Unter der Oberfläche

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Volontärin · Höhere Bundeslehranstalt für Wirtschaft & Mode
30.01.2026
2 Min.
Schreiben gibt Liebe, Kraft und ganz viel Trost. (Foto: Jupilu/pixabay)

Es ist Oktober 2023.

Die Narben des Mädchens bluten.

Sie weiß nicht, was sie tun soll.

Sie durchlebt die Hölle in zu kleinen Räumen, hasst Ferien, schreiende Babys, ihre unreine Haut und Physik an Dienstagen.

Sie weiß nicht, wohin mit diesem Schmerz, dieser Enttäuschung, diesem Missverstanden-Sein, das sich anfühlt wie ein ständiges Rufen ins Leere.

Deshalb nimmt sie Stift und Papier in die Hand.

Zum ersten Mal.

Nicht für einen Brief, nicht für einen Schulaufsatz für ihren Deutschprofessor mit der Bauchtasche und dem kurzen Geduldsfaden.

Sondern, weil es ihr letzter Versuch ist. Der letzte Ansatz, bevor sie sich selbst verliert.

Und dann passiert etwas.

Ganz leise.

Ganz still.

Sie schreibt.

Nicht für Likes, nicht für Noten. Nicht, um endlich verstanden zu werden. Sondern, um zu überleben. Sie schreibt, weil Worte das Einzige sind, was nicht verurteilt, wenn sie ehrlich wird.

Sie schreibt, denn in jedem Satz ein kleines Stück Ordnung liegt in all dem inneren Chaos. Weil jedes Komma ein Atemzug ist, den sie sich erlaubt. Weil jeder Punkt ein kleiner Sieg ist:

Ich bin noch da.

Sie schreibt, weil niemand sonst zuhört. Und vielleicht, ganz vielleicht, war dieser Schmerz nicht umsonst.

Vielleicht musste sie all das fühlen, um irgendwann so schreiben zu können, dass Andere sich darin erkennen. Dass jemand beim Lesen denkt:

„Ich dachte, ich bin allein. Aber jetzt weiß ich, ich bin es nicht.“

Manchmal schreibt sie im Bus.

Zwischen schlafenden Leuten, Kaugummi im Mund und dem Piepen an der Haltestelle.

Sie tippt leise ins Handy, um den Gedanken festzuhalten, bevor er wieder vergeht.

Manchmal schreibt sie nachts, wenn das Fenster offen ist und sie das Gefühl hat, dass nur noch der Moskito in der Ecke wach ist.

Die Worte kommen dann langsamer, aber sie sind da.

Nicht immer schön, nicht neunmalklug, nur ehrlich.

Sie schreibt auch in Schulstunden, heimlich hinter Mathebüchern, neben Vokabellisten.

Manchmal reicht ein Satz.

Und oft erinnert sie sich an diesen Tag zurück.

Jetzt sitzt sie breit lächelnd, so dass man ihr Grübchen sieht, auf einem Badetuch im Strandbad.

Neben ihr ihre brünette Freundin, die gerade einen Witz erzählt hat und dabei mit Cola light spritzt.

Jetzt ist sie weich, vorsichtig, herzensgut.

Nicht, weil das Leben es ihr leicht gemacht hat. Sondern, weil sie sich entschieden hat, nicht hart zu werden.

Sie gibt niemals auf.

Weil sie weiß, wie schwer das Leben manchmal für uns alle ist.

Dieses Mädchen bin ich.

Und für sie ist Liebe Schreiben.

Sie hat den Kampf gewonnen.

Nichts hat Spuren hinterlassen.

Zum Glück.









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