Panorama Österreich Meinung

Voll und ganz und gar nicht: Wie ich gelernt habe, Vielfalt zu leben und zu lieben.

„Fühlst du dich denn mehr Bosnisch oder Österreichisch?“ Es scheint, dass viele Menschen einen unstillbaren Drang danach verspüren, ihre Mitmenschen in ganz klar beschriftete Schubladen zu stecken. Eine Antwort wie „Beides“ oder gar „Weder, noch“ stört sie. Sofort folgt ein „Aber wenn du dich entscheiden müsstest …“. Doch ich kann und muss mich eben nicht entscheiden.

Österreichische Berge im Hintergrund, internationale Perspektiven vor Augen – hier begann meine Reise als Changemaker bei Ashoka. (Foto: Berina Kulaš)

Zu Beginn der 2000er-Jahre war das kriegserschütterte Bosnien und Herzegowina nicht gerade nach Kinderparadies, von großen Zukunftschancen ganz zu schweigen. Deshalb verschlug es meine Eltern nach Tirol, wo ich bald darauf das Licht der Welt erblickte. Meinem roten Pass zufolge gibt es also gar keine Zweifel daran, dass ich Österreicherin bin. Doch die Reaktion auf meinen Namen sagt etwas ganz anderes: „Woher kommst du wirklich?“, fragen mich viele.

Ist es Antwort genug, dass zuhause aus einem „Servus“ ein „Bujrum“ wurde? Ich bin zwar österreichisch aufgewachsen, aber nun mal bosnisch erzogen. Das heißt jedoch nicht, dass ich zwischen zwei Sprachen, Kulturen und Mentalitäten lebe, sondern dass diese längst eng miteinander verwoben sind.

Nirgends fremd und nirgends zuhause

Lange fühlte sich das jedoch nicht so bereichernd an, wie es heute klingt. Ich war zwar nirgends völlig fremd, aber auch nirgends ganz zuhause. In anderen Worten: Ich war voll und ganz und gar nicht österreichisch. Sobald auch nur ein Hauch von Akzent durchkam oder ich mit einem Tiroler Dialektwort nichts anfangen konnte, fing die Fragerei von vorne an. Gerade in der Schule bekam ich immer wieder zu hören, dass ich mich doch einfach besser anpassen und andere Sprachen erstmal hintenanstellen sollte.

Dabei hatte ich längst gemerkt, dass ich sehr wohl sprachbegabt bin. Schließlich war ich als älteste Tochter immer die Übersetzerin und Dolmetscherin meiner Familie. Wenn es darum ging, zwischen uns und Schulen, Ärzten oder Behörden zu vermitteln, brauchte es nicht nur Sprachkenntnisse, sondern auch Feingefühl. Damals war mir noch nicht bewusst, wie prägend diese Erfahrung für mein weiteres Leben sein würde. Ich wusste nur eines: Meine Leidenschaft für Sprachen war entfacht und ich musste ihr unbedingt nachgehen.

Reden und gehört werden

Im Fremdsprachenzweig des BORG Innsbruck konnte ich mich zum ersten Mal richtig entfalten. Durch den Englisch-, Italienisch- und Spanischunterricht blühte ich förmlich auf und erlebte, wie motivierend es ist, wenn Mehrsprachigkeit geschätzt und gefördert wird.

Eines Tages wurde uns der österreichweite Redewettbewerb „SAG’S MULTI“ vorgestellt. Damals hätte ich nicht erahnen können, wie sehr er mein Leben verändern würde. Als Schülerin bekam ich die Möglichkeit, Reden auf Deutsch und einer weiteren Sprache zu halten. Trotz meiner Angst vor großem Publikum wusste ich, dass ich mir diese Chance nicht entgehen lassen konnte. Schließlich schien einer der vorgegebenen Titel – „Wer bin ich, wenn ich niemand sein muss?“ – regelrecht für mich geschrieben worden zu sein.

Also nutzte ich meine erste Rede, um endlich eine aufrichtige Antwort auf die Frage nach meiner Herkunft und Zugehörigkeit zu finden: Ich muss mich nicht entscheiden. Meine sprachliche und kulturelle Vielfalt ist keine unüberwindbare Hürde, sondern eine wertvolle Brücke – und sie brachte mich unter die Gewinner*innen des Wettbewerbs. Zum ersten Mal erlebte ich, dass Sprachen wie Bosnisch, Türkisch oder Arabisch die gleiche Wertschätzung genossen wie Englisch, Italienisch oder Französisch. Meiner Stimme wurde auf Deutsch und auf Bosnisch eine Bühne gegeben und Gehör geschenkt. Da wurde mir klar: Ich möchte Menschen damit erreichen und sie einander ein Stück näherbringen!

Endlich zuhause

Deshalb war mein nächster Halt Wien. Nicht nur im Großstadtleben, sondern auch im Studium der Transkulturellen Kommunikation fand ich ein Zuhause – eines, zu dem ich seither voll und ganz dazugehöre. Plötzlich lernte ich die Bezeichnungen für Konzepte und Gefühle, die ich längst gespürt hatte: Third Culture Kids, Transkulturalität und Identität, jenseits imaginärer Grenzen. Ich lernte nicht nur, zwei Welten zu verbinden, sondern die Grenzen zwischen ihnen zu hinterfragen. Denn bei Translation geht es nicht nur darum, Wörter von einer Sprache in eine andere zu übertragen. Es geht darum, trotz sprachlicher und kultureller Unterschiede Perspektiven, Machtverhältnisse und Normen sichtbar zu machen und Kommunikation auf Augenhöhe zu ermöglichen.

Bald reichte es mir aber nicht mehr, all das nur im Hörsaal zu lernen. Ich wollte es erleben. Also tauchte ich in die Welt von Erasmus+ ein. Nach einem Auslandssemester in Rom und zig internationalen Projekten engagierte ich mich unter anderem auch beim Erasmus Student Network der Uni Wien. Dabei lernte ich verschiedenste Menschen, Denkweisen und Lebensrealitäten kennen, weshalb mir immer wieder klar wurde: Vielfalt ist nicht nur ein Trendwort, das gut auf Plakaten aussieht. Sie lebt davon, dass wir einander offen begegnen, neugierig bleiben und unsere Geschichten teilen.

Am Ende stehen wir wieder am Anfang

Genau diese Geschichten haben auch meinen beruflichen Alltag geprägt. Zunächst arbeitete ich als Sprachtrainerin für Deutsch als Fremdsprache und unterstützte Erwachsene mit Migrationserfahrung dabei, sich in Österreich leichter zurechtzufinden. Doch ich wollte vor allem den Kleinsten unter die Arme greifen. Deshalb arbeite ich heute als Studienassistentin an der Universität Wien an einer Studie zur Deutschförderung in Österreich. Ich interviewe Schüler*innen mit Migrationserfahrung und möchte verstehen, wie sie sich im österreichischen Schulsystem fühlen. Manchmal erzählen mir die Kinder dabei von Momenten, in denen ich meine eigene Geschichte wiedererkenne. Vielleicht höre ich gerade deshalb besonders genau hin.

Ich weiß nämlich, wie es sich anfühlt, wenn Mehrsprachigkeit zur Zielscheibe wird. Wenn von einem erwartet wird, sich in ein Schulsystem zu pressen, das scheinbar nur Platz für eine einzige Lebensrealität lässt. Wie sehr ich mir damals gewünscht hätte, dass mich jemand mal nicht fragt, wie gut ich mich denn angepasst habe, sondern wie ich mich dabei eigentlich fühle. Somit hat sich der Kreis geschlossen: Ich darf den Kindern genau diese Frage stellen und denjenigen Stimmen zuhören, die sonst allzu leicht überhört werden.

Und genau darin sehe ich meine Aufgabe als Translatorin, Interviewerin und Changemaker: zuzuhören und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Denn Sprache kann Mauern bauen, aber eben genauso Brücken. Wir müssen uns also nicht für eine Seite entscheiden, sondern gemeinsam die vermeintliche Grenze dazwischen hinterfragen und auflösen.



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