Smart Glasses im Klassenzimmer? Ich will nicht gefilmt werden

Profile Image
340
13
TOP 10 Autor
Redakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
2 Kommentare
23.09.2026
4 Min.

Smart Glasses sehen aus wie normale Brillen und können auch mit Sehstärke getragen werden. Modelle wie die Ray-Ban Meta haben zusätzlich eine Kamera und Mikrofone eingebaut. Im Unterricht könnten sie beim Lernen helfen, gleichzeitig aber auch Mitschüler*innen und Lehrkräfte aufnehmen. Wie bemerkt jemand im Klassenraum, dass gerade gefilmt wird?

Eine Brille kann längst unsere Antworten, Fehler und Gesichter filmen. (Foto: shutterstock)

Stell dir vor: Du meldest dich im Unterricht. Zwei Bänke vor dir sitzt ein Mitschüler mit einer schwarzen Brille, die aussieht wie eine ganz normale Sehhilfe. Als du antwortest, dreht er sich zu dir um. Du siehst kein Handy, das auf dich gerichtet ist. Erst auf den zweiten Blick fällt auf: In seinem Brillenrahmen steckt eine Kamera. An der Vorderseite leuchtet eine kleine weiße LED.

Am 15. September berichtete Reuters, dass Meta wegen der wachsenden Kritik an Kamerabrillen ein neues Modell ohne Kamera plane. Meta hatte den Bericht zu diesem Zeitpunkt nicht bestätigt. Der Plan zeigt trotzdem, worum sich der Streit dreht: Aktuelle Smart Glasses sehen gewöhnlichen Brillen ähnlich, können aber Bild und Ton aus der Perspektive der Trägerin oder des Trägers aufnehmen.

Für den Unterricht bedeutet das konkret: Bei Metas Brillen zeigt eine weiße LED an, dass eine Videoaufnahme läuft. Für die Menschen im Raum gibt es darüber hinaus aber keine Möglichkeit, selbst zu überprüfen, ob gerade aufgenommen wird. Wer die Anzeige nicht bemerkt, kann deshalb in einem Video landen, ohne es in diesem Moment zu wissen.

„Wenn man in der Schule etwas nicht verstanden oder vergessen hat, kann man jederzeit in den Aufnahmen nachsehen“, sagt Christian, 17, aus meiner Klasse.

Die Lernhilfe nimmt mehr als den Stoff auf

Christians Argument ist nachvollziehbar. Wer eine Erklärung nicht verstanden hat oder beim Mitschreiben nicht mitkommt, könnte sie später noch einmal ansehen. Dafür drückt die Trägerin oder der Träger den Aufnahmeknopf am Rahmen oder verwendet den englischen Sprachbefehl „Hey Meta, take a video“.

Laut den österreichischen Produktinformationen von Ray-Ban dauert ein Video normalerweise 30 Sekunden. In der App lässt es sich auf bis zu drei Minuten verlängern. Eine ganze Stunde passt also nicht in einen einzigen Clip. Für einen Teil eines Referats, eine mündliche Antwort oder die Besprechung einer Schularbeit reicht die Zeit trotzdem.

Die Kamera folgt dem Blick der Person, die die Brille trägt. Schaut sie zur Tafel, erscheinen das Tafelbild und möglicherweise die Lehrkraft im Video. Dreht sie sich um, können andere Gesichter ins Bild geraten. Die Mikrofone nehmen währenddessen auch Stimmen aus der Umgebung auf. Aus einer persönlichen Lernhilfe kann so schnell eine Aufnahme von Menschen werden, die selbst gar nichts dokumentieren wollten.

„Ich finde das keine gute Idee. Es gibt genug Mittel, mit denen man sich den Unterricht einfacher gestalten kann. Was ist, wenn manche Leute nicht gefilmt werden wollen, weil sie sich unwohl dabei fühlen?“, sagt Thomas, 18, ebenfalls aus meiner Klasse.

Das Licht warnt, die App kann nur suchen

Meta erklärt in seinen Informationen zum Datenschutz, dass die weiße LED während einer Videoaufnahme aktiv bleibt und nicht ausgeschaltet werden kann. Erkennt die zweite Brillengeneration, dass jemand das Licht verdeckt oder beschädigt hat, soll sie die Kamera sperren. Die Brille wurde damit nicht als unsichtbare Spionagekamera entwickelt.

Trotzdem hält die österreichische Datenschutzbehörde in ihren Informationen vom 30. Juli fest, dass Aufnahmen mit Smart Glasses für andere Menschen meist schwerer wahrnehmbar sind als Aufnahmen mit einem Handy oder einer Digitalkamera. Bei einem Smartphone sehen wir, wie jemand das Gerät hebt und auf eine Person richtet. Eine Brille bleibt während der Aufnahme einfach auf der Nase.

Genau hier setzt ZuckOff an. Die App durchsucht die Umgebung nach Bluetooth-Signalen bestimmter Brillenmodelle. Laut einer Untersuchung des Technikmagazins WIRED kann sie Smart Glasses in der Nähe erkennen und ihre ungefähre Entfernung anzeigen. Sie verrät aber weder, wer die Brille trägt, noch ob gerade gefilmt wird.

Nach der Stunde liegt das Video auf dem Handy

Die Aufnahme bleibt zunächst auf der Brille. Über die Meta-App kann sie auf das Smartphone übertragen werden und landet dort in der Galerie. Danach lässt sie sich verschicken oder auf Social Media hochladen.

Sobald Gesichter oder Stimmen erkennbar gespeichert werden, handelt es sich um personenbezogene Daten. Laut den ausführlichen Hinweisen der österreichischen Datenschutzbehörde gelten dafür in der Regel die Datenschutz-Grundverordnung und das österreichische Datenschutzgesetz. Ob eine konkrete Aufnahme erlaubt ist, hängt vom Zweck, der Situation und ihrer rechtlichen Grundlage ab. Die Zustimmung zu Metas Bedingungen erlaubt jedenfalls nicht automatisch, die Daten anderer Menschen zu verarbeiten.

Eine eindeutige Sonderregel für Kamerabrillen in österreichischen Oberstufenklassen enthalten die zitierten Vorschriften nicht. Paragraf 7 der Schulordnung verbietet bis einschließlich der achten Schulstufe Handys, Smartwatches und vergleichbare digitale Kommunikationsgeräte, nennt Smart Glasses aber nicht ausdrücklich. Lehrkräfte dürfen Ausnahmen für Unterrichtszwecke erlauben. Für ältere Schüler*innen werden klare Hausordnungen daher besonders wichtig.

Eine Aufnahme kann Christian helfen, versäumten Stoff nachzuholen und eine Erklärung besser zu verstehen. Sie kann aber auch Thomas und den Rest der Klasse auf ein fremdes Handy bringen.

Wer im Klassenzimmer nie sicher weiß, ob er gefilmt wird, verhält sich irgendwann so, als liefe die Kamera immer.

Kommentare