An vielen Schulen fanden vergangenen Herbst die Wahlen zur Schüler*innenvertretung statt. Plakate hingen in den Gängen, Kandidat*innen hielten Reden, Klassen stimmten ab. Ein Format, das eigentlich nicht vom Patriarchat beeinflusst sein sollte, trotzdem zeigt sich der Fakt: Schüler*innen können nicht neutral wählen.
Das Patriachat auf allen Ebenen
Patriarchale Strukturen gelten oft als Problem der Erwachsenenwelt. Politik, Kunst und Wissenschaft liefern dafür bekannte Beispiele, in denen es unfaire Vorteile für Cis-Männer, also Männer, die auch als Mann zur Welt kamen, gibt. Diese Muster beginnen jedoch schon viel früher. Sogar Schüler*innenvertretungen tragen sie weiter. Junge Cis-Männer sichern sich dort häufiger Einfluss und Sichtbarkeit als Frauen*.
Viele Wählende hoffen auf einen vermeintlich „starken Mann“. Ob er nun tatsächlich mehr Erfahrung mitbringt als seine Mitbewerberinnen, ist nicht wichtig. Genauso unsensibel sind auch die Rückmeldungen an weibliche Kandidatinnen bezüglich ihres Aussehens, während der entscheidende Faktor bei einer Kandidatur, die Werte der Kandidatin, in den Hintergrund rückt. Das thematisierte auch das „Moment“-Magazin in einem Artikel. Frauen* würden oft höhere Qualifikation mitbringen, stoßen jedoch schneller an Grenzen. Doch gesellschaftliche Entwicklungen halten nicht vor dem Schultor an, sondern sind auch in Klassenzimmern und Pausenhöfen greifbar.
Die „gläserne Decke“
Die US-amerikanische Feministin Marilyn Loden beschrieb diesen Mechanismus bereits 1978 mit dem Begriff der „gläsernen Decke“. Die Metapher steht für eine unsichtbare Barriere, die Frauen* und Minderheiten trotz Kompetenz vom Aufstieg abhält. Wie eine durchsichtige Decke bleibt sie spürbar und schwer zu durchbrechen. Junge Frauen* erleben dieses Gefühl bereits in der Schule, in Wahlen, aber auch von männlichen Respektspersonen, die ihnen ein schwereres Leben vorhersagen. Das spiegelt gesellschaftliche Machtverhältnisse wider und sperrt junge Frauen* unter dieser Decke ein. Daraus resultierend geben sich Frauen* oft schneller zufrieden und wagen es nicht, mehr zu fordern.
Mari-Ann Awayevoo, Landesvorsitzende der Aktion kritischer Schüler*innen, beobachtet diese Dynamik. „Wenn wir die gläserne Decke bereits in der Schüler*innenvertretung nicht durchbrechen, reproduzieren wir Ungleichheiten, die sich später in Politik und Gesellschaft fortsetzen“, sagt sie im Gespräch mit „49 Frauenbilder“.
66 Prozent männlich
Der SV Gender Report der AKS (Aktion kritischer Schüler*innen) aus dem Schuljahr 2022/23 liefert dazu Zahlen. Cis-Männer prägen die Schüler*innenpolitik stärker als andere Geschlechter. Mit steigender Position wächst dieser Unterschied. Frauen* kandidieren häufiger, scheitern jedoch öfter bei der Wahl in hohe Funktionen. Besonders deutlich zeigt sich das im berufsbildenden Schulbereich. Während in den AHS (Allgemeinbildende höhere Schulen) der Abstand noch überschaubar ist, ist der Unterschied am deutlichsten in berufsbildenden Schulen, in denen 2022/23 73,1 Prozent der Schulsprecher*innen männlich waren. Auch auf Landes- und Bundesebene bilden sich diese Muster ab, etwa gab es im gleichen Jahr fast doppelt so viele Landesschulsprecher wie Landesschulsprecherinnen. Die BSV (Bundes-Schüler*innenvertretung) bestand folglich zu rund 66 Prozent aus Cis-Männern.
Awayevoo beschreibt die Folgen klar: „Viele junge Frauen lernen schon in der Schüler*innenvertretung, dass Verantwortung selbstverständlich erwartet wird, Macht aber nicht automatisch zugestanden wird.“
Zurück zu den Wahlplakaten im Schulgang. Sie versprechen Mitbestimmung und gleiche Chancen. Hinter den bunten Farben bleibt die gläserne Decke oft unsichtbar. Wer genauer hinsieht, erkennt sie jedoch direkt über den Köpfen jener Frauen*, die nach oben wollen.
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