Drei Tage vor Schulbeginn liegt der Rucksack vom letzten Jahr aufgeklappt auf dem Bett, die Nähte an den Trägern ausgefranst. Auf dem Handy daneben läuft der Instagram-Feed durch - zwischen einer Story und einem Meme taucht die Anzeige auf: ein Rucksack, baugleich zu dem auf dem Bett, aber neu, in Schwarz-Orange, "-78 % wegen Lagerauflösung", darunter ein roter Timer, der von 2:59:47 runterzählt. Ein Fingertipp, und die Kreditkartendaten sind schon halb eingetippt, bevor der Gedanke kommt: Warum kenn ich diesen Shop eigentlich gar nicht?
"Ich hab mir gedacht, ich muss schnell sein"
Genau diesen Moment kennt Selin Kaya (17), Schülerin am Sacré Coeur Wien, aus eigener Erfahrung. Über eine Instagram-Werbung landete sie bei einem Shop, dessen Sachen hochwertig aussahen, und der Countdown neben dem Rabatt tat den Rest: "Es war alles angeblich 70 Prozent reduziert und daneben ist so ein Countdown gelaufen.
Da hab ich mir gedacht, ich muss schnell sein", sagt Kaya. Erst nach der Zahlung merkte sie, dass etwas nicht stimmte: "Ich hab dann keine Versandbestätigung bekommen und auf meine Mails hat niemand geantwortet", sagt sie. Über ihre Bank bekam sie ihr Geld nach mehreren Wochen zurück - Glück, wie sie selbst sagt, denn das klappt längst nicht immer. Im Nachhinein würde sie es anders angehen: "Ich würde heute sicher zuerst nach Bewertungen suchen und schauen, ob das Impressum überhaupt echt ist. Früher hab ich auf sowas nie geachtet", sagt Kaya.
Genau mit solchen Anzeigen sind gerade wieder massenhaft Fake-Shops unterwegs - mit gefälschten "Geschäftsaufgabe"-Storys, tränenreichen Texten über ein Ehepaar, das angeblich nach 40 Jahren den Laden schließt, und Rabatten von 70 oder 80 Prozent. Für viele von uns wird ausgerechnet jetzt, kurz vor Schulbeginn, wenn neue Sneaker, eine Jacke oder Kopfhörer her sollen, der erste eigene Online-Einkauf zur ersten bitteren Lektion über Betrug im Netz.
Warum wir die Zielscheibe sind, nicht die Ausnahme
Der entscheidende Unterschied zu früher liegt darin, wo diese Shops ihre Opfer finden. Statt darauf zu warten, dass jemand ihre Seite über eine Suchmaschine entdeckt, kaufen die Betrüger gezielt Werbeplätze auf genau den Plattformen, auf denen wir ohnehin den ganzen Tag verbringen. Nach Recherchen des SWR-Verbrauchermagazins Marktcheckerreichen einzelne solcher Anzeigen auf Instagram Reichweiten von mehreren Millionen Nutzer:innen. Wer eine Anzeige direkt im vertrauten Feed sieht, zwischen den Videos von Freunden und Lieblings-Creatorn, hinterfragt sie seltener kritisch als eine dubiose Website, die über eine Google-Suche auftaucht.
Was früher an schlechter Grafik und holprigen Texten leicht zu erkennen war, kommt heute mit professionellen Layouts, gefälschten Bewertungen und teils sogar mit künstlicher Intelligenz erzeugten Produktbildern daher. Viele Shops tragen Fantasienamen mit Endungen wie .shop oder .com, andere kapern die Firmendaten echter Händler, um seriös zu wirken. Die österreichische Meldestelle Watchlist Internet listet allein in der Kategorie der automatisiert erkannten Warnungen mehr als 200 gemeldete Seiten - praktisch täglich kommen neue dazu, oft gleich im Dutzend.
Wachsender Markt, ohnmächtige Behörden
Wie ernst das Problem inzwischen genommen wird, zeigt ein Bericht des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), den der Verband im März 2026 vorgelegt hat. Der vzbv ist seit Juni 2025 als offizieller "Trusted Flagger" - also als besonders vertrauenswürdige Meldestelle - dafür zuständig, illegale Inhalte wie Fake-Shop-Werbung im Netz aufzuspüren und den Plattformen zu melden. Diese müssen solche Meldungen laut dem EU-Gesetz über digitale Dienste (DSA) eigentlich vorrangig behandeln.
In der Praxis sieht das anders aus: Zwischen Juni und Dezember 2025 meldete der vzbv Verstöße an 13 Plattformen, darunter Instagram, Google, Amazon, Facebook und TikTok. Gelöscht wurde nur etwa die Hälfte der gemeldeten Inhalte, der Rest blieb einfach online oder es kam gar keine Rückmeldung. "Sie reagieren teilweise langsam oder gar nicht, wenn wir illegale Inhalte melden", sagt Ramona Pop, Vorständin des vzbv, in der Pressemitteilung des Verbands zum Jahresbericht.
Besonders schlecht schnitt Google ab: Der Konzern löschte laut Bericht keinen einzigen gemeldeten Inhalt. Deshalb hat der vzbv inzwischen offiziell Beschwerde gegen den Google-Mutterkonzern Alphabet eingelegt. Dennis Romberg, der beim vzbv das siebenköpfige Team leitet, das die Meldungen recherchiert, bringt die Bilanz auf den Punkt: "Auch über die Zeit konnten wir keine Verbesserung in der Bearbeitungsdauer feststellen", sagte er gegenüber netzpolitik.org. Sein Team stößt dabei immer wieder auf dasselbe Muster: Selbst wenn eine einzelne Anzeige gelöscht wird, bleibt der dahinterstehende Fake-Shop online - und schaltet einfach die nächste Werbung.
Wenn selbst PayPal uns nicht rettet
Viele von uns glauben, mit dem Käuferschutz von PayPal auf der sicheren Seite zu sein - das stimmt aber nur bedingt. Nach einer Beschwerde fordert PayPal Käuferinnen und Käufer in der Regel auf, das Produkt an den Shop zurückzuschicken, um ihr Geld zurückzubekommen. Bei einem Fake-Shop mit falschem oder gar keinem Impressum ist eine Rücksendung aber schlicht unmöglich. Und selbst wenn eine Adresse existiert, liegt sie oft in China, wo die Versandkosten den ursprünglichen Kaufpreis übersteigen.
Genau deshalb bewegen sich die Preise vieler Fake-Produkte gezielt im Bereich zwischen 15 und 30 Euro - niedrig genug, dass sich der Aufwand einer Rücksendung oder Anzeige für die meisten von uns kaum lohnt. Die Rechnung der Betrüger geht dabei fast immer auf: Ein Großteil der Nutzerinnen und Nutzer gibt angesichts des Aufwands einfach auf und verzichtet auf eine Rückzahlung - das kalkulieren die Fake-Shops laut der Watchlist-Internet-Forscherin Louise Beltzung bewusst mit ein.
So checkst du einen Shop, bevor du bestellst
Trotz aller Professionalisierung gibt es Warnzeichen, auf die du achten kannst, bevor du auf "Kaufen" klickst. Öffne zuerst das Impressum. Fehlt es komplett, ist die Sache klar: Finger weg. Ist eines vorhanden, gib den Shop-Namen zusammen mit Wörtern wie "Erfahrung", "Problem" oder "Betrug" in eine Suchmaschine ein, um herauszufinden, ob schon andere schlechte Erfahrungen gemacht haben.
Ein weiteres Alarmsignal ist es, wenn sich am Ende des Bestellvorgangs plötzlich nur noch Vorkasse per Überweisung oder eine Zahlung in Kryptowährung auswählen lässt, obwohl anfangs noch viele seriöse Zahlungsmethoden beworben wurden. Auch unrealistisch niedrige Preise, bei denen wirklich jedes einzelne Produkt drastisch reduziert ist, oder Countdown-Timer, die bei jedem erneuten Seitenaufruf wieder von vorn zu laufen scheinen, sollten dich stutzig machen.
Solltest du bereits Opfer eines Fake-Shops geworden sein: In Österreich kannst du dich an die Internet Ombudsstellewenden und den Shop bei der Watchlist Internet melden. In Deutschland nimmt unter anderem der vzbv Hinweise entgegen - auch wenn, wie der aktuelle Bericht zeigt, längst nicht jede Meldung schnell etwas bewirkt.
Wie wir uns gegenseitig warnen
Paul Moser (18), Schüler am Sacré Coeur Wien, war schon kurz vorm Bezahlen, als er stutzig wurde: "Ich wollte gerade bezahlen und hab gesehen, dass das Impressum total komisch war. Dann hab ich den Shop gegoogelt und sofort mehrere Warnungen gefunden", sagt Moser. Seitdem hat er eine feste Routine: "Ich schaue immer nach Bewertungen, dem Impressum und ob man mit PayPal oder Kreditkarte zahlen kann. Wenn nur Vorkasse geht, bin ich eigentlich sofort raus", sagt er. Entdeckte Fake-Shops bleiben bei ihm auch nicht privat: "Wir schicken solche Seiten meistens direkt in unsere Klassengruppe, damit niemand darauf reinfällt", sagt Moser.
Zuhause ist das Thema trotzdem selten präsent. Andrea Leitner (45), Mutter einer Schülerin am Sacré Coeur Wien, hat erst reagiert, als es fast zu spät war: "Eigentlich erst, seit meine Tochter einmal fast auf einen Fake-Shop hereingefallen wäre. Vorher habe ich ehrlich gesagt gedacht, dass uns das nicht passieren kann", sagt Leitner. Im Vergleich zu anderen Themen sieht sie eine klare Schieflage: "Über Cybermobbing wird viel gesprochen, aber Online-Betrug beim Einkaufen kommt meiner Meinung nach viel zu kurz. Dabei bestellen Jugendliche heute ständig im Internet", sagt sie.
Der Timer auf der Rucksack-Anzeige läuft weiter runter, auch wenn du die App längst geschlossen hast. Beim nächsten Öffnen zeigt er wieder dieselben knapp drei Stunden. Vielleicht ist genau das der zuverlässigste Fake-Shop-Test überhaupt: Wenn die Zeit nie wirklich abläuft, sollte auch dein Klick noch etwas warten - der alte Rucksack hält notfalls noch bis zur echten Lieferung durch.
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