Geisterstunde in einer frischen Septembernacht in der italienischen Provinz Treviso. Schwester Aline Pereira Ghammachi, eine Handvoll ihrer Mitschwestern und einige im Kloster betreute autistische Jugendlicher treten in den Klostergarten hinaus. Schweigend, denn sie wollen niemanden wecken.
Sie wissen ohnedies alle, was zu tun ist. Mit kleinen Gartenscheren schneiden sie die Reben von den Weinstöcken und legen sie in die mitgebrachten Körbe. Die vollen Körbe schleppen sie mit leisen Schritten zu einer Sammelstelle.
Bei Mondlicht geerntet, das soll dem Kloster-Proseccco, den sie daraus brauen, das besondere Etwas geben. Die italienischen Medien lieben die rührigen Gottesfrauen dafür, ebenso wie ihre Kunden den Schaumwein.
Rettung vor hohen Energiepreisen
Angefangen hat Ghammachi mit ihrem göttlichen Start-up nicht von ungefähr. Denn das Kloster San Giacomo di Veglia, dessen Äbtissin die heute 41-Jährige bereits mit 34 Jahren wurde, mag mit seinen prachtvollen Bögen und Säulen wohlhabend wirken, doch neben der Überalterung der Ordensschwestern setzten ihm auch die explodierten Energierechnungen zu.
Die gebürtige Brasilianerin besann sich ihres Betriebswirtschaftsstudiums und ihres unternehmerischen Denkens, das ihr Vater, ein Medien-Mogul, ihr in die Wiege gelegt hatte. Für das nötige Know-how war ein Partnerbetrieb in der Weinbaubranche rasch gefunden und fortan baute Ghammachi Bio-Trauben an. Auf einem von Steinwällen umgebenem Kloster-Areal, das zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Keine 70 Kilometer von Venedig entfernt.
Ihr Erfolg sorgte für Aufsehen. Schaffte ihn doch eine Frau, die nicht mit Allrad-SUV und edlen Hunden am eigenen Landgut residierte, sondern die sich für ein äußerst bescheidenes Leben zwischen Gebeten und Gemüseanbau entschieden hatte. Sogar auf Italo-Leibspeisen wie Pizza Margherita, Spaghetti Carbonara oder Lasagne al ragù verzichtete sie, denn ihre klösterliche Ernährung war vorwiegend vegan.
Ghammachis Marketingbotschaft machte jedenfalls in ganz Italien die Runde: „Bei Ernte in der Nacht bleiben empfindliche Aromen enthalten. Der Prosecco entfaltet auf diese Art sein volles Potenzial“, erklärte sie in zahllosen Interviews.
Mit dem Segen von oben
Ihre Kunden schätzten auch das gute Karma, das beim Kloster-Schampus inkludiert war. Schließlich ging der Erlös der 18 Euron je Flasche direkt an das Kloster, das in das Projekt noch dazu beeinträchtigte Jugendliche einband.
In langen Monaten fürsorglicher Pflege der Rebstöcke und harter Arbeit stellten die Nonnen zunächst 5.000 neonorange etikettierte Flaschen ihres „Prosecco Superiore DOCG di Abbazia“ her. Als die ersten Korken knallten, war das für die Schwestern ein Hoffnungsschimmer, ihr Kloster tatsächlich trotz erdrückender Gas- und Stromrechnungen erhalten zu können. Schließlich spülte der Prosecco 75.000 Euro in die Klosterkasse.
Auch die sozialen Medien begeisterte diese himmlische Geschichte mit Hollywood-Potenzial. „Einfach genial!“, postete ein Fan. „Das nenne ich mal göttliches Krisenmanagement! 🙌🏼🍷 Und das Beste: Er schmeckt fantastisch und ist komplett bio. Supportet die Schwestern!“
Bald reiste auch neugieriges Fachpublikum aus ganz Italien zur Verkostung an und zeigte sich ebenfalls inspiriert. Der Nonnen-Drink erhielt das sogenannte DOCG-Siegel, die höchste staatliche Qualitätsauszeichnung, die ein Wein in Italien bekommen kann.
Doch wie das mit dem Erfolg so ist, zog er bald auch Kritiker an. Einige der betagten Mitschwestern Ghammachis fanden das Projekt gar nicht göttlich. Während Ghammachis engste Vertraute, die 74-jährige Schwester Maria Paola Dal Zotto, das Projekt tatkräftig und voller Euphorie unterstützte, sahen die Gegnerinnen in jeder verkauften Flasche einen Verrat an der klösterlichen Abgeschiedenheit.
Hochprozentiger Streit
„Alles, was wir mit dem Prosecco einnehmen, ist für das Kloster“, argumentierte Ghammachi, doch die altehrwürdigen Damen winkten ab. Vier von ihnen schrieben schließlich direkt an den Papst. So können und dürfe dieser Frevel vor dem Herrn nicht weitergehen, lautete der Tenor ihrer Kampfschrift.
Ghammachi verteidigte sich. Sie sei „Opfer falscher Anschuldigungen durch einzelne Mitschwestern und Teile der Ordensleitung“. Ihre Worte verhallten im Kirchenstaat ungehört. Ein komplizierter vatikan-interner Prozess kam ins Rollen, der jetzt mit dem Rausschmiss der tüchtigen Ordensschwester Ghammachi und der Aufhebung ihres Gelübdes endete. „Zu jung, zu schön und zu oft in den Medien“, urteilte die italienische Öffentlichkeit, doch auch das änderte nichts mehr an der Entscheidung des Vatikans.
Akribische wirtschaftliche Überprüfungen des Projektes zeigten: Es war so sauber, dass wohl auch die heilige Maria, Mutter Gottes, zustimmend gelächelt hätte, doch der Vatikan sah den Klosterfrieden gefährdet. Besonders störte ihn Ghammachis moderner Führungsstil. Sie erlaubte den Nonnen beispielsweise, WhatsApp-Nachrichten an ihre Familien zu schicken und Fotos im Kloster zu machen. Ein No-Go in heiligen Hallen.
Ghamacchi sah schließlich ein, dass sie chancenlos war. „Im Vatikan würde mich niemand ernst nehmen, weil ich eine Frau, Brasilianerin und hübsch bin und niemand dort so einer Person glaubt“, sagte Aline sichtbar verletzt in einem Interview.
Auszug am Ostermontag
Offiziell entließ der Vatikan sie nicht als Strafe, sondern als „Maßnahme, um die Ruhe im Kloster zu bewahren“. Anstelle Ghammachis setzte er eine ihrer Kritikerinnen ein, von der weniger Umtriebigkeit zu erwarten war: Die 81-jährige betont konservative Martha Driscoll, die umgehend die Prosecco-Produktion samt dem Inklusions-Projekt für beeinträchtigte Jugendliche einstampfte. Wie sie die Energierechnungen begleichen will, blieb bis auf weiteres unklar.
Ausgerechnet am Ostermontag musste Ghamacchi das Kloster verlassen, aber wenigstens nicht allein. Vier ihr ergebenen Schwestern begleiteten sie. Sie wollten an ihrer Seite bleiben, komme, was wolle.
Die treuen Seelen sollten es nicht bereuen, denn ihre einstige Äbtissin und jetzige Anführerin und Freundin setzt inzwischen gemeinsam mit ihnen ein anderes gottesfürchtiges Projekt um. Zwar nicht mehr im romantischen aber wirtschaftlich angeschlagenen Kloster San Giacomo di Veglia, dafür aber an einem nicht minder bemerkenswerten Ort.
Zu finden sind die sechs rührigen Gottesfrauen jetzt in einer prachtvollen Villa aus dem 19. Jahrhundert in der vom Kloster nur sieben Kilometer entfernten Ortschaft San Vendemiano. „Unsere rechtliche Situation hat sich völlig verändert, da wir nicht mehr der Diözese oder einer religiösen Einrichtung angehören“, sagte Ghammachi, um die sich weiterhin die Medien scharen, jüngst in einem Interview. „Aber wir beten weiterhin, widmen uns dem Herrn, helfen anderen und treiben unsere Projekte voran.“
Hundertmal besser
„100 volte melius“, heißt dieses Projekt, was zu deutsch so viel wie „hundertmal besser“ bedeutet. Unter diesem Namen bewirtschaften die sechs Frauen jetzt einen therapeutischen Garten für Menschen, die unter Angststörungen, Depressionen oder Burnout leiden.
Ganz ohne das drakonische Diktat des Vatikans fürchten zu müssen, nutzt Ghammachi dabei neuerlich ihre betriebswirtschaftliche Expertise und ihre familiären Prägungen zum unternehmerischen Denken, dazu die Möglichkeiten, die ihr die neue Prominenz verschafft: Finanziert ist die grüne Oase für seelische Wellness durch die Einnahmen der dortig produzierten Produkte und private Sponsoren. Den Segen von ganz oben hat sie bestimmt.
Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit „der ganzen Woche“ und wurde bereits am 5. August 2026 gedruckt.
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