campus a college: Hallo, vielen Dank, dass Sie sich heute die Zeit für dieses Interview genommen haben. Wann und wie haben Sie Ihre Liebe zum Klavier entdeckt?
Gile Bae: Nun, meine Mutter ist Geigerin, also war Musik eigentlich schon in der Familie. Bei uns zu Hause lief immer klassische Musik, und meine Mutter spielte ständig. Irgendwann hörte sie auf, Konzerte zu geben, und begann, sehr junge Schüler privat zu unterrichten. So bin ich also mit klassischer Musik aufgewachsen. Als ich vier war, fing ich mit dem Geigenunterricht an. Ich hatte eine russische Lehrerin, und sie sagte mir, dass man, um Geige spielen zu können, auch Klavier spielen können müsse. Denn bei der Geige muss man den Ton selbst erzeugen, beim Klavier sind die Töne schon da. Also begann ich gleichzeitig auch mit dem Klavier und anscheinend mochte ich das Klavier viel lieber.

campus a college: Gab es einen Moment in Ihrer Kindheit, in dem Sie beschlossen haben, Pianistin zu werden?
Gile Bae: Ich wurde mit sechs Jahren am Königlichen Konservatorium in Den Haag aufgenommen. Seitdem war alles, was ich tat, ganz natürlich auf diesen Weg ausgerichtet Konzertpianistin zu werden. Ich musste mich nie dazu zwingen. Meine Eltern haben mich nicht gedrängt, meine Lehrerin auch nicht.
campus a college: Sie haben schon in sehr jungem Alter auf großen Bühnen gespielt. Wie schwierig war es, Schule und Ihre Leidenschaft für Musik unter einen Hut zu bringen?
Gile Bae: Ich hatte ziemlich viel Glück, weil ich am Konservatorium die „School for Young Talents“ gemacht habe. Dort gab es drei Bereiche: Kunst, Musik und Tanz. Es war selbstverständlich, dass ich auch unter der Woche tagsüber Konzerte hatte. Aber alles spielte sich innerhalb des Konservatoriums ab. Ich begann morgens um acht mit Chor, dann folgten Geschichts- und Mathematikunterricht und alles andere. Zwischendurch hatte man auch zwei Stunden Freizeit, die eigentlich zum Üben gedacht waren. Man konnte also einen Raum mieten und zwei Stunden üben oder sich entspannen. Außerdem hatte man Fächer wie Harmonielehre, Gehörbildung und natürlich Einzelunterricht. Es war also ein großes Projekt, das disziplinierten Schülern helfen sollte, ihre Ziele zu erreichen, ohne dass das eine das andere verdrängte.
Mit 5 Jahren der erste Auftritt vor 2000 Zuhörern
campus a college: Haben Sie bestimmte Erinnerungen an Ihren ersten Auftritt vor Publikum?
Gile Bae: Ja, ich war fünf Jahre alt, als ich Haydns Klavierkonzert in D-Dur in Südkorea spielte. Mit Orchester, ich war also Solistin. Ich erinnere mich, dass ich mit meiner damaligen Lehrerin dort war. Vor dem Konzert hatten wir Proben, und sie nahm mich an die Hand und sagte: „Komm, wir machen einen Spaziergang durch den Saal.“ Dann gingen wir bis in die letzte Reihe des Konzertsaals. Sie sagte: „Siehst du, dort wirst du nicht sitzen“, und zeigte auf die Bühne. „Von dort aus musst du deinen Klang bis hierher projizieren.“ Damit ich verstand, wie groß der Saal war und wie ich den Klang tragen musste. Dann gingen wir durch die Reihen, und ich zeigte ihr: „Hier wirst du sitzen.“ Ich erinnere mich, dass ich, sobald ich auf die Bühne ging, sofort nach ihr suchte, weil ich genau wusste, wo sie saß. Ich winkte ihr sogar zu und mir war gar nicht bewusst, dass dort rund zweitausend Menschen im Saal saßen und darauf warteten, dass ich spiele. Für mich war das einfach ein großes, fröhliches, spielerisches Erlebnis. Es fühlte sich nicht stressig an und dieses Gefühl habe ich bis heute. Es war sehr gut, dass es so anfing und nicht auf eine traumatische Weise, die einen vielleicht die ganze Karriere über begleiten würde.
"Mozart und Beethoven werden anders interpretiert"
campus a college: Wie würden Sie Ihren Klavierstil selbst beschreiben?
Gile Bae: Ich würde sagen, ich bin eine sehr instinktive Person. Natürlich versucht man innerhalb des Rahmens zu bleiben. So ist es auch mit der Musik. Man hat bestimmte Regeln für bestimmte Komponisten. Barockmusik spielt man anders als romantische Musik. Chopin, Schumann, diese Komponisten werden ganz anders interpretiert als Mozart oder Beethoven. Ich muss natürlich die Grundlagen kennen, wissen, was man tut und die Geschichte des Stücks und des Komponisten verstehen. Aber innerhalb dieses Rahmens hat man sehr viel Freiheit und das spüre ich. Oft höre ich mir Konzertaufnahmen von mir an, und sie klingen völlig anders als die vorherige. Ich denke, das hängt sehr vom Publikum ab und von der Wärme, die man von ihm bekommt, von der Interaktion.

campus a college: Wie viel Freiheit kann man sich Ihrer Meinung nach erlauben, wenn man ein Stück von jemandem wie Johann Sebastian Bach spielt?
Gile Bae: Immer innerhalb des Rahmens. Das ist ein Thema, das man schwer in zwei Sätzen erklären kann, weil es sehr tief geht. Aber kurz gesagt: Bach wurde 1685 geboren, und die Klaviere damals waren völlig anders als die heutigen. Heute haben wir wunderschöne Bösendorfer-Flügel, größer und klangvoller als alles, was Bach kannte. Er komponierte auf Cembalo, Clavichord oder Orgel, Instrumente mit ganz anderem Klang. Natürlich spielt man also ein Stück auf einem Instrument, das völlig anders ist als das, wofür es geschrieben wurde. Zum Beispiel gab es damals kein Pedal, welches heute die Töne verlängert. Ich kann das Pedal benutzen, aber mit Maß und Logik, nicht übermäßig, damit keine Harmonien entstehen, die Bach nie beabsichtigt hat. Es geht also um einen Kompromiss, zwischen dem Klang, den Bach damals hatte, und dem, den er vielleicht gehabt hätte, wenn er heutige Instrumente gekannt hätte.
campus a college: Ihre Bach-Interpretationen werden oft gelobt. Was fasziniert Sie so sehr an ihm?
Gile Bae: Ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen, aber vor allem mit Bach. Zum Beispiel spielte meine Mutter, als sie mit mir schwanger war, für eine Prüfung viele Bach-Sonaten. Ich kann mir also vorstellen, wie viel Bach ich schon damals gehört habe. Bachs Musik hat diesen inneren Schwung, diesen stetigen Rhythmus, wie ein Herzschlag, so menschlich. Zugleich ist seine Musik eng mit Religion verbunden. Bach war Lutheraner. Er arbeitete nicht für Ruhm oder Bewunderung, sondern aus tiefer Überzeugung. Das hört man in seiner Musik. Manche seiner Melodien klingen wie ein menschliches Gebet. Ich selbst bin nicht religiös, aber ich finde es faszinierend, wie man durch Musik den Glauben eines Komponisten spüren kann. Es ist reines, ungezwungenes Talent. Bach wollte auch nie berühmt werden. Viele seiner Stücke für Tasteninstrumente waren eigentlich nur zum Üben oder Lehren gedacht, nicht für große Konzertsäle. Diese Bescheidenheit ist heute selten und das berührt mich.

campus a college: Würden Sie sagen, dass genau das vielleicht der Grund ist, warum er am Ende doch so berühmt wurde, obwohl er das gar nicht wollte?
Gile Bae: Ich denke, das liegt daran, dass seine Musik zeitlos ist. Man kann sie mit so vielem kombinieren. Ich bin zwar kein großer Fan davon, aber heutzutage machen viele Menschen elektronische oder andere Bearbeitungen seiner Werke, weil sie swingt, weil man dazu tanzen kann. Sie ist einfach zeitlos. Und dass sie nach fast 400 Jahren immer noch lebendig ist, sagt alles.
campus a college: Gibt es Unterschiede zwischen den Ländern, in denen Sie auftreten?
Gile Bae: Ja, überall, sogar innerhalb Europas. Das Publikum in den Niederlanden, Italien, Deutschland oder Spanien ist immer anders. Je mehr man reist, desto mehr spürt man das. Deshalb sagte ich auch: Ich habe keinen festen Spielstil. Ich passe mich dem Publikum an, dem Moment. Das kann man nicht planen, das passiert auf der Bühne.
Wie lassen sich Jugendliche für klassische Musik begeistern?
campus a college: Welchen Rat würden Sie Kindern und Jugendlichen geben, die Musiker werden wollen? Gibt es ein Alter, ab dem es zu spät ist?
Gile Bae: Es ist nie zu spät. Natürlich ist die Konkurrenz heute sehr groß, selbst unter Pianisten, die schon mit drei, vier Jahren begonnen haben. Aber das ist überall so, auch im Sport. Trotzdem, Musik zu lernen ist nie zu spät. Es fördert Sensibilität, Kreativität und auch das soziale Leben. Viele Menschen trauen sich nicht, klassische Konzerte zu besuchen, weil sie denken, sie seien nicht vorbereitet oder würden es nicht verstehen. Aber das ist ein Irrtum. Man sollte einfach hingehen, sich öffnen und fragen: Was macht diese Musik mit mir? Es ist wie eine Sprache, man versteht sie nicht beim ersten Hören, aber mit der Zeit wächst das Verständnis. Ich lebe seit 15 Jahren in Italien, am Anfang konnte ich nur „buongiorno“ und „Pizza Margherita“ sagen. Aber durchs tägliche Hören habe ich die Sprache gelernt. So ist es auch mit Musik: Man muss sich einfach darauf einlassen.
campus a college: Wie könnte man Ihrer Meinung nach mehr junge Menschen für klassische Musik begeistern, wo Pop und Rap so viel beliebter sind?
Gile Bae: Pop ist einfacher, man muss nicht stillsitzen, und wenn man im Konzert eine Süßigkeit öffnet, schaut einen niemand böse an. Bei Klassik ist es strenger, und viele fühlen sich dadurch eingeschränkt, wie in der Schule. Ich denke, es hängt viel davon ab, wie man aufwächst. Heute machen sich viele Eltern keine Gedanken darüber, was ihre Kinder hören. Meine Eltern dagegen wählten selbst für kurze Autofahrten bewusst, was wir hören sollten. Kinder sind Schwämme, sie saugen alles auf. Schon 15 Minuten Mozart oder Verdi am Tag können einen großen Unterschied machen. Diese Musik erzählt Geschichten, wie Märchen, nur mit Musik. So kann man lernen, Musik zu verstehen. Es ist alles eine Frage der Bildung.
campus a college: Gibt es ein Traumprojekt, das Sie eines Tages unbedingt verwirklichen möchten?
Gile Bae: Mein Ziel ist meinen Weg weiterzugehen. Es wäre schön, jüngere Generationen auf eine spielerische, angenehme Weise stärker in die klassische Musik einzubeziehen, so wie ich selbst hineingefunden habe. Nicht jeder Musiker kommt so locker in diese Welt, aber als Zuhörer kann man das. Mein Ziel ist es also, junge Menschen für klassische Musik zu gewinnen, ihnen zu zeigen, dass sie nicht langweilig ist, sondern das Leben bereichern kann.
Dieses Interview wurde aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.
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