Tor, Jubel, dann Nyon
Der Ball ist im Netz. Die Fans springen auf, Bier schwappt aus Bechern und die Spieler laufen zur Eckfahne. Dann legt der Schiedsrichter den Finger ans Ohr. Plötzlich wird aus Jubel Warten: War eine Schuhspitze im Abseits? Gab es vor dem Tor ein Foul? Der Video Assistant Referee, kurz VAR, prüft die Bilder und kann dem Schiedsrichter einen möglichen klaren Fehler melden.
Bisher saßen die Video-Assistenten bei UEFA-Spielen an unterschiedlichen Standorten. Seit 8. September 2026 gibt es dafür ein neues Zentrum in Nyon in der Schweiz. Von dort sollen Video-Assistenten mehr als 220 Partien pro Saison betreuen. Das betrifft die Champions League, Europa League und weitere UEFA-Wettbewerbe und damit auch Europacupspiele österreichischer Vereine. Plötzlich kann die entscheidende Prüfung also Hunderte Kilometer vom Stadion entfernt stattfinden.
Elf Räume, viele Stadien
Stellt euch das Zentrum nicht wie einen einzelnen Fernseher in einem dunklen Kammerl vor. In Nyon gibt es elf sogenannte Video Operation Rooms. In jedem Raum sitzen Video-Schiedsrichter vor mehreren Bildschirmen. Auf einem läuft die normale Übertragung, auf anderen erscheinen Nahaufnahmen, Zeitlupen und zusätzliche Kamerawinkel.
Glasfaserleitungen verbinden die Räume mit Stadien in ganz Europa. Während ihr auf der Tribüne vielleicht nur seht, dass ein Stürmer fällt, können die Video-Assistenten die Szene von vorne, von hinten und in Zeitlupe prüfen: Trifft der Verteidiger zuerst den Ball? Steht der Fuß noch auf der Strafraumlinie? Zieht der Angreifer das Bein selbst nach?
„Das neue UEFA-VAR-Zentrum bringt unsere Technologie, unser Fachwissen und unsere Schiedsrichter in einer Umgebung zusammen“, sagte UEFA-Schiedsrichterchef Roberto Rosetti gegenüber UEFA.com. Arbeiten die Teams mit derselben Technik am selben Ort, können sie schwierige Situationen anschließend gemeinsam besprechen.
Was der VAR darf und was nicht
Ihr kennt wahrscheinlich diese Szene: Der Ball rollt eindeutig ins Seitenaus, aber die falsche Mannschaft bekommt den Einwurf. Ärgerlich – doch der VAR darf deshalb nicht eingreifen. Er ist grundsätzlich nur für bestimmte spielentscheidende Situationen zuständig.
Dazu gehören Tore, mögliche Elfmeter, direkte Rote Karten und die Verwechslung eines Spielers bei einer Karte. Konkret bedeutet das: War vor einem Tor jemand im Abseits? Geschah ein Foul knapp innerhalb oder außerhalb des Strafraums? Traf ein Spieler mit offener Sohle das Schienbein seines Gegners? Zeigte der Schiedsrichter versehentlich dem falschen Mitspieler Rot?
Das Video-Team prüft solche Szenen zunächst im Hintergrund. Erkennt es einen möglichen klaren und offensichtlichen Fehler, meldet es sich beim Schiedsrichter. Dieser kann zum Monitor neben dem Spielfeld laufen und die Bilder selbst ansehen.
Die endgültige Entscheidung trifft aber immer der Schiedsrichter auf dem Platz. Der Raum in Nyon ist also keine Fernbedienung, mit der ein Fußballspiel aus der Schweiz gesteuert wird.
Wenn zehn Kameras trotzdem nicht reichen
Mehr Bilder bedeuten nicht automatisch, dass kein Fehler mehr passiert. Das zeigte wenige Tage nach der Eröffnung des UEFA-Zentrums ein Fall aus der englischen Premier League. Beim Manchester-Derby konzentrierte sich das Video-Team laut Englands Schiedsrichterchef Howard Webb so stark auf die Abseitsposition von Erling Haaland, dass es den Einfluss eines anderen Spielers übersah.
Der VAR habe in diesem Moment einen „Tunnelblick“ bekommen, sagte Howard Webb in der Sendung Match Officials Mic’d Up, über die Sky Sports berichtete. Sein Urteil war eindeutig: „Dieses Tor hätte aberkannt werden müssen.“
Der Vorfall ereignete sich nicht in einem UEFA-Wettbewerb und wurde deshalb nicht aus Nyon betreut. Er zeigt aber, woran selbst moderne Technik scheitern kann: Die Kameras lieferten die Bilder, die Menschen stellten nicht alle richtigen Fragen.
Genau deshalb ist das neue Zentrum mehr als ein Technikraum. Die Video-Schiedsrichter sollen dort gemeinsam trainieren und ihre Abläufe verbessern. Wenn einer nur auf die Abseitslinie starrt, muss ein Kollege erkennen, was daneben passiert.
Warum ihr im Stadion trotzdem warten müsst
Das offizielle Regelwerk nennt für eine Überprüfung kein fixes Zeitlimit. Genauigkeit ist wichtiger als Geschwindigkeit. Für Fans kann sich das trotzdem endlos anfühlen. Die Mannschaft steht herum, der Tormusik geht die Luft aus und auf der Anzeigetafel steht vielleicht nur „VAR-Überprüfung“.
Das Zentrum kann stabile Leitungen, dieselben Bildschirme und gemeinsame Arbeitsabläufe liefern. Es beantwortet aber noch nicht die Frage, wie viel die Menschen im Stadion erfahren. Warum wurde das Tor aberkannt? Welche Berührung wird geprüft? Und warum dauert es diesmal zehn Sekunden, beim nächsten Mal aber zwei Minuten?
Die UEFA will in Nyon auch Schiedsrichter weiterbilden und das Zentrum für Verbände sowie Schulklassen öffnen. Besucher können dort sehen, wie viel Arbeit heute hinter einem einzigen Pfiff steckt. Vor allem sehen sie aber, wo die Technik endet: Eine Kamera kann zeigen, dass zwei Beine einander berühren. Ob daraus ein Elfmeter wird, entscheidet kein Kabel.
Wenn der Schiedsrichter künftig den Finger ans Ohr legt, wartet daher nicht nur das Stadion. In Nyon läuft das Bild zurück, auf der Tribüne verstummt der Jubel – und irgendwo muss ein Mensch entscheiden, ob aus einer Berührung ein relevanter Fehler wird.
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