Als ich das Thema der geplanten sechsjährigen Volksschule in meiner Klasse angesprochen habe, waren sich meine Mitschülerinnen und Mitschüler alles andere als einig. Dabei ging es um die Frage, ob Kinder erst nach der sechsten statt nach der vierten Schulstufe auf unterschiedliche Schulformen wechseln sollen. So fand mein Mitschüler Jonas die Idee sofort gut. „Mit zehn weiß doch nicht jedes Kind, was es später einmal machen will“, meinte er. Sarah sah das anders: „Wenn jemand schon weiß, dass er ins Gymnasium möchte und die Noten dafür hat, warum soll er dann zwei Jahre warten?“
Beide haben einen Punkt. Genau darum geht es bei dem geplanten Schulversuch. Heute wechseln Kinder nach der vierten Schulstufe entweder in eine Mittelschule oder in die AHS-Unterstufe. Im neuen Modell bleibt der Klassenverband bis zur sechsten Schulstufe bestehen. Die Entscheidung über den weiteren Bildungsweg würde damit ungefähr vom zehnten auf das zwölfte Lebensjahr verschoben.
Ich finde gerade diesen Altersunterschied interessant. Zwei Jahre klingen auf dem Papier nicht nach besonders viel. Zwischen zehn und zwölf Jahren kann sich aber ziemlich viel verändern. Interessen wechseln, Leistungen entwickeln sich und auch die Frage, ob ein Kind mit dem Lerntempo einer bestimmten Schulform zurechtkommt, kann sich anders beantworten als zwei Jahre zuvor.
Was sich in der fünften und sechsten Klasse ändert
Das neue Modell bedeutet außerdem nicht, dass Kinder sechs Jahre lang genau denselben Volksschulunterricht bekommen. Die ersten vier Schulstufen bleiben beim Lehrplan der Volksschule. In der fünften und sechsten Schulstufe soll dagegen bereits nach dem Lehrplan der Sekundarstufe I unterrichtet werden. Dabei sollen vor allem Lehrkräfte aus Mittelschule oder AHS-Unterstufe dazukommen. Eine Volksschullehrperson bleibt trotzdem eine wichtige Bezugsperson der Klasse.
Mein Mitschüler David hat genau bei diesem Punkt Bedenken. „Ich kann mir vorstellen, dass das schwierig wird, wenn in einer Klasse Kinder mit ganz unterschiedlichen Leistungen sitzen“, sagt er. „Dann muss die Schule wirklich schauen, dass keiner untergeht und sich gleichzeitig niemand langweilt.“
Das ist für mich eine der entscheidenden Fragen. Länger gemeinsam zu lernen klingt zunächst einfach. Im Klassenzimmer ist es aber deutlich komplizierter. Ein Kind kann in Mathematik weit voraus sein und gleichzeitig beim Lesen Schwierigkeiten haben. Ein anderes kann genau umgekehrt lernen. Je später getrennt wird, desto wichtiger wird deshalb die individuelle Förderung.
Mehr Zeit kann auch mehr Zeit für Orientierung bedeuten
Das Bildungsministerium nennt genau diesen Punkt als einen Grund für den Schulversuch. Kinder sollen länger Zeit bekommen, ihre Fähigkeiten und Interessen zu entwickeln. Die bisherige frühe Trennung werde laut Ministerium auch davon beeinflusst, aus welchem familiären und sozialen Umfeld ein Kind kommt. Der neue Versuch soll deshalb unter anderem untersuchen, ob spätere Bildungsentscheidungen fairer ausfallen.
Mitschülerin Lea findet besonders den Druck interessant, den viele Kinder beim Wechsel erleben. „In der vierten Klasse haben manche schon das Gefühl, dass sie jetzt unbedingt beweisen müssen, dass sie gut genug fürs Gymnasium sind“, sagt sie. „Ich glaube, zwei Jahre mehr könnten für manche echt angenehm sein.“
Aber auch hier gibt es eine andere Seite. Wer sehr gute Leistungen zeigt und genau weiß, wohin er möchte, könnte einen späteren Wechsel als unnötige Wartezeit empfinden. Außerdem muss ein längeres gemeinsames Lernen nicht automatisch bedeuten, dass die Unterschiede zwischen den Kindern kleiner werden.
Deshalb ist der Schulversuch wichtiger als die Schlagzeile
Genau deshalb startet das Modell zunächst nicht überall gleichzeitig. Ab dem Schuljahr 2027/28 soll es an ausgewählten Standorten erprobt und wissenschaftlich begleitet werden. Weitere Schulen können später dazukommen. Eine flächendeckende Einführung ist laut Bildungsministerium nicht vorweggenommen; erst die Ergebnisse des Versuchs sollen zeigen, ob und wie das Modell ausgeweitet wird.
Auch politisch gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Im Nationalrat wurde die längere gemeinsame Schule von einigen Abgeordneten unterstützt, während andere bezweifelten, ob dadurch die wichtigsten Probleme des Schulsystems gelöst werden. Kritische Stimmen verweisen etwa auf Sprachförderung, Lehrkräftemangel und die Qualität des Unterrichts.
Für mich ist deshalb vor allem interessant, was am Ende tatsächlich in den Versuchsschulen passiert. Nicht der Name „sechsjährige Volksschule“ entscheidet darüber, ob das Modell funktioniert. Entscheidend sind die Lehrerinnen und Lehrer, die Förderung und die Frage, ob Kinder wirklich mehr Möglichkeiten bekommen, ihren Bildungsweg später und besser informiert zu wählen.
Zwei Jahre mehr sind keine Kleinigkeit
In unserer Diskussion meinte Jonas zum Schluss: „Wenn ich damals mit zehn noch nicht gewusst hätte, was ich machen will, hätte ich wahrscheinlich lieber zwei Jahre länger mit allen gelernt.“
Vielleicht steckt genau darin der Kern der Debatte. Die sechsjährige Volksschule nimmt Kindern nicht automatisch eine Entscheidung ab. Sie verschiebt sie nur nach hinten. Ob das für mehr Kinder tatsächlich mehr Chancen schafft, muss der Schulversuch zeigen. Genau deshalb sollte man diese zwei zusätzlichen Jahre nicht als Verlängerung der Volksschule betrachten, sondern als Test dafür, ob Österreich Kindern bei ihrer ersten großen Bildungsentscheidung etwas mehr Zeit geben kann.
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