Jugendliche sehen sich heute Realitäten gegenüber, die sie verunsichern. Krieg in der Ukraine und in Nahost, steigende Kosten und eine zunehmend unsichere Zukunft. Der Optimismus der 90er Jahre wurde von einem jugendlichen Zynismus ersetzt. Westliche Demokratien verlieren an Relevanz und Jugendliche suchen nach Alternativen, die Welt ihrer Eltern ist ja kaum mehr wiederzukennen. Eine Erhebung des Bundesministeriums für Soziales aus 2022 zeigt einen Anstieg psychischer Leiden. Seit 2010 haben sich Symptome wie Gereiztheit, Nervosität und Einschlafschwierigkeiten bei österreichischen Jugendlichen verdoppelt.
Gen Z sucht nach Antworten für diese Probleme. Das reale Leben bietet nicht den Halt, den sie brauchen und psychosoziale Hilfe ist ausgebucht oder teuer. Die Corona-Jahre haben soziale Ängste und Einsamkeit zugespitzt, jeder war für sich. Im Lockdown haben sich Jugendliche also digital vernetzt, im echten Leben durften sie das ja nicht mehr. Das Internet haben sie nie verlassen.
Sie landen also in Internet-Nischen, die einfache Lösungen für komplexe Fragen bieten. Dabei verliert die Jugend den sozialen Zusammenhalt, den Protest früheren Generationen geboten hat. Statt miteinander auf die Straße zu gehen und im Protest eine gemeinsame Identität zu finden, suchen sie Halt in Selbstoptimierung und der privaten Sehnsucht nach anderen poltischen Systemen. Gen-Z verliert sich im „Looksmaxxing“ und „Chinamaxxing“.
Was ist eigentlich „Maxxing“?
Die „Maxxing“ Trends überfluten zur Zeit soziale Medien wie TikTok und Instagram. „Maxxing“ beschreibt die Maximierung einer Fähigkeit, eines Charakterzuges oder des eigenen Aussehens. Der Begriff kommt aus der Videospielszene, in der Charaktere bewusst trainiert werden, bis sie etwas perfekt beherrschen. Während es in Videospielen ein maximales Level gibt, ist das Ende bei den „Maxxing“ Trends auf social media nicht zu sehen. Durch radikale Veränderungen in der Diät oder dem Lebensstil will sich Gen-Z schnell optimieren, das geht teilweise ins Extrem.
Jugendliche Ungeduld und Unsicherheit trifft hier auf räuberische Algorithmen. Eine Studie aus der Fachzeitschrift Body Image aus dem Jahr 2025 sieht einen Zusammenhang zwischen vermehrter Social Media Nutzung und niedrigem Selbstwert, häufig kombiniert mit gestörtem Essverhalten. Algorithmen sammeln zudem immer mehr Daten, um Nutzer auf ihren Plattformen zu halten, das tut diesen offensichtlich nicht gut. Denn einzelne Selbstzweifel werden durch Videos zur Selbstoptimierung verstärkt. Die Lösung auf die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper finden Jugendliche ebenfalls auf Social Media in „Looksmaxxing“-Videos.
„Looksmaxxing“ zum perfekten Selbst
In den Videos versprechen Influencer ihren Followern besseres Aussehen und dadurch mehr Erfolg im Leben, dafür müssten sie nur ihren Alltag anpassen. Von Diät und Sport reichen die Tipps sogar zur Einnahme von Steroiden oder zu Selbstverletzung wie beim „Bonesmashing“, hier werden bewusst die eigenen Knochen zerstört. Die Trends begeistern besonders junge Männer, hinter der harten Fassade äußerer Makellosigkeit liegen aber oft Unsicherheiten und Einsamkeit, die auf das eigene Aussehen zurückgeführt werden.
Die Idee hinter „Bonesmashing“ basiert auf echten medizinischen Erkenntnissen. Durch wiederholte Belastung der Knochen werden diese stärker, so auch im Kiefer. Beim „Bonesmashing“ schlagen sich Jugendliche also mit Hammern ins Gesicht, um ihre Knochen zu stärken und ihrem Schönheitsideal näher zu kommen. Nur wer eine besonders ausgeprägte Kinnpartie, oder „jawline“ hat, ist auch ein echter Mann.
Clavicular, bürgerlich Braden Eric Peters, ist einer der bekanntesten Influencer aus der „Looksmaxxer“-Szene, ihm folgen besonders viele junge Männer. Der 20-jährige empfiehlt auf Zehenspitzen zu gehen, um größer zu wirken. „Tiptoemaxxing“, nennt er das. „Bonesmashing“ macht Peters natürlich auch. Seine Eltern mussten sogar Hammer vor ihm verstecken, damit er aufhört sich den Kiefer zu zertrümmern.
Grüneres Gras in China
Während die einen „Bonesmashing“ und „Tiptoemaxxing“ betreiben, finden andere auf Tiktok Antworten auf globale Probleme. Die Inspiration kommt aus China, das scheinbar von keiner Krise betroffen ist. Für die „Chinamaxxer“ bietet das autokratische Land mehr Möglichkeiten als westliche Demokratien. Autoritäre Strenge soll Lösungen für komplexe Probleme bieten.
Der Trend hat seinen Anfang bei einer chinesischstämmigen Amerikanerin. Sherry Zhu teilt alltägliche Gewohnheiten ihrer chineschischen Familie. Warmes Wasser in der Früh, um den Magen anzuregen oder Traditionen rund um chinesische Feiertage. Mit Phrasen wie „Ab heute bist du chinesisch“ oder „Chinesische Baddies“ begeistert sie das Internet.
Während viele der Videos nicht explizit politisch sind, propagieren andere konkret die Vorteile chinesischer Politik. Hasan Piker, ein populärer Streamer aus der linken Szene in den Vereinigten Staaten, tut das etwa. Er macht die wirtschaftliche und soziale Lage westlicher Länder für den Trend verantwortlich. Während die US-amerikanische Regierung seit Jahrzehnten ihr Land vernachlässige, diene die Volksrepublik Chinas ihrer Bevölkerung, so Piper. Er lobt das gute Bildungssystem, die ausgebaute Infrastruktur und die hohe Quote privaten Wohneigentums.
Der idealistische Schein trügt
Fehlende demokratische Werte interessieren die „Chinamaxxer“ und politischen Influencer wie Piper dabei nicht. In der Volksrepublik werden zwar veröffentlichte Daten zensiert, die Meinungsfreiheit stark unterdrückt und Wahlen gibt es auch keine, dafür gibt es aber hochmoderne Städte, entspannte Morgenroutinen und Teezeremonien
Die eigentliche Lage in China sieht dabei gerade für junge Menschen deutlich trister aus, als in den lustigen TikTok-Videos. China leidet unter hoher Jugendarbeitslosigkeit und auch die wirtschaftlichen Prognosen sehen nicht nur gut aus. Im Vergleich zu älteren Generationen sieht chinesische Jugend die wirtschaftliche Lage weniger optimistisch, so eine Befragung der University of California San Diego.
Wo bleibt die Protestkultur?
Der Druck auf die Jugend steigt durch geopolitische Unicherheiten und multiple Krisen. Also flüchtet Gen-Z in digitale Alternativrealitäten, die einfache Lösungen auf komplexe Systeme bieten.
Die 68er-Generation lernte ihren Frust zumindest noch auf der Straße auszuleben. Anfänge einer Protest- und Demokultur, wie etwa Fridays for Future, nahm die Covid-19 Pandemie der Gen Z aber weg. Subkulturen bilden sich heute im Internet, nicht in Clubs oder Kunsthallen. Gen Z leidet alleine vor dem Smartphone, vergleicht sich mit anderen und träumt von digitalen Utopien, statt sie real umsetzen zu wollen.
Das analoge Umfeld bietet nicht genug Hilfe, dafür hat das Internet mehr als genug Antworten. Von körperlicher Selbstoptimierung und Teezerominen reichen die bis zu autoritären politischen Systemen. Große Krisen, die nicht von Einzelnen gelöst werden können, bedürfen aber Lösungen, die sich nicht auf TikTok-Trends reduzieren lassen.