Rollenbilder aufbrechen: Frauen zwischen Erwartungen und Selbstverwirklichung
Mutter, Hausfrau, Kindererzieherin. Diese Schlagwörter werden mit dem klassischen Rollenbild der heterosexuellen Frau assoziiert. „Wenn Frauen automatisch für Haushalt und Kinder zuständig sein sollen, nimmt ihnen diese Erwartung viele berufliche Chancen“, sagt Roswitha Elsner, Ethik-Professorin an der HTBLA Wels.
Die vollständige Abhängigkeit vom Partner hält einige Mütter davon ab, ihre eigenen Karriereambitionen zu verfolgen. Dabei stellt sich die Frage, ob Mütter nicht längst selbstverständlich die Möglichkeit haben sollte, ihre eigenen beruflichen Ziele zu verfolgen.
Die Wurzeln dieses Problems reichen weit zurück. Die Gesellschaft sah Frauen über lange Zeit als weniger wert als Männer an. Frauen waren dazu bestimmt, den Haushalt zu führen und die Kinder zu erziehen. Genau das macht es so schwierig, diese tief verankerten Stereotype aus den Köpfen der Menschen zu lösen.
Laut Elsner würden Frauen auf eine einzige Rolle festgelegt werden, statt frei entscheiden zu können. „Männer werden dadurch aus ihrer Verantwortung entlassen und Frauen leisten weiterhin unbezahlte Care-Arbeit“, sagt sie und betont damit das Ungleichgewicht der Aufgaben.
Erst wenn das weibliche Geschlecht von diesen Klischees befreit ist, können auch Frauen ohne schlechtes Gewissen berufliche Ziele verfolgen, anstatt nur für die typischen „Frauenaufgaben“ zu funktionieren.
Mädchen häufig unterschätzt
Doch wie sieht das in der Realität junger Frauen heute aus? Viele von uns stehen zwischen Erwartung und Selbstverwirklichung. Hin- und hergerissen zwischen dem, was wir wollen, und dem, was uns zugeschrieben wird.
Dazu sagt die Ethik-Professorin, bei Frauen werde Ehrgeiz schnell als egoistisch interpretiert. Ihnen schreibe die Gesellschaft traditionell Selbstlosigkeit, Rücksicht und eine angeblich angeborene Erfüllung in der Mutterrolle zu. Männer dürften hingegen ehrgeizig sein, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Im Patriarchat gelte Ehrgeiz weiterhin als positive männliche Eigenschaft. „Diese doppelte Moral hält alte Machtstrukturen aufrecht“, sagt Elsner.
Genau aus diesem Grund wünsche ich mir für Frauen aus meiner Generation ein Umdenken, ohne einem Geschlecht bestimmte Tätigkeiten zuzuordnen, denn Gleichberechtigung funktioniert nur ohne starre Rollenbilder.
Mädchen würden trotz großer Begabung oft unterschätzt oder trauten sich selbst weniger zu, beobachtet Roswitha Elsner in der Schule. Sie müssten doppelt gegen Klischees ankämpfen. Dieser zusätzliche Druck koste unnötig Energie. Weibliche Vorbilder, sowohl Lehrerinnen als auch Schülerinnen, seien daher wichtig, um das Selbstbewusstsein zu stärken.
Feminismus ist nicht nur „Frauensache“
Viele junge Frauen meiner Generation, mich eingeschlossen, möchten in Zukunft ihre beruflichen Ziele verfolgen können, ohne auf eine Familie verzichten zu müssen. Dabei sind wir jedoch in hohem Maße von unseren Lebenspartnern abhängig. Umso wichtiger ist es, Männern die Relevanz dieser Thematik nahezubringen.
„Feminismus hilft den Männern auch, weil er Druck und starre Männlichkeitsbilder, ‚toxic masculinity‘, abbaut“, sagt Elsner. Männer dürften offener fühlen, fürsorglicher sein und ihre Zeit anders aufteilen. Am Ende würden wir alle von mehr Freiheit profitieren, unterstreicht die Lehrerin.
Es ist längst an der Zeit, das traditionelle Bild der (Haus-)Frau kritisch zu hinterfragen. Wir leben in einer Generation, die Freiheit, Selbstverwirklichung und Gleichberechtigung nicht nur fordert, sondern braucht.
Ich wünsche mir eine Zukunft, in der wir Frauen nicht zwischen dem, was wir wollen, und dem, was die Gesellschaft von uns erwartet, wählen müssen und Männer nicht dafür Lob einheimsen, indem sie „mithelfen“, sondern selbstverständlich Verantwortung übernehmen. Eine Zukunft, in der niemand seine Träume aufgeben muss, um Erwartungen zu erfüllen. Solange Rollenbilder unser Denken bestimmen, bleiben viele Möglichkeiten ungenutzt, für Frauen wie für Männer.
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