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"Tugend und Religion": Ein Fach, das unsere Schulen brauchen. Oder auch nicht

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Volontärin · Deutsche Schule Sofia
14.08.2026
4 Min.

MEIN SOFIA: In dieser Kolumne berichtet unsere Volontärin Kristin Atanassova wöchentlich aus ihrem Heimatland Bulgarien und dessen Hauptstadt Sofia. Kristin ist 17 Jahre alt und besucht die 10. Klasse der Deutschen Schule Sofia.

Ein Schulfach, das Demonstrationen verursacht. Was hält Bulgarien vom Fach "Tugend und Religion"? (Foto: Kristin )

Ein neues Schulfach sorgt bei uns in Bulgarien seit mehr als einem Jahr für ungewöhnlich viel Aufregung: „Tugend und Religion“. Die Idee dahinter klingt zunächst einfach: Uns soll mehr über Werte und soziale Verantwortung vermittelt werden. Doch sobald der Begriff „Religion“ ins Spiel kommt, gehen die Meinungen weit auseinander. Während Befürworter das Fach als wichtigen Beitrag zur Erziehung sehen, befürchten Kritiker einen zu großen Einfluss der Religion auf den Schulalltag. Die Debatte ist mittlerweile so kontrovers, dass es in Sofia sowohl Proteste als auch Gegenproteste gab.

Ich selbst bin Schülerin in Sofia, gehe aber an eine Deutsche Auslandsschule. Das heißt, mich betrifft nur selten, was das bulgarische Bildungsministerium beschließt. An meiner Schule gibt es das Fach gar nicht, und es wird auch nicht darüber gesprochen, es einzuführen. Wir haben jedoch das Fach Ethik. Dort können wir mehr über unterschiedliche Religionen und Kulturen erfahren. Außerdem ist es der Unterricht, in dem wir unter anderem offen über Werte, Normen und Moral sprechen.

Trotzdem sind mir die zahlreichen Debatten und unterschiedlichen Meinungen zum neuen Schulfach „Tugend und Religion“ nicht entgangen. Doch worin besteht das Fach überhaupt?

„Tugend und Religion“

Im bulgarischen Parlament wurde vor mehr als einem Jahr ein Projekt für ein neues Schulfach vorgestellt, das die schulische Erziehungsfunktion stärken soll. In diesem Fach sollen bulgarischen Schülerinnen und Schülern moralische Werte und Normen vermittelt werden. Dadurch sollen Aggressionen innerhalb und außerhalb des Klassenraums möglichst verringert oder sogar verhindert werden. Das Projekt sieht eine frühe Einführung vor, bereits ab der ersten Klasse.

Der Unterrichtsteil „Tugend“ soll größtenteils verpflichtend sein, der Religionsunterricht hingegen als Wahlpflichtunterricht eingeführt werden. So sollen die Eltern entscheiden können, ob ihr Kind daran teilnehmen soll oder nicht. Für den Religionsunterricht soll es mehrere verschiedene Programme geben, sodass jede Familie die Möglichkeit hat, ein passendes Angebot auszuwählen.

Zurzeit ist das Fach an bulgarischen Schulen noch nicht eingeführt. Schon zu Beginn war klar, dass es nicht sofort im kommenden Schuljahr starten kann, da es noch kein vollständig ausgearbeitetes Lernprogramm, keine passenden Schulbücher und kaum dafür ausgebildete Lehrkräfte gab. Ob und wann das Fach eingeführt wird, wissen wir immer noch nicht mit Sicherheit.

Wo ein Missverständnis das nächste auslöst

Wenn vorgeschlagen wird, ein neues Fach in den Stundenplan aufzunehmen, ist es verständlich, dass viele Eltern wissen möchten, wie es ihr Kind betrifft und worin genau das Fach besteht. Allerdings kam es bei uns, zumindest kurz nach der Ankündigung, zu vielen Missverständnissen und dadurch auch zur Verbreitung von Fehlinformationen.

Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, woher diese Information kam: Eine Zeit lang dachten viele, dass dieser Unterricht nicht wie ein reguläres Schulfach stattfinden, sondern völlig anders ablaufen würde. Es war eindeutig ein Missverständnis. Trotzdem schienen manche Eltern davon überzeugt zu sein, dass ihre Kinder von Priestern statt von Lehrkräften unterrichtet werden würden.

Daraus entstand auch die Sorge, dass die Regierung der Kirche eine zu große Rolle im schulischen Alltag verschaffen könnte. Das stieß besonders bei Menschen auf Ablehnung, die einer anderen Glaubensrichtung angehören als die Mehrheit bei uns – die meisten Bulgaren sind christlich-orthodox – oder die grundsätzlich der Meinung sind, dass Religion in der Schule keinen Platz hat.

Seitdem wurde jedoch mehrmals klargestellt, dass nicht geplant ist, Priester in die Schulen zu holen, damit diese das Fach unterrichten. Stattdessen sollen Lehrkräfte, vor allem Grundschullehrerinnen und -lehrer, speziell ausgebildet werden, damit sie den Unterricht in ihren Klassen übernehmen können.

Nur ein Wahlpflichtunterricht

Andere waren strikt gegen die Einführung eines solchen Faches, weil sie dachten, dass ihr Kind verpflichtet sein würde, am Religionsunterricht teilzunehmen. Auch das entspricht nicht dem bisherigen Konzept. Die Idee des Bildungsministeriums war, dass nur der Teil „Tugend“ verbindlich ist und der Religionsteil niemanden zur Teilnahme zwingt. Dabei wurde erklärt, dass das Fach „Tugend“ ungefähr wie eine Mischung aus Ethik und Philosophie gestaltet werden soll.

Die Meinungsunterschiede

Das Schulfach ist bei uns auf jeden Fall ein schwieriges Thema. Das merke ich auch oft in Gesprächen. Jeder hat eine eigene Meinung, die er äußern möchte. In Sofia gab es im vergangenen Jahr mehrere Proteste gegen Religionsunterricht an Schulen. Darauf folgten Gegenproteste, die die neue Idee unterstützten.

Ist das Konzept überhaupt umsetzbar?

Ich finde, es wird viel darüber gesprochen, ob das Fach eingeführt werden soll oder nicht. Dabei wird die Frage vernachlässigt, ob und wie sich das Konzept überhaupt umsetzen lässt. Ich denke, es wird sehr aufwendig und kostspielig sein, neue Schulbücher zu erstellen, Lehrkräfte auszubilden und ein Lernprogramm auszuarbeiten. Zudem muss man bedenken, dass der derzeitige Stundenplan bereits voll ist. Gibt es wirklich Platz für ein weiteres Unterrichtsfach?

Ist ein Schulfach die Lösung unserer Probleme?

Ich selbst werde das Fach wahrscheinlich nie haben. Aus dieser Position kann ich nicht wirklich sagen, ob ich am freiwilligen Teil teilnehmen würde oder nicht. An sich halte ich das Konzept nicht für schlecht, allerdings für etwas überflüssig. Zwar gibt es in letzter Zeit immer wieder Probleme mit Disziplin und Aggression unter Jugendlichen, doch ich bin mir nicht sicher, inwiefern ein neues Fach wie dieses die Situation verbessern kann.

Trotzdem bleibe ich gespannt, wie es mit „Tugend und Religion“ weitergehen wird.

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