Ich fühlte mich unwohl, sehr unwohl. Gerade vor ein paar Minuten war ich in meiner neuen Schule angekommen, mitten im Schuljahr. Meine alte Schule war schrecklich. Ich hatte überhaupt keine Freunde, dort haben mich Leute nur fertig gemacht, und das nur, weil ich ein paar Kilos mehr hatte als die anderen Jungs aus meiner Klasse. Eigentlich war ich früher zufrieden mit meinem Körper, aber vor zwei Jahren, da hat alles angefangen. Meine Familie? Die scheren sich nicht um mich. Die wollen nur gute Noten, und die habe ich, noch ein Grund, wieso die anderen mich nicht mochten. Aber ab heute wird alles wieder gut sein, zumindest hoffe ich das.
Vor mir war ein großes braunes Tor, der Haupteingang zu meiner neuen Schule. Meine Eltern waren nicht dabei, sie hatten Termine, wieder einmal. Aber ich war positiv eingestellt, ich würde das schon schaffen. Es war 8:58, um 9 sollte ich in meiner neuen Klasse auftauchen. Jetzt hatte ich noch zwei Minuten Zeit, meine neue Klasse zu finden. Glücklicherweise war sie direkt rechts neben dem Eingang, ich war nervös. Alleine da hineinzugehen, eine Herausforderung für mich. Ich schaffe es doch nicht mal, alleine im Bus zu sitzen.
Meine Ängste überwältigen mich manchmal, dann kann ich mich nicht bewegen. Dann kommen diese Stimmen in meinem Kopf, die machen alles nur schlimmer. Sätze wie „Du bist so feige“ und „stell dich nicht so an“ schwirren in meinem Kopf herum. So wie es die Jungs zu mir gesagt haben. Und manchmal, da vergesse ich in meiner Starre, bei der richtigen Station auszusteigen.
Naja, darum geht es ja jetzt gerade nicht. Also hier war ich, stand vor der grauen Klassentür, und zitterte. Wer sagt mir, ob es nicht wieder gleich sein würde? Vielleicht bin ich wieder zu fett und passe nicht hier hinein? Wieso müssen diese Gedanken ständig in meinem Kopf sein? Vielleicht ist es doch besser als gedacht, vielleicht mache ich mir zu viele Gedanken darüber, mal sehen. Die Tür öffnete sich langsam, eine Frau mit einer Jeans, einer Bluse und braunen Haaren öffnete sie. Sie lächelte mich an. „Bist du...?“, fragte sie, und ich erkannte die Stimme der Frau, mit der ich und meine Eltern zwei Wochen zuvor telefoniert hatten.
„Ja“, sagte ich schnell und leise und ging langsam und total nervös in den Raum hinein. Ungefähr 15 Leute starrten mich an, ich hatte Angst, die Stimmen waren wieder da. „Sie hassen dich alle“, und „Du kannst nicht immer weglaufen“, das alles hallte in meinem Kopf. Jede einzelne Person, die ich mit meinem Blick berührte, sah mich nur komisch an. Ich erstarrte, aber ich musste jetzt stark bleiben und nicht direkt am ersten Tag nachgeben. „Hallo?“, fragte mich die Lehrerin, ich sah sie an. „Ob du dich kurz vorstellen könntest“, das musste ich wohl in meiner Starre überhört haben.
„Ja“, sagte ich und stellte mich in die Mitte der Klasse, mein absoluter Albtraum. Ich hasste es. Mein Name hallte leise aus meinem Mund, "und ich bin 15…“, ich wusste nicht, was ich sagen sollte. "Und habe Schule gewechselt, weil ich zu dick war?" Nein, das konnte ich nicht sagen, lügen wollte ich aber nicht, also beendete ich den Satz.
Manche Leute tuschelten, manche sahen mich an, manchen war das komplett egal. „Na gut, du kannst dich dorthin setzen“, sagte die Lehrerin und zeigte auf einen leeren Tisch hinten in der Ecke. Langsam schlenderte ich dorthin. Wie peinlich. Wie beschämend, wie sehr ich mich schämte, für mich, für mein Aussehen.
Der Sessel, auf dem ich saß, fühlte sich an, als würde er gleich zusammenbrechen. Und dann würde ich im Boden versinken. Im Klassenraum war Stille, ich traute mich nicht einmal, Luft zu holen. Nach einer Weile sah ich mich um. Die Jungs waren alle sportlich und dünn, außer einer, aber selbst der war sicherlich dünner als ich. Das, was ich nie sein werde. Vielleicht aber, vielleicht wird es hier besser.
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