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So fühlte es sich an, in der BRD oder Sowjetunion in die Schule zu gehen

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Volontär · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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26.09.2026
7 Min.

Wütend umgeworfene Schreibtische, Granaten im Werkunterricht und dieselbe ewige Sehnsucht nach ein bisschen Freiraum: Egal auf welcher Seite des Eisernen Vorhangs, in den 1950er- bis 1970er Jahren lernten Kinder in der Schule das Funktionieren, aber auch die Lücken im System zu finden. Begleite Ulrich Buciek, Katja und Nikolai zurück in ihre Schulzeit. Sie ist voller eiskalter Sechser, strengen Regeln und einem Geschichtslehrer, der das Schweigen über die Nazis brach.

 

Das ist Ulrich Buciek. Ein ganz normaler 81-jähriger Schwabe, der sich einfach enorm darüber gefreut hat, dass ich ihn auf seine Schulzeit angesprochen habe. :) (Foto: Alexander Chirkovski)

Wir sind in Moskau, der Kalender zeigt das Jahr 1970. Die warme Frühlingssonne fällt schräg durch die großen Fenster der 8. Klasse in der aktuell Geometrieunterricht stattfindet. Draußen zwitschern die Vögel, drinnen tratschen wir mit unseren Mitschülern. Vorne an der Tafel steht die Lehrerin, eine ältere Frau, und kritzelt Formeln an die Tafel, in der Hand ein einen Meter langes Holzlineal. 

Ruckartig dreht sie sich um, ihr Gesicht merklich angespannt. Mit voller Wucht knallt sie das Lineal auf das Lehrerpult: „ТИХО!“ (russisch für „Leise!“), schreit die Lehrerin. 

Zack!  Der Aufprall ist so heftig, dass das Holz entzweibricht. Die vordere Hälfte des Lineals segelt im hohen Bogen knapp über unseren Köpfen hinweg durch den halben Raum und schlägt mit einem Knallen hinter den letzten Bänken auf den Boden. Schlagartige Mucks-Mäuschen-Stille. Um uns herum erstarren alle Gesichter. Keiner wagt es mehr auch nur zu atmen. 

Nikolai, damals 14 Jahre alt, vergisst diesen Knall sein Leben lang nicht „Danach ging der Unterricht ganz normal weiter, aber alle haben auf einmal still und extrem aufmerksam zugehört.“, erzählt er uns.


eine collage aus einem Bild von Nikolais Schule, ihm und seiner Klasse

Links: Nikolais Schule in Moskau | Mitte: So sah Nikolai damals aus | Rechts: seine KlassePrivat

Genauso ehrfurchtsvoll still geht es gut zwanzig Jahre früher im Jahr 1954 im Schwarzwald in der Nähe von Stuttgart zu. Wir betreten das Klassenzimmer, in dem die kühle Waldluft durch die offenen Fenster zieht und setzen uns zusammen auf eine der Holzschulbänke zu den bereits 33 sitzenden Kindern in unserer Klasse. „Den Blick mussten wir starr nach vorne richten und die Hände legten wir flach auf das Pult“, erzählt Ulrich Buciek, der heute 81 Jahre alt ist. Wenn er an diese Minuten zurückdenkt, sehen wir ihm die Anspannung förmlich an: „Man musste sehr diszipliniert sein. Das fiel nicht jedem leicht, mir schon gar nicht. Der Lehrer hat uns sehr streng angeguckt.“

Dieser strenge Blick herrscht auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs, ob im Moskau der 1970er oder in Baden-Württemberg der 1950er. Somit lernt man schnell, die Lücken des Systems zu nutzen.

Riskiert, Riskiert, SECHS KASSIERT.

Diese Lücken suchen wir 1954 in Baden-Württemberg an einem Ort, den der Lehrer von der Tafel aus nicht sehen kann: unter der aufklappbaren Holzplatte unseres Schultisches. Während der Lehrer unaufmerksam ist, heben wir während der Klausur den schweren Deckel heimlich um ein paar Millimeter an. Der dunkle Hohlraum riecht nach altem Holz und ausgelaufener Tinte. Wir schielen durch den schmalen Spalt auf das Heft unseres Banknachbarn und hoffen inständig, dass die Eisen-Scharniere nicht quietschen. 

Doch wehe der Lehrer dreht sich um!

„Wenn man da erwischt wurde, war die Arbeit sofort gelaufen. Ich spreche aus Erfahrung“, erzählt Ulrich heute lachend, „Keine Chance auf Nachschreiben, Arbeit abgenommen, eiskalt eine Sechs kassiert. Punkt.“ 

Vor einer eiskalten Sechs schützt allerdings keine Ausrede, wenn die Gedanken im Unterricht plötzlich ganz woanders sind. Wir beobachten, wie Ulrichs Blicke im Unterricht immer wieder weg von der Tafel, rüber zur Nachbarbank wandern. Da sitzt sie: Ursula, Ulrichs erste große Schulliebe. 

Ulrich versucht unauffällig  zu sein, doch der Lehrer bemerkt die interessierten Blicke schnell. Er unterbricht den Unterricht, wendet seinen Blick zum jungen Buciek und ruft trocken durch den Raum: „Also gut Buciek, wenn dich der Stoff nicht interessiert, setze ich dich ab morgen eben neben die Ursula!“

Der zehn-jährige Bursche läuft rot an wie eine Tomate. „Nein, nein, Herr Lehrer, ist schon gut so!“, nuschelt er eilig. „Er hätte mich wirklich rüber gesetzt“, erzählt Ulrich heute schmunzelnd, „aber für meine Noten war es im Nachhinein wohl besser, dass ich auf meinem Platz geblieben bin."

Erdbeben im Kinderzimmer

Auf dem eigenen Platz zu bleiben, ist das eine, für Katja in Moskau beginnt die Disziplin allerdings schon lange vor der Schulbank: morgens um Punkt sieben Uhr im eigenen Kinderzimmer. 

Wir stehen im Flur ihrer Moskauer Wohnung, als ihr Vater morgens die Zimmertür öffnet und sowohl Tischplatte als auch Kästen ins Visier nimmt. Seine Augen entdecken ein paar verstreute Stifte am Schreibtisch. Daraufhin kippt er den gesamten Schreibtischinhalt eiskalt mitten auf den Zimmerboden.

Katja muss das Durcheinander in Sekundenschnelle aufsammeln und alles wieder herrichten, die Schultasche packen und danach die anderthalb Kilometer zur Schule laufen. Um Punkt 8 Uhr beginnt der Unterricht und Zuspätkommen nahm ihr Vater nicht auf die leichte Schulter. „Zu Ordnung und Pünktlichkeit wurde ich sehr schnell erzogen“, erinnert sich Katja heute im Interview positiv gestimmt. 

ein sowjetisches Klassenzimmer in Moskau

Nicht nur rote Pionierstücher unterschieden Schüler in der Sowjetunion von jenen in der Bundesrepublik Deutschland, sondern eben auch die Dinge, die man auf Fotos nicht sehen kann, wie zum Beispiel die Erziehung.Thomas Taylor Hammond / University of Virginia CREEES / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, zugeschnitten auf 16:9.

Granaten im Werkunterricht

Doch die eiserne Disziplin des Alltags ist nur die Hülle für eine viel größere Mission: die patriotische Formung der nächsten Generation.

In den Moskauer Klassenzimmern ist der Zweite Weltkrieg, der „große vaterländische Krieg“, keine ferne Erinnerung, sondern allgegenwärtige Realität. Regelmäßig öffnen sich die Türen und Helden der Sowjetunion betreten in Uniform den Raum, um den Schülern von ihren Kampfeinsätzen zu erzählen. In den höheren Klassen gehört die militärische Grundausbildung ganz offiziell zum Stundenplan. Beim Geländespiel „Zarniza“ rennen die Jugendlichen mit Gasmasken über die Felder und lernen die Orientierung per Kompass auf Grund der drohenden Atomkriegsgefahr.

Wie tief diese Kriegsgeneration geprägt ist, zeigt sich sogar im Werkunterricht: Während Mädchen Konserven machen, steht Nikolai an der Drehbank und dreht aus Metall die exakte Kopie einer 37-millimeter-Granate, genau jenes Geschütz, das sein Vater im Krieg als Kommandant einer Flugabwehrkanone, bedient hatte. 

37-millimeter-granate

Das ist solch eine sowjetische 37-Millimeter Granate. Diese ist ein Ausstellungsstück im Deutschen Historischen Museum.Deutsches Historisches Museum | Datenpartner: Stiftung Deutsches Historisches Museum | Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/ | URL: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/QSG7A75EGVOD3IDHBN3ALZHPS3KYQRHX


Während das Thema Krieg in Moskau laut und allgegenwärtig in den Klassenzimmern war, herrschte gut zwanzig Jahre früher, nur neun Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, in Westdeutschland Schweigen. 

Ein Mann, der das Schweigen bricht.

Wenn wir 1954 mit dem zehnjährigen Ulrich das Klassenzimmer betreten und einen Blick in die Geschichtsbücher werfen, fällt vor allem eines auf: was darin nicht geschrieben steht. Die dunkelste Epoche der deutschen Geschichte wird auf den Seiten schlichtweg totgeschwiegen oder nur kurz erwähnt. Die Schulbücher sind kurz gehalten und wenn neugierige Schüler nachfragen, blocken viele Lehrer ab: „Das steht nicht im Lehrplan, dazu muss ich nichts sagen“, antworteten Ulrichs Lehrer oftmals. 

„Von der Nazi-Vergangenheit wurde im Unterricht gar nichts erwähnt“, betont heute der 81-jährige Ulrich ausdrücklich. „Das fand ich unglaublich schade, weil man sich dieses Wissen dann ganz allein aneignen musste.“

Doch im starren System der Nachkriegszeit stößt Ulrich auf einen Mann, der aus der Reihe tanzt: sein Geschichtslehrer. Wenn wir nach der Stunde zu ihm gehen und ihn mit Fragen überhäufen, nimmt er den ein oder anderen interessierten Schüler mit zu sich nach Hause. Uns heute auch.

Wir stehen im privaten Arbeitszimmer des Lehrers, als dieser an sein persönliches Bücherregal tritt, aufklärende Geschichtsbücher herauszieht und sie uns borgt.

„Das fand ich natürlich wahnsinnig interessant“, erzählt Ulrich mit leuchtenden Augen. „In diesen Minuten spürte ich als Schüler zum ersten Mal, wie wertvoll echte Bildung ist und wie notwendig ein Geschichtsunterricht ist, der die Wahrheit nicht verschweigt.“

70 Jahre später im Schlossgarten

Wir verlassen das Arbeitszimmer des Geschichtslehrers und stehen wieder im Hier und Jetzt. Die Mittagssonne fällt warm auf die Parkbänke am Stuttgarter Schlossplatz. Neben uns sitzt Ulrich, heute 81 Jahre alt. Er legt die Hände ruhig in den Schoß und blickt auf den wunderschönen Schlosspark der Landeshauptstadt. ​​

Ulrich auf der Bank

Hier fand unser Interview statt. Fun Fact: Im Schloss im Hintergrund haben verschiedene Landesministerien ihren Sitz.Alexander Chirkovski

Wenn ich heute sehe, wie die Jugendlichen alle stumm auf ihre Smartphones starren, muss ich manchmal schmunzeln“, sagt er ruhig. „Wir hatten das alles damals nicht. Aber wir hatten uns. Wir haben auf dem Pausenhof miteinander geredet, Pläne für den Abend geschmiedet und Freundschaften fürs Leben geschlossen.“

Tausende Kilometer weiter östlich sind die Echos jener Schuljahre längst verhallt. Das berstende Holzlineal im Geometrieunterricht, der eiskalt ausgekippt Schreibtisch am Morgen und die handgefertigten Kopien von Granaten gehören einer vergangenen Epoche an. Genau wie das heimliche Schummeln unter der schwäbischen Pultklappe, was heute mit den neuen Tischen nicht einmal mehr funktionieren würde, sowie das Schweigen in den Geschichtsbüchern. 

Was bleibt von zwei Schulwelten, die einst durch den Eisernen Vorhang getrennt waren, jetzt noch übrig? 

„Es sind jedenfalls nicht die starren Regeln oder die Strenge der Lehrer. Es sind die kleinen unvergesslichen Momente der eigenen Freiheit: Mein verbotener Blick rüber zur Nachbarbank zu meiner damals Angebeteten oder das gemeinsame Lachen am Pausenhof. Aja, und mein Geschichtslehrer, der mir und vielen weiteren Schülern von der wahren Geschichte unseres Landes erzählt hat.“, erzählt uns Ulrich in einem für ihn nostalgischen Rückblick. 

Ob in Moskau der 1970er oder im Schwarzwald der 1950er Jahre: die Systeme versuchen seit jeher, die Jugend in starre Formen zu pressen. Doch die Jugend findet immer ihre eigenen Lücken und schreibt darin ihre ganz eigenen Geschichten. Wer weiß, vielleicht werden auch du und ich in siebzig Jahren zu unserer Schulzeit von einem 16-jährigen Hobbyjournalisten interviewt. 

Dann können wir von unserer Geschichte erzählen, die wir gerade erst schreiben. 




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Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung durch die Kronen Zeitung.

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