Kultur Oberösterreich Fakten
KI-optimiert

Stefan Zweig ist mehr als eine Klassenlektüre

Profile Image
49
1
TOP 25 Autorin
Volontärin · HTL Braunau
03.08.2026
4 Min.

Die Schachnovelle des berühmten österreichischen Autors Stefan Zweig zählt zu den bedeutenden Werken der österreichischen Literaturgeschichte und wird deshalb bis heute im Deutschunterricht als Klassenlektüre gelesen. Erst später wurde mir bewusst, dass hinter diesem bekannten Werk auch die Geschichte eines jüdischen Österreichers steht, der seine Heimat verlassen musste. Diese Erkenntnis hat meinen Blick auf das Buch verändert – und mir zugleich gezeigt, wie selbstverständlich jüdische Kunst un

Sichtbarmachung ist ein guter Weg, Antisemitismus zu bekämpfen. (Foto: Viktoria Danielová auf pexels)

Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir im Deutschunterricht die Schachnovelle gelesen haben: Das Buch vor mit auf dem Tisch, Textstellen markiert, daneben Notizen zu den Figuren und zum Aufbau der Handlung. Wir haben darüber gesprochen, wie die Novelle erzählt ist, welche Bedeutung das Schachspiel für die Geschichte hat und wie sich die Figuren entwickeln. Was hinter dem Buch und seinem Autor stand, war dabei zunächst weit weniger präsent. Erst als ich mich für diese Arbeit genauer mit Stefan Zweig beschäftigte, begann ich, die Geschichte, die wir im Unterricht gelesen hatten, mit anderen Augen zu sehen.

Die Schachnovelle im Deutschunterricht zu lesen, bedeutet für mich zunächst einmal, sich mit dem Aufbau der Textsorte auseinanderzusetzen, Figuren zu betrachten und besondere Passagen zu analysieren. Über den Menschen, der hinter dem Buch steht, haben wir dabei allerdings kaum gesprochen. Erst meine Recherche zeigte mir, dass ich durch die Klassenlektüre im Deutschunterricht bereits eine erste Verbindung zu jüdischer Kunst und Kultur habe.

Denn Stefan Zweig war Jude. Zwar bezeichnete er sich selbst als nicht religiös und beschrieb sich später als „Jude aus Zufall“, dennoch prägte seine jüdische Herkunft sein weiteres Leben entscheidend. Wie rund 130.000 andere Jüdinnen und Juden musste auch Zweig Österreich während der nationalsozialistischen Verfolgung verlassen. Die Schachnovelle entstand schließlich im Exil.

Dadurch bekam das Buch für mich noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Während es in der Schule zunächst einfach eine Klassenlektüre war, merkte ich im Zuge meiner Recherche, dass hinter diesem Buch auch die persönliche Geschichte eines Menschen steht, der Verfolgung, Flucht und Exil erlebt hat.

Jüdische Kultur ganz persönlich

Diese Verbindung hat mich weiter darüber nachdenken lassen, wo mir jüdische Kunst und Kultur in meinem Alltag noch begegnen. Dabei musste ich an den Namen einer Freundin denken: Timna. Sie trägt diesen Namen nicht zufällig. Ihre Eltern haben ihn nach der österreichischen Sängerin und Künstlerin Timna Brauer gewählt.

Timna Brauer ist eine israelisch-österreichische Sängerin und Musikerin und beschäftigt sich in ihrer Arbeit unter anderem mit jüdischer Musik und Kultur. Für mich war es überraschend, dass mir jüdische Kultur nicht nur in einem Buch aus dem Deutschunterricht begegnet, sondern sogar im Namen eines Menschen aus meinem persönlichen Umfeld.

Diese kleine Verbindung hat mir gezeigt, dass jüdische Kultur nicht nur an bestimmten Orten und zu bestimmten Anlässen sichtbar ist, sondern auch ganz selbstverständlich Teil des Alltags sein kann – und zwar auch dort, wo man zunächst gar nicht damit gerechnet hat.

Wenn Museen Geschichte lebendig halten

Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wurde mir aber auch bewusst, dass solche Sichtbarkeit nicht nur zufällig entsteht. In Österreich gibt es viele Orte, die jüdische Geschichte und Kultur bewusst bewahren und sie so auch für Menschen zugänglich machen, die sonst vielleicht keine Berührungspunkte damit hätten. Einer dieser Orte ist das Jüdische Museum Wien, das zeigt, dass jüdische Kultur nicht nur ein Teil der Vergangenheit ist.

In der Dauerausstellung „Unsere Stadt! Jüdisches Wien bis heute“ wird jüdisches Leben von der Geschichte bis in die Gegenwart dargestellt. Dazu kommen wechselnde Ausstellungen, die sich mit Kunst, Kultur und aktuellen gesellschaftlichen Themen beschäftigen.

Für mich zeigt sich dadurch, dass ein Museum nicht nur ein Ort sein muss, an dem Vergangenheit hinter Glas ausgestellt wird. Es kann auch ein Ort sein, an dem jüdische Kunst und Kultur immer wieder neu betrachtet, diskutiert und weitergetragen werden. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass jüdische Kunst nicht nur dort zu sehen ist, wo sie bewusst aufbewahrt wird. Sie entsteht auch heute neu – in Musik, Literatur und Film, durch junge Künstlerinnen und Künstler, die ihre eigene jüdische Identität und ihre Erfahrungen in ihre Werke einbringen.

Jüdische Kultur ist Gegenwart

Eine Künstlerin, die genau dafür steht, ist die in Wien lebende Künstlerin Lea Kalisch. Die gebürtige Schweizerin verbindet in ihrer Musik traditionelle jüdische Elemente mit modernen Stilrichtungen wie Hip-Hop, Rap und Pop. Auch Jiddisch und Hebräisch finden in ihren Liedern Platz. In ihren Songs und Performances beschäftigt sie sich mit jüdischer Identität, Tradition und der Frage, wie jüdisches Leben sichtbar sein kann.

Gerade das hat meinen Blick auf jüdische Kunst noch einmal verändert. Bis dahin hatte ich jüdische Kultur vor allem mit Geschichte, Tradition und Erinnerung verbunden. Das Beispiel von Lea Kalisch hat mir dagegen gezeigt, dass jüdische Kunst genauso gut modern, experimentell und überraschend sein kann. Sie bewahrt Tradition nicht einfach, sondern entwickelt sie weiter und macht sie zu einem Teil der Gegenwart.

Sichtbarkeit schafft Verständnis

Gerade diese neue Sichtbarkeit kann auch im Umgang mit Antisemitismus eine wichtige Rolle spielen. Wenn jüdische Künstlerinnen und Künstler ihre Werke in Literatur, Musik, Film oder Theater aktiv präsentieren, wird jüdisches Leben nicht nur mit historischen Ereignissen verbunden. Es bekommt Gesichter, Stimmen und Geschichten aus der Gegenwart.

Dass Wissen über jüdisches Leben auch im Kampf gegen Antisemitismus eine Rolle spielen kann, zeigt auch die Sonderauswertung der österreichischen Antisemitismusstudie 2022. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass junge Menschen, die sich stärker mit dem Holocaust, Israel und dem jüdischen Leben beschäftigen, antisemitische Aussagen stärker ablehnen.

Für mich bedeutet das nicht, dass ein Song oder ein Buch allein Antisemitismus verhindern kann. Kunst kann aber einen Zugang schaffen, wo davor vielleicht keiner war. Sie kann dazu beitragen, jüdisches Leben nicht nur als Teil der Geschichte zu sehen, sondern als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft, in der wir heute leben.

Kommentare