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Viel Theorie, wenig Plan: Warum unser Schulsystem beim Thema Alltag versagt

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Volontärin · HAK1 Klagenfurt - Handelsakademie & Handelsschule
28.02.2026
4 Min.

Während ich für die HAK-Matura Bilanzen wälze, haben viele in meinem Alter keinen Plan von Steuern oder Krediten. Ich fühle mich durch meine Schule sicher, aber warum ist dieses Wissen ein Privileg? Es kann nicht sein, dass man erst eine Spezialschule besuchen muss, um zu verstehen, wie das echte Leben funktioniert. Ich finde, wir müssen dringend darüber reden, warum unser Bildungssystem so viele junge Leute finanziell im Regen stehen lässt.

Sollte mehr Finanzbildung in Schulen kommen? (Foto: WKO)

In ein paar Wochen halte ich endlich mein Zeugnis in der Hand und dann bin ich offiziell „fertig“. Und genau dass fühlt sich gerade komisch an. Nicht, weil ich Angst vor dem Arbeiten habe oder weil ich mir nichts zutraue, sondern weil ich merke, wie unterschiedlich gut Schule uns auf das echte Leben vorbereitet. Ich kann Formeln auswendig und Gedichte analysieren, ich kann mich wochenlang auf Prüfungen fokussieren. Aber wenn es um Dinge geht, die mich direkt betreffen, Steuern, Verträge, Versicherungen, Gehalt, dann fühle ich mich oft wie am Anfang.

Deshalb habe ich bei der aktuellen Diskussion um Bildungsminister Christoph Wiederkehr sofort aufgehorcht. Er redet viel darüber, dass Informatik und KI in der Schule stärker werden sollen. Er hat auch klargestellt, dass es kein eigenes Fach nur für KI geben soll, sondern eher mehr informatische Grundkompetenzen und KI Themen, die in allen Fächern vorkommen. Gleichzeitig geht es bei seinen Reformideen ja sogar so weit, dass in der AHS Oberstufe Stunden bei Latein oder bei der zweiten lebenden Fremdsprache gekürzt werden könnten, damit Informatik und KI mehr Platz bekommen.

Und ich verstehe den Gedanken dahinter wirklich. KI wird in unserer Generation sowieso überall sein, im Studium, im Job, sogar im Alltag. Aber genau da kommt mein Ja, aber: Wenn ein Minister von Zukunftskompetenzen spricht, dann fehlt mir in dieser Debatte eine zweite Seite der Realität. Zukunft ist nicht nur KI. Zukunft ist auch, dass ich meinen ersten Mietvertrag unterschreibe, dass ich den ersten Lohnzettel in der Hand halte, dass ich nicht in irgendeine Abo Falle laufe, dass ich kapiere, was mit meinem Geld passiert. Für mich gehören Wirtschafts und Finanzbildung genauso in diese Reformdiskussion, weil es genau diese Themen sind, bei denen viele nach der Schule plötzlich allein dastehen.

Ich gehe in die HAK, also ich bekomme Wirtschaft grundsätzlich eher mit als viele andere. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass selbst bei uns vieles zu wenig praktisch ist oder davon abhängt, wie es gerade unterrichtet wird. Und sobald ich mit Freundinnen und Freunden aus anderen Schulen rede, merke ich erst recht, wie unterschiedlich das ist. Manche haben so gut wie gar keinen Zugang zu diesen Basics. Das finde ich unfair, weil Finanzwissen kein Bonus sein sollte, den nur manche zufällig bekommen.

Gerade jetzt in der Maturazeit fällt mir diese Lücke extrem auf. Ich sitze über Lernzetteln und drücke mir Stoff in den Kopf, der für die Prüfung wichtig ist. Gleichzeitig denke ich mir: ok, und was passiert direkt danach. Wenn ich morgen einen Mietvertrag unterschreiben müsste, würde ich ihn lesen, aber ich wüsste nicht, ob ich wirklich einschätzen kann, welche Stellen kritisch sind. Kündigungsfrist, Nebenkosten, Kaution, Index, welche Formulierungen bedeuten im Alltag wirklich Stress. Bei Versicherungen ist es ähnlich. Alle sagen, das ist wichtig. Aber was ist wirklich sinnvoll und was wird einem nur verkauft, verkauft halt.

Ein Moment, der mir das richtig klar gemacht hat, war letzten Sommer nach dem Ferialjob. Wir waren am See, eigentlich entspannt, und eine Freundin war komplett fertig, weil am Konto weniger angekommen ist, als sie erwartet hat. Sie hatte im Kopf eine Zahl und war überzeugt, dass genau das ausgezahlt wird. Dann sieht sie den Betrag und fragt, wo der Rest hin ist. Sozialversicherung, Lohnsteuer, brutto, netto, das war für sie ein Rätsel. Ich habe es ihr erklärt, so gut ich konnte, und da ist mir aufgefallen, wie schnell so ein Thema existenziell wird. Vor allem, wenn jemand das Geld wirklich braucht. Das ist keine Peinlichkeit, das ist ein Systemfehler, weil so etwas nicht erst am Strand nach einem Ferialjob erklärt werden sollte.

Nicht einfach alles akzeptieren: Damit fängt es an

Noch stärker merke ich es bei Verträgen und Online-Sachen. Ein Kumpel hat ein gratis Probeabo abgeschlossen und überall auf akzeptieren geklickt. Monate später kam eine Rechnung und plötzlich hing er ein Jahr drin, weil er eine Kündigungsfrist übersehen hat. Klar, im Nachhinein wirkt das naiv. Aber ehrlich: Woher soll jemand das können, wenn es nie trainiert wurde. Genau deshalb wünsche ich mir Unterricht, in dem echte Verträge durchgegangen werden. Nicht Theorie, sondern Alltag. Wo steht die automatische Verlängerung, welche Worte sind Warnsignale, was heißt es, wenn da nach Ablauf kostenpflichtig steht.

Wenn Wiederkehr also von Reformen spricht und das Schulsystem zukunftsfit machen will, dann wünsche ich mir, dass das nicht nur über KI und Informatik läuft, sondern auch über diese Lebenskompetenzen. Ich will Unterricht, nach dem ich wirklich etwas kann. Lohnzettel lesen. Ein Budget machen, das realistisch ist. Verstehen, was Inflation im Alltag bedeutet. Verträge einschätzen. Und zwar so, dass es nicht davon abhängt, ob jemand zuhause Hilfe bekommt oder zufällig die richtige Schule besucht.

Ich glaube nicht, dass Schule alles lösen muss. Aber Schule sollte nicht nur auf Prüfungen vorbereiten, sondern auch auf das Leben direkt nach dem Abschluss. Und wenn gerade wirklich über Lehrpläne gestritten wird, dann wäre das für mich der Moment, diese Lücke endlich ernst zu nehmen, weil genau dort stolpern extrem viele, obwohl sie eigentlich schon längst erwachsen sein sollen.



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