Panorama International Fakten

Schüsse bei Protesten in Afghanistan: Wie die Taliban den Druck auf Frauen erhöht

Profile Image
45
TOP 100 Autorin
Volontärin · HTL Wels
1 Kommentar
30.07.2026
4 Min.

In Herat gehen Menschen gegen die Festnahme von Frauen auf die Straße – die Taliban reagieren mit Gewalt. Der Vorfall zeigt erneut, wie sich die Lage für Frauen und Mädchen in Afghanistan verschärft. Fünf Jahre nach ihrer Machtübernahme bestimmen Verbote, Angst und fehlende Perspektiven den Alltag einer ganzen Generation.

Frauen haben in Afghanistan keine Rechte. Sie leben in ständiger Gefahr. (Foto: shutterstock)

In Herat stehen Menschen auf der Straße. Männer und Frauen protestieren gegen die Festnahmen von mindestens 16 Frauen. Der Vorwurf der Taliban: Verstöße gegen die Kleidervorschriften. Die Antwort des Regimes: Gewalt. Taliban-Kämpfer eröffnen das Feuer, mindestens eine Person wird getötet, zahlreiche weitere werden verletzt. Eine bislang unbekannte Zahl an Demonstrierenden, darunter Frauen und Mädchen, wird festgenommen.

Diese Szene zeigt, wie weit die Einschränkungen für Frauen in Afghanistan inzwischen reichen. Es geht längst nicht mehr nur um einzelne Verbote, sondern um ein System, das Frauen Schritt für Schritt aus dem öffentlichen Leben drängt.

Der Zeitpunkt macht die Situation besonders deutlich: Am 15. August 2026 jährt sich die erneute Machtübernahme der Taliban zum fünften Mal. Fünf Jahre, in denen Mädchen der Zugang zu Bildung genommen wurde. Fünf Jahre, in denen Frauen ihre Arbeit verloren haben und immer weniger Möglichkeiten besitzen, über ihr eigenes Leben zu bestimmen.

Ein Alltag voller Verbote

Für viele Frauen in Afghanistan bedeutet der Alltag heute: Sie dürfen nicht alleine in die Öffentlichkeit gehen. Sie dürfen weder singen noch sprechen oder vorlesen. Sie dürfen nicht Rad oder Motorrad fahren. Ihr Gesicht darf nicht sichtbar sein. Viele dürfen nicht arbeiten, nicht studieren und erhalten nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung.

Diese Einschränkungen sind keine Ausnahme, sondern Realität für Millionen Frauen und Mädchen seit der Rückkehr der Taliban im August 2021.

Bildung endet nach der sechsten Schulstufe

Die Unterdrückung beginnt früh. Mädchen wird der Zugang zu weiterführender Schulbildung verwehrt. Doch dabei verlieren sie nicht nur Unterricht und Abschlüsse. Sie verlieren Freundschaften, soziale Kontakte und die Möglichkeit, ihre Zukunft selbst zu gestalten.

Laut UNICEF nehmen psychische Belastungen zu. Gleichzeitig steigen die Risiken für frühe Eheschließungen und hohe Geburtenraten.

Für viele Mädchen bedeutet das: Während Gleichaltrige in anderen Ländern über Ausbildung, Studium oder Beruf nachdenken, wird ihre Zukunft von Verboten bestimmt.

Ehe statt Kindheit

Diese Entwicklung verschärft sich durch weitere Regelungen der Taliban. Ein Dekret aus dem Jahr 2026 zur „gerichtlichen Trennung von Ehepartnern“ erschwert es Frauen, eine Ehe aufzulösen. Gleichzeitig kann das Schweigen eines pubertierenden Mädchens unter bestimmten Bedingungen als Zustimmung zur Ehe gewertet werden.

Amnesty International warnt davor, dass solche Regelungen Kinderehen begünstigen und es Frauen schwerer machen, aus erzwungenen Ehen herauszukommen.

Schon vor der erneuten Machtübernahme der Taliban waren Kinderehen in Afghanistan weit verbreitet. Doch der Begriff „Ehe“ kann dabei täuschen: Dahinter stehen oft Zwang, Gewalt und sexuelle Ausbeutung von Kindern.

Die wirtschaftliche Krise verschärft die Situation zusätzlich. Manche Familien sehen sich gezwungen, ihre jungen Töchter gegen einen Brautpreis zu verheiraten, um zu überleben. Andere hoffen, durch eine Verbindung mit einem Taliban-Kämpfer Schutz zu erhalten. In beiden Fällen verlieren viele Mädchen die Kontrolle über ihr eigenes Leben.

Kein Schutz vor Gewalt

Auch der Schutz vor Gewalt wird zunehmend eingeschränkt. Durch neue Regelungen wird die rechtliche Stellung von Frauen weiter geschwächt. In vielen Fällen haben Frauen kaum Möglichkeiten, sich gegen Misshandlung oder Zwang zur Wehr zu setzen.

Der Zugang zu Gerichten ist schwierig. Frauen dürfen teilweise nur mit einem männlichen Vormund und vollständig verhüllt erscheinen. Besonders problematisch: Dieser Vormund kann selbst der Täter sein.

Auch Hilfsangebote sind fast verschwunden. Frauenhäuser mussten schließen, das Frauenministerium wurde abgeschafft und Organisationen, die Schutz und Beratung anbieten, werden bedroht. UN Women warnt deshalb vor einem steigenden Risiko für Gewalt gegen Frauen.

Aus der Arbeitswelt gedrängt

Nicht nur Bildung, sondern auch Arbeit wird Frauen genommen. Tätigkeiten im öffentlichen Dienst, bei Nichtregierungsorganisationen oder Universitäten sind ihnen weitgehend verboten.

Einige wenige Ausnahmen gibt es noch – etwa in bestimmten Bereichen der Textilbranche, im Gesundheitswesen oder als Lehrerinnen für Mädchen an Grundschulen. Doch die Möglichkeiten bleiben stark eingeschränkt.

Afghanistan verliert dadurch nicht nur Arbeitskräfte. Das Land verliert Ärztinnen, Lehrerinnen, Wissenschaftlerinnen und Unternehmerinnen, die an seiner Zukunft mitarbeiten könnten.

Medizinische Hilfe wird zur Geschlechterfrage

Besonders dramatisch sind die Folgen im Gesundheitsbereich. Seit Ende 2024 dürfen Frauen keine medizinischen Ausbildungswege mehr absolvieren. Berufe wie Ärztin, Krankenschwester oder Hebamme bleiben ihnen damit verschlossen.

Gleichzeitig dürfen Frauen in manchen Regionen nur von weiblichem medizinischem Personal behandelt werden. Da es davon immer weniger gibt, verschärft sich die Versorgungslage.

Afghanistan gehört bereits jetzt zu den Ländern mit der höchsten Müttersterblichkeit weltweit. Laut UN-Schätzungen stirbt etwa alle zwei Stunden eine Frau an den Folgen von Schwangerschaft oder Geburt.

Eine verlorene Generation?

Die elfjährige Schülerin von damals ist heute 16 Jahre alt. Eigentlich wäre sie kurz vor ihrem Schulabschluss, würde über Ausbildung, Studium oder Beruf nachdenken.

Stattdessen durfte sie jahrelang kein Klassenzimmer betreten. Manche Mädchen lernen heimlich weiter – in kleinen Gruppen, versteckt vor den Behörden. Für viele wurde die Kindheit durch Isolation ersetzt. Zukunftspläne wurden durch Angst verdrängt.

Eine ganze Generation afghanischer Mädchen wächst ohne die Möglichkeiten auf, die für viele andere Jugendliche selbstverständlich sind.

Die Freiheit einer Frau sollte nicht davon abhängen, in welchem Land sie geboren wird, welcher Kultur sie angehört oder welche Religion sie hat. Genau deshalb bleibt der Kampf für Gleichberechtigung weltweit notwendig.

Kommentare