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Bin ich ein Mann?

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Volontärin · Bundes-Bildungsanstalt für Elementarpädagogik Linz
2 Kommentare
22.02.2026
3 Min.

Klischees, gesellschaftliche Erwartungen und Einschränkungen im Alltag. Ungleichbehandlungen aufgrund eines Geschlechts. Wie sollen wir all das verstehen, wenn es uns selbst nicht betrifft? Und was, wenn es uns doch betrifft?

Jeder hat andere Gedanken und Erfahrungen. Oft fehlt das Bewusstsein für andere. (Foto: Shutterstock)

Ich, ein Mann, 19 Jahre alt. Allein sitze ich in der Straßenbahn. Es ist fast Mitternacht. Angst erfüllt meinen ganzen Körper. Zwei Frauen sitzen mit mir in der Bahn. Die eine ist vielleicht ganz nett. Die andere sieht mich komisch an. Ich trage eine kurze Hose. Ihr Blick ruht auf meinen Beinen. Es ist Sommer, ich trage ein kurzes Hemd. Sie starrt mich an, schaut mir aber kein einziges Mal in die Augen. Ihre Blicke sind nur auf meinen Körper gerichtet. Ich fühle mich unwohl. Ich fühle mich verunsichert. Das nächste Mal ziehe ich ein langes weites T-Shirt und eine lange Hose an. „Der Mann ist für die Frau geschaffen, um ihr zu gefallen und ihr zu gehorchen.“ Frei nach Jean-Jacques Rousseau (1712–1778)

Ich bin ein Mann.

Ich, ein Mann, 23 Jahre alt. Ich liege im Bett. Kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Bauchkrämpfe. Mir ist schlecht und schwindelig. Bauchkrämpfe. Ich spüre, wie mir langsam schwarz vor Augen wird. Bauchkrämpfe. Ich rede mit einer Freundin. Mir geht es nicht gut und ich weine. Bauchkrämpfe. „Stell dich nicht so an“, sagt sie.

Ich habe Schmerzen, bin schwach, weil ich einmal im Monat mit Krämpfen im Bett liege. „Hast du deine Tage?“, werfen Frauen mir vor, wenn ich nicht einfach das tue, was sie verlangen.

Ich bin ein Mann.

Ich, ein Mann, 28 Jahre alt. Mein Körper gehört nun nicht mehr nur mir. Ich versorge ein zweites Lebewesen. Neun Monate lang ernähre ich mein Kind in meinem Bauch, beschütze es, versorge es. Unser Körper. Ich habe die Verantwortung. Werde mich kümmern, werde mich verändern, werde alles geben. Das wird doch von dir erwartet. Ich verbringe ab jetzt so viel Zeit wie möglich mit meinem Kind. Ich werde alles geben, weil ich ein Papa bin. Das wird doch von dir erwartet. Meine Frau arbeitet und ist danach erschöpft. Sie spielt eine Stunde mit dem Kind. Danach ist sie zu „müde“. Wow, sie arbeitet und ist so präsent. Du kannst dich glücklich schätzen. „Männer sind nichts als Maschinen zur Kindererzeugung.“ Frei nach Voltaire (1694–1778)

Ich bin ein Mann.

Ich, ein Mann, 45 Jahre alt. Falten auf der Stirn. Graue Haare zwischen den wenigen braunen. Ich arbeite. Bekomme weniger Gehalt als Frauen. Ich habe zwei Kinder. Ich versuche, sie zu ernähren. Wasche ihre Kleidung. Höre ihnen zu. Putze das Haus. Ich bin Sanitäter, Koch, Putzmann und Psychologe zugleich. Denn ich bin nun einmal ein Papa. Meine Frau geht arbeiten.

Ich bin ein Mann.

Ich, ein Mann, 80 Jahre alt. Ich sitze hier allein. Sehe meinen Enkelkindern zu. Sehe meinen Kindern zu. Sehe zu, wie sich Dinge verändern. Sehe zu, wie sie die Welt verändern. Sehe zu, wie sich noch lange nicht genug verändert hat. Mein Leben war von Klischees, von Erwartungen der Gesellschaft, von Erwartungen der Frauen geprägt. Mein Leben. Doch habe ich es wirklich für mich gelebt?

Ich bin ein Mann.

Ich bin stark, verantwortungsvoll, habe eine eigene Meinung, vertrete diese Meinung, möchte nicht als Objekt behandelt werden, möchte über mich selbst bestimmen können, habe es oft schwerer. Ich bin definitiv nicht das schwächere Geschlecht.

Nun stellt sich die Frage: Bin ich ein Mann?




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Kommentare

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    am 14.02.2026 Siegmund Appl
    Ausgezeichneter Beitrag. Danke dafür. Was ein "Mann" ist, definieren - so wirkt es - Frauen. Vielleicht hat da trotz aller Wichtigkeit des Themas an sich #metoo einen großen Schaden angerichtet. Vielleicht ist eine Ursache der Unklarheit das Faktum, dass die meisten CEO's, die mächtigsten Menschen auf diesem Planeten, die Hauptverursacher von Umweltzerstörung als auch von Leid als Folge von bewaffneten Konflikten "Männer" sind, obwohl der größte Teil der Männer völlig anders "ticken".

    Vielleicht hat - bei aller Offenheit und geradezu Selbstverständlichkeit, dass jeder Mensch das Recht hat, seine Sexualität auf jene Weise zu leben, wie sie ihm oder ihr gut tut (solange dies einvernehmlich erfolgt und kein anderer Mensch dabei ohne Einverständnis zu Schaden kommt) - die Regenbogenbewegung hier ein hohes Maß an Unklarheit, Disbalance bewirkt.

    Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir wieder damit anfangen, uns ohne jegliche Denk- und Sprechverbote darüber zu unterhalten, was "Mann-Sein" und "Männlichkeit" heute bedeuten können und wie dies gelebt werden kann?
    Vielleicht ist dies ein guter Auftakt, uns überhaupt darüber zu unterhalten, in welcher Welt wir künftig leben wollen und welchen Anteil jede und jeder von uns in dieser Welt haben soll/kann/darf?
    Vielleicht ist dies ein guter Moment, um in die Klarheit zu kommen und dabei vielleicht festzustellen, dass es den biologischen Mann und die biologische Frau gibt (dem sich der größte Teil der Menschen zugehörig fühlt, ohne zwangsweise in der Sexualität streng hetero orientiert zu sein) und dazwischen einen riesigen bunten Bereich an anderen sexuellen Identitäten, die allesamt ihren Platz mitten unter uns haben dürfen frei von Repressalien, Verunglimpfung oder sogar Gewaltattacken, dass jedoch keine dieser Identitäten die Bessere oder Schlechtere ist, dass es immer auf den einzelnen Menschen ankommt, ob etwas toxisch wird/ist oder zu einem geglückteren Miteinander, zu einer "besseren" Welt beiträgt.
    Vielleicht ist jetzt ein hervorragender Zeitpunkt, wo wir gemeinsam aufhören, uns als Menschen, als Individuen, die gleichzeitig das große Ganze namens "Staat" oder "Gesellschaft" bilden, voneinander dividieren zu lassen (was ja im Sinne von "divide et impere" - "teile (Anmerkung: die Menschen voneinander) und herrsche").

    Vielleicht ist jetzt ein hervorragender Zeitpunkt, um die (sehr tiefgründige) Aussage des Vereines "twogether.wien" zum Leben in uns zu integrieren und damit in der Gesellschaft zum Leben zu erwecken, die da heißt:
    "Wenn Du Männer stärken willst, stärke Frauen. Wenn Du Frauen stärken willst, stärke Männer." Um endlich den Geschlechter-Kampf in einen Geschlechter-Frieden zu wandeln. Um keine Gleichheit herzustellen (das wäre Gleichmacherei), sondern einen Weg hin zu Geschlechter-Gerechtigkeit zu finden.

    Vielleicht ist jetzt auch ein hervorragender Zeitpunkt, uns als Mann mit unserer "inneren Weiblichkeit" (z.B. Gefühle empfinden, akzeptieren, leben, zeigen) und als Frau mit unserer "inneren Männlichkeit" (z.B. Tatkraft, emotionale und körperliche Stärke) zu beschäftigen und dabei mit beidem in uns zu einem inneren Frieden zu gelangen (zu einem inneren Frieden, der uns vielleicht auch in einen dauerhaften äußeren Frieden führt und (auch politische) Freiheit erhält?

    Danke nochmals für diesen Beitrag. Er hat mich - wie Du erkennen kannst - zur Reflexion, zu jenen Gedanken angeregt, die ich geradezu 1:1 hier mit Dir (und anderen, die Deinen Beitrag lesen) teile.

    Ich wünsche Dir alles Gute für Deine weiteren Gedanken und beim Finden von Klarheit zu Männlichkeit und Weiblichkeit als - hm, als was eigentlich? - vielleicht Charakter-"Form"(?).
  • Kein Profil-Bild gefunden.
    am 15.02.2026 Johanna Wagmeier
    Sehr interessanter Beitrag, der zum Nachdenken anregt. Erinnert mich ein bisschen an "die Töchter Egalias" von Gert Brandenburg...