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Vor dem Trinken abkochen: Wie gesund ist der neue Rohmilch-Hype auf TikTok wirklich?

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Chefredakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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25.08.2026
5 Min.

Rohmilch wird auf Social Media als natürliches Superfood gefeiert. Fitness- und Ernährungscreator versprechen Vorteile gegenüber normaler Milch. Mein Freund Elias hat sie bereits getrunken. Zwei andere Freunde überlegen nach den Videos, ob sie es auch tun. Doch in Österreich steht auf Rohmilch ein Hinweis, der so gar nicht zum Hype passt: Vor dem Trinken abkochen.

Rohmilch wird auf Social Media als natürliche Alternative zu pasteurisierter Milch beworben. In Österreich muss Rohmilch mit dem Hinweis „vor dem Verzehr abkochen“ gekennzeichnet werden. (Foto: Künstlicher Intelligenz)

Mein Freund Elias hat Rohmilch ungekocht getrunken. „Sie schmeckt schon anders als normale Milch“, sagt der 17-Jährige. Beschwerden hatte er danach keine. Für ihn war es ein Glas Milch mit einem ungewohnten Geschmack.

Den vorgeschriebenen Warnhinweis kannte er trotzdem: „Rohmilch, vor dem Verzehr abkochen.“ Als wir darüber sprechen, reagiert Elias heftig. „Was ist das für ein Dreckshinweis? Das ist doch eine Lügerei.“

Elias hat die Milch selbst probiert. Er weiß, wie sie schmeckt, und erinnert sich an keine negativen Folgen. Der Warnhinweis beschreibt dagegen eine Gefahr, die er bei seinem Glas weder gesehen noch gespürt hat.

Derselbe Gegensatz begegnet uns auf Social Media. Auf der einen Seite stehen Behörden, Verordnungen und unsichtbare Krankheitserreger. Auf der anderen Seite sehen wir fitte Creator, die Rohmilch trinken und Natürlichkeit zum Argument machen.

Warum der Hinweis existiert

Rohmilch wird nach dem Melken gefiltert und gekühlt, aber nicht pasteurisiert. Milch aus dem Supermarkt wird meist kurz erhitzt. Dieser Vorgang tötet mögliche Krankheitserreger ab.

Beim Melken können Listerien, Campylobacter oder bestimmte E.-coli-Bakterien in die Milch gelangen. Laut der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, kurz AGES, lässt sich das auch bei guter Hygiene nie völlig ausschließen. Besonders schwer können Infektionen für Kleinkinder, Schwangere, ältere und immungeschwächte Menschen verlaufen.

Eine Portion Rohmilch kann frei von gefährlichen Keimen sein. Eine andere kann belastet sein. Elias’ Erfahrung bleibt wahr: Er hat die Milch getrunken und keine Beschwerden bekommen. Über die Sicherheit des nächsten Glases sagt sie allerdings wenig aus.

Problematische Keime lassen sich weder zuverlässig riechen noch schmecken. Das verschafft den Bildern auf Social Media einen Vorteil: Einen durchtrainierten Körper sehen wir sofort. Bakterien bleiben unsichtbar.

Wenn der Körper zum Argument wird

Ich zeige meinen Freunden Niko und Diego, beide 18, typische Social-Media-Videos über Rohmilch. Beide haben sie noch nie probiert. Vom österreichischen Abkochhinweis erzähle ich ihnen zunächst nichts.

Bei Niko lösen die Videos vor allem Neugier aus. Er versteht ihre Botschaft so: Rohmilch ist weniger verarbeitet, natürlicher und deshalb angeblich gesünder. „Wenn man nur das Video sieht, klingt es erst einmal logisch“, sagt er.

Ganz überzeugt ist Niko noch nicht. Bei möglichen Gefahren denkt er an Keime und Bakterien. Trotzdem könnte er sich nach den Videos vorstellen, Rohmilch einmal zu probieren. Aus einem Lebensmittel, mit dem er bisher keine Erfahrung hatte, wird innerhalb weniger Minuten eine interessante Möglichkeit.

Diego achtet stärker auf den Menschen vor der Kamera. „Wenn ein Typ sehr gesund und trainiert aussieht, wirkt sein Ernährungstipp automatisch glaubwürdiger, obwohl das eigentlich kein Beweis ist“, sagt er.

Der Körper übernimmt in solchen Videos die Rolle einer Quelle. Der Creator muss keine Ausbildung nennen und keine Studie zeigen. Sein Sixpack scheint bereits zu beweisen, dass seine Ernährung funktioniert.

Dabei verrät ein trainierter Körper weder, ob jemand Medizin oder Ernährungswissenschaften studiert hat, noch ob die Milch in seinem Glas Krankheitserreger enthält.

Wenige Sekunden für Vertrauen

Ich frage Elias, Niko und Diego, ob sie überprüfen, welche Ausbildung ein Creator hat, bevor sie einen Ernährungstipp ernst nehmen. Keiner macht das bei jedem Video.

Sobald ich sie ausdrücklich nach Belegen frage, steigen ihre Ansprüche. Niko möchte Studien oder unabhängige Quellen sehen. Diego würde einem Video stärker vertrauen, wenn es neben möglichen Vorteilen auch Risiken erklärt. Elias findet eine nachvollziehbare Quelle überzeugender als jemanden, der nur erzählt, etwas habe bei ihm funktioniert.

Auch bei Elias spielt die persönliche Erfahrung eine wichtige Rolle. Er hat Rohmilch getrunken und keine Beschwerden bemerkt. Dieses eine Glas überzeugt ihn stärker als der allgemeine Warnhinweis.

Im Feed sehen wir zuerst den Menschen. Ein trainierter Körper, selbstbewusst vorgetragene Aussagen und Begriffe wie „natürlich“ oder „unverarbeitet“ passen in wenige Sekunden. Zu überprüfen, was davon stimmt, dauert länger als das Video.

Eine Information verändert die Wirkung

Erst nach ihrer ersten Einschätzung erzähle ich Niko und Diego vom österreichischen Abkochhinweis.

Bei Niko verschwindet die Bereitschaft, Rohmilch ungekocht zu probieren. „Dann würde ich sie nicht einfach so trinken“, sagt er. Kurz zuvor fand er den Gedanken noch interessant. Das Video ist gleich geblieben. Eine zusätzliche Information führt trotzdem zu einer anderen Entscheidung.

Auch Diego bewertet die Aufnahmen nun kritischer. „Dann finde ich Videos komisch, die Rohmilch einfach als gesünder darstellen, ohne das Risiko überhaupt zu erwähnen“, sagt er.

Der Creator sieht weiterhin fit aus. Sein Körper verliert für Diego aber einen Teil seiner Überzeugungskraft. Das verschwiegene Risiko wiegt nun schwerer als der sichtbare Sixpack.

Elias bleibt bei seiner Position. Er kannte den Hinweis bereits vor seinem ersten Glas und hält ihn weiterhin für falsch. Seine eigene Erfahrung zählt für ihn stärker als die Warnung.

Was in österreichischen Proben steckte

Das Risiko beruht auf realen Kontrollergebnissen. Bei einer Schwerpunktaktion untersuchte die AGES 60 Rohmilchproben aus Automaten in ganz Österreich. 23 wurden beanstandet. Bei 21 Proben lag die Gesamtkeimzahl über dem erlaubten Wert. Eine davon enthielt zusätzlich Campylobacter. Zwei weitere Proben hatten Kennzeichnungsmängel.

Die Untersuchung bedeutet nicht, dass jede Rohmilch gefährliche Bakterien enthält. Sie erklärt aber, warum ein gut vertragenes Glas keine Sicherheit für die nächste Portion bietet.

Auch viele gesundheitliche Versprechen halten einer Überprüfung kaum stand. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung erklärt, viele behauptete Vorteile von Rohmilch seien wissenschaftlich unbelegt oder widerlegt. Durch Pasteurisierung nehmen manche B-Vitamine geringfügig ab. Mineralstoffe und Milchfette bleiben laut dem Institut unverändert.

Für den Muskelaufbau liefert der Verzicht auf Pasteurisierung somit keinen belegten Vorteil. Der Körper eines Creators zeigt nur, wie dieser Mensch aussieht. Welche Rolle Rohmilch dabei gespielt hat, lässt sich aus einem Video nicht ablesen.

Das nächste Glas bleibt unsichtbar

Nach unserem Gespräch ziehen die drei unterschiedliche Konsequenzen. Niko würde Rohmilch wegen des Abkochhinweises nicht ungekocht trinken. Diego bleibt neugierig, erwartet von einem glaubwürdigen Ernährungsvideo aber auch Informationen über mögliche Risiken. Elias vertraut weiterhin auf seine eigene Erfahrung.

„Was ist das für ein Dreckshinweis? Das ist doch eine Lügerei“, wiederholt er.

Sein Glas hat anders geschmeckt als normale Milch. Beschwerden hatte er keine. Das nächste Glas könnte genauso unauffällig sein. Ob es Krankheitserreger enthält, wäre weder am Geschmack noch am Aussehen zu erkennen.

Deshalb schreibt die österreichische Rohmilchverordnung bei Rohmilch zum unmittelbaren Verzehr weiterhin die Kennzeichnung „Rohmilch, vor dem Verzehr abkochen“ vor. Der durchtrainierte Körper im nächsten Video ändert an diesem Risiko nichts.

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