„USA sichern sich ein Fünftel der Ölreserven Venezuelas.“ Die Meldung taucht bei mir auf Instagram zwischen anderen ZIB-Posts auf. Mein erster Gedanke geht weniger zum Ölpreis als zur Macht dahinter. Die USA sind die größte Volkswirtschaft der Welt. Wenn sie sich einen so großen Zugriff auf die Rohstoffe eines anderen Landes sichern, verändert das wirtschaftliche und politische Kräfteverhältnisse.
US-Präsident Donald Trump nennt die Vereinbarung den „größten Öl-Deal in der Weltgeschichte“. Nach seinen Angaben erhalten die USA über eine Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen die Mehrheitskontrolle über 65 Milliarden Barrel nachgewiesener venezolanischer Ölreserven. Venezuela besitzt insgesamt rund 303 Milliarden Barrel und damit die größten bekannten Erdölreserven der Welt. Die 65 Milliarden entsprechen ungefähr einem Fünftel davon.
Was bekommen die USA eigentlich?
Hier wird es komplizierter als die Instagram-Schlagzeile vermuten lässt. Die USA kaufen Venezuela sein Öl laut bisherigen Angaben nicht einfach ab. Geplant sind Beteiligungen und gemeinsame Unternehmen, über die amerikanische Akteure großen Einfluss auf mehrere Ölfelder erhalten sollen.
Venezuelas Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez spricht von Investitionen in Höhe von rund 100 Milliarden Dollar in die heruntergewirtschaftete Ölindustrie. Ihr Land soll gleichzeitig Eigentümer seiner natürlichen Ressourcen bleiben. Viele Details zur rechtlichen Konstruktion, zu beteiligten Firmen und zur Finanzierung sind weiterhin offen. Reuters und AP berichten deshalb auch über erhebliche rechtliche und politische Fragen rund um das Abkommen. Reuters
Für mich liegt hier der interessanteste Punkt. Venezuela könnte dringend benötigte Investitionen erhalten. Gleichzeitig bekommt die mächtigere Seite enormen Einfluss auf einen Rohstoff, von dem die venezolanische Wirtschaft seit Jahrzehnten abhängt.
Erst Maduro festgenommen, jetzt der Öl-Deal
Der Deal fällt in eine außergewöhnliche politische Situation. Im Jänner nahmen US-Streitkräfte Venezuelas damaligen Präsidenten Nicolás Maduro bei einem Militäreinsatz in Caracas fest und brachten ihn in die USA. Dort wartet er auf einen Prozess wegen Drogendelikten und weiterer Vorwürfe. Seine frühere Stellvertreterin Delcy Rodríguez führt Venezuela seither übergangsweise.
Damit bekommt die Vereinbarung eine weitere Ebene. Die USA übten bereits vor dem Deal starken Druck auf Caracas aus und warben gleichzeitig bei amerikanischen Ölkonzernen für Investitionen in Venezuela.
Kritik kommt inzwischen sogar aus unterschiedlichen politischen Lagern Venezuelas. Einige werfen der Regierung vor, zu viel Kontrolle über nationale Ressourcen abzugeben. Andere hoffen auf Jobs, Investitionen und höhere Staatseinnahmen.
Wird Tanken bei uns jetzt billiger?
Das wäre vermutlich die praktischste Frage für viele von uns. Wer selbst fährt oder bei den Eltern beim Tanken dabei ist, merkt die hohen Preise sofort. Ich finde vor allem Autofahren inzwischen ziemlich teuer.
Am 28. August lag der österreichweite Median laut E-Control bei 1,793 Euro pro Liter Super und 2,014 Euro pro Liter Diesel. E-Control
Zusätzliches venezolanisches Öl könnte langfristig das weltweite Angebot erhöhen und damit Preisdruck nach unten erzeugen. Kurzfristig sollten wir jedoch keine Wunder an der Tankstelle erwarten. Venezuelas Förderanlagen und Pipelines brauchen umfangreiche Investitionen. Die derzeitige Produktion liegt weit unter den Mengen früherer Jahrzehnte. Fachleute rechnen deshalb eher in Jahren als in Wochen, bevor der Deal größere Mengen zusätzliches Öl auf den Weltmarkt bringen könnte.
Für österreichische Preise spielen außerdem viele andere Faktoren mit: Weltmarktpreise, Steuern, Raffineriekosten, Transport und internationale Konflikte.
Warum uns Venezuela trotzdem betrifft
Zwischen Wien und Caracas liegen Tausende Kilometer. Wirtschaftlich ist die Entfernung kleiner.
Die EU importiert weiterhin große Mengen fossiler Energie. Seit Beginn der jüngsten Krise im Nahen Osten im Februar gab die EU laut Europäischer Kommission rund 53 Milliarden Euro zusätzlich für fossile Energieimporte aus. Solche Zahlen zeigen, wie abhängig Preise bei uns von politischen Ereignissen außerhalb Europas bleiben. Energy
Wenn eine Weltmacht Kontrolle über riesige neue Ölreserven bekommt, geht es deshalb um viel mehr als amerikanische Tankstellen. Es geht um Handelsströme, Energiepreise und politischen Einfluss.
Für uns kommt noch eine zweite Frage dazu. Während Europa versucht, Verkehr und Energie stärker auf Strom und erneuerbare Quellen umzustellen, werden gleichzeitig Milliarden in neue Ölproduktion investiert. Das Öl unter Venezuela könnte noch Jahrzehnte gefördert werden.
Wem gehört ein Rohstoff, wenn jemand anderes ihn kontrolliert?
Vielleicht ist das die spannendere Frage hinter Trumps „größtem Öl-Deal der Weltgeschichte“.
Venezuela sagt, seine Bodenschätze bleiben venezolanisch. Die USA sprechen gleichzeitig von Mehrheitskontrolle über 65 Milliarden Barrel. Beide Aussagen können innerhalb komplizierter Firmenkonstruktionen nebeneinander existieren. Politisch fühlt sich der Unterschied zwischen Eigentum und Kontrolle trotzdem ziemlich klein an.
Als ich die Schlagzeile auf Instagram gesehen habe, dachte ich zuerst an politische Machtausnutzung. Nach der Recherche ist das Bild komplizierter. Venezuela bekommt eine Chance auf Investitionen in eine kaputte Industrie. Die USA bekommen Zugang zu einer gigantischen strategischen Ressource.
Und wir merken vielleicht erst an einer viel banaleren Stelle, wie weit dieser Deal reicht: wenn irgendwann an der Tankstelle wieder eine neue Zahl über dem Literpreis steht.
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