruf auf seinen Schmerz aufmerksam werden.
Auch ohne Publikum
Wenn neben mir jemand „Aua“ sagt, schaue ich hin. Meistens jedenfalls. Ich will wissen, was passiert ist und ob alles in Ordnung ist. Dafür reicht das eine Wort.
Es könnte also durchaus einen Zweck haben, beim Anstoßen etwas zu sagen. Die anderen bekommen es mit und können helfen. Sie müssen dazu den Zusammenstoß selbst gar nicht gesehen haben.
Nur passiert mir das eben auch, wenn ich allein bin. Dann hört niemand zu, und trotzdem sage ich es laut. Ich weiß ja selbst, dass ich gerade gegen etwas gelaufen bin. Wem erkläre ich das eigentlich?
An dieser Stelle komme ich mit meiner Überlegung nicht ganz weiter. Vielleicht behalte ich den Ausruf einfach bei, weil ich ihn gewohnt bin. Ich prüfe schließlich vorher auch nicht, ob jemand in der Nähe ist. Oder das kurze Erschrecken reicht bereits aus. Wahrscheinlich muss ich mich gar nicht für eine einzige Erklärung entscheiden.
Ob wirklich alle Menschen dieses schmerzlose „Aua“ kennen, weiß ich nicht. Es wirkt so vertraut, dass ich das zuerst einfach angenommen habe. Aber ich kann anderen schlecht ansehen, ob ihnen ein Stoß tatsächlich wehgetan hat. Bisher hatte ich auch keinen Grund, danach zu fragen.
Jetzt würde mich ihre Antwort interessieren. Beim nächsten „Aua“ neben mir muss ich allerdings aufpassen, dass ich zuerst frage, ob alles okay ist. Meine Überlegungen zur Tischkante können dann noch warten.
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