Sie forschten – doch niemand hörte ihnen zu
Bereits in der Antike und im Mittelalter gab es technisch versierte und erfolgreiche Forscherinnen, die sich im wissenschaftlichen Bereich beschäftigten. Fehlende Anerkennung und mangelhafte Dokumentation ließen diese Forscherinnen aber unsichtbar bleiben.
Bis weit ins 19. Jahrhundert blieb die Wissenschaft weitgehend in Männerhänden. Vor allem, weil Universitäten, wissenschaftliche Netzwerke und Publikationsorgane lange nur Männern vorbehalten waren. Dadurch wirkten die wenigen frühen Beiträge von Frauen im Bereich der Forschung wie Ausnahmen, obwohl sie lediglich die Folge systematischer Ausgrenzung waren.
Doch Frauen brauchen die Wissenschaft, und die Wissenschaft braucht sie, wie auch UNESCO-Generaldirektorin Audrey Azoulay sagt. So kamen im 19. Jahrhundert erstmals dokumentierte technische Beiträge von Frauen an die Öffentlichkeit. Ein Beispiel dafür ist Ada Lovelace, sie gilt als erste Programmiererin der Welt.
Ada Lovelace – „Eine Zauberin der Zahlen“
Ada Lovelace wurde am 10. Dezember 1815 in England geboren. Sie war die einzige Tochter des bekannten Dichters Lord Byron und seiner Frau Anne Isabella Milbanke, wuchs allerdings hauptsächlich bei ihrer Mutter auf, die Wert auf eine naturwissenschaftliche und mathematische Ausbildung legte. Später arbeitete sie mit dem Mathematiker und Erfinder Charles Babbage zusammen, der die theoretische Rechenmaschine Analytical Engine entwarf. Lovelaces Notizen beschäftigten sich damit, wie die Maschine verschiedene mathematische Aufgaben ausführen konnte.
Heute gilt Lovelaces Beschreibung zur Berechnung der Bernoulli-Zahlen als erstes dokumentiertes Computerprogramm der Welt.
Die Notizen der Forscherin blieben zu ihren Lebzeiten größtenteils unbeachtet. Erst rund hundert Jahre später, mit der Entwicklung moderner Computertechnik, tauchten ihre Texte wieder auf und fanden weltweite Anerkennung. Dieses Schicksal vieler Wissenschaftlerinnen bezeichnen Forscher*innen als Matilda-Effekt. Der Begriff bezeichnet ein Muster, bei dem Akteur*innen in der Wissenschaft die Leistungen von Frauen systematisch übersehen, abwerten oder männlichen Kollegen zuschreiben.
Ein Nobelpreis nur in Männerhänden
Ada Lovelace war allerdings kein Einzelfall: Auch ein Jahrhundert später wiederholte sich dasselbe Muster in einem völlig anderen Forschungsfeld, nämlich im Fall von Rosalind Franklin. Die britische Biochemikerin leistete einen Beitrag zur Entschlüsselung der Doppelhelix-Struktur der DNA, erhielt dafür jedoch lange Zeit keine Anerkennung.
Franklin arbeitete Anfang der 1950er-Jahre am King’s College in London mit Röntgenkristallografie an der Struktur der DNA. Ihr gelang die bis dahin schärfste Aufnahme eines Moleküls, das sogenannte Foto 51, auf dem die Helix-Struktur eindeutig zu erkennen war. Diese Aufnahme stellte den Durchbruch ihrer Forschung dar. Allerdings gelangte Foto 51 ohne Franklins Wissen in die Hände der Forscher James Watson und Francis Crick.
1962 erhielten Watson, Crick und Maurice Wilkins den Nobelpreis für die Entdeckung der DNA-Struktur. Rosalind Franklin war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben und ging auch in Sachen posthumer Anerkennung leer aus.
Dieses Vorgehen gilt heute als klassisches Beispiel für den Matilda-Effekt. Rosalind Franklins Beitrag verschwand hinter den Namen jener, die von ihrer Arbeit profitierten.
Versäumnisse bis heute
Der Mathilda-Effekt ist jedoch keinesfalls ein Relikt der Vergangenheit. Ein aktuelles Beispiel ist die Informatikerin Katie Bouman. Die Amerikanerin entwickelte 2019 einen Algorithmus zur Nachbildung des ersten Bildes eines schwarzen Lochs. In der öffentlichen Berichterstattung rückten jedoch zunächst männliche Kollegen in den Vordergrund, während Boumans Beitrag in den Hintergrund geriet. Erst nach öffentlicher Kritik erhielt sie Anerkennung für ihre Arbeit.
Diese Muster gehören nicht der Vergangenheit an: Mädchen und Frauen in der Technik finden inzwischen zwar viel bessere Unterstützung, und auch der Anteil an Frauen im MINT-Bereich ist mit 35 Prozent auf ein Rekordhoch gestiegen, schreibt UNESCO Österreich in einem Bericht. Dennoch zeigt sich in vielen technischen Schulen weiterhin ein vertrautes Bild: ein paar Mädchen unter einer großen Menge an Jungen, obwohl es heute keine formalen Einschränkungen mehr gibt.
Kommentare
das ist der beste Artikel zu diesem Thema, den ich je gelesen habe. Ich hoffe eines Tages schreibe ich so gut wie du. Weiterhin viel Erfolg in deiner Journalismus-Karriere
Beste Grüße, Nina Gaisberger
Ich finde, dein Artikel ist sehr gut recherchiert und gut zum lesen. Für deine weiteren Texte wünsche ich dir viel Glück.
Ich würde mich freuen mehr von dir zu lesen.
Milena
Ein sehr gelungener Beitrag! Der Matilda-Effekt ist leider kein Phänomen der Vergangenheit – auch im technischen Berufsalltag in der Wirtschaft ist er spürbar. Umso wichtiger ist es, darüber zu sprechen und Bewusstsein zu schaffen.
ein wichtiges Thema super recherchiert!
Liebe Grüße
Eva
ich gratuliere dir ganz herzlich zu diesem gelungenen Artikel. Man merkt deutlich, wie intensiv und reflektiert du dich mit diesem wichtigen Thema auseinandergesetzt hast. Dein Beitrag ist inhaltlich stark und sehr überzeugend formuliert. Weiter so!
Liebe Grüße von Marianne