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Rohmilch, rohes Fleisch, keine Samenöle: Was steckt wirklich hinter dem Primal Lifestyle?

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Redakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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23.08.2026
6 Min.

GESUNDHEITSCHECK: Rohmilch direkt vom Bauern, rohes Fleisch, Eier und möglichst wenig hochverarbeitete Lebensmittel: Der Primal Lifestyle wird auf Social Media als Weg zu mehr Energie und einem besseren Körper gefeiert. In dieser Kolumne prüft Redakteur Diego Rubenser, was hinter dem Trend steckt.

Der Kolumnist Diego Rubenser prüft, was wirklich gesund ist (oder auch nicht). (Foto: Diego Rubenser )

Als Kind ging ich mit meiner Oma zu einem Bauern in der Nähe. Wir holten dort frische Milch. Sie war eiskalt und dieser Geschmack ist für mich bis heute schwer zu beschreiben. Ob die Milch roh, pasteurisiert oder besonders gesund war, interessierte mich damals überhaupt nicht. Ich freute mich einfach auf den Weg mit meiner Oma und auf dieses Glas Milch.

Heute könnte dasselbe Glas auf TikTok eine Grundsatzdiskussion auslösen: roh oder pasteurisiert, ursprünglich oder verarbeitet, gesund oder riskant. Lebensmittel werden dort schnell zu Symbolen für einen ganzen Lebensstil.

Diese Diskussion kenne ich auch aus meiner Klasse. Stefan, 18, lebt stark nach dem Primal Lifestyle. Rohmilch, Fleisch, Eier und möglichst wenig hochverarbeitete Produkte gehören für ihn dazu. Alex, 17, ist vegetarisch aufgewachsen. Soja, Fleischalternativen und Pflanzenöle sind für ihn Alltag. Manchmal fällt bei uns ein kleiner Witz über die völlig unterschiedlichen Teller. Böse wird es nie, meistens lachen am Ende alle gemeinsam.

Stefan will wissen, was auf seinem Teller liegt

Stefan beschäftigt sich intensiv mit Fitness und Ernährung und schaut Creator aus der Primal-Szene. Ihn reizt fast das ganze Paket: mehr Energie, Muskelaufbau, ein guter Hormonhaushalt, bessere Haut, guter Schlaf und die Kontrolle über die eigenen Lebensmittel. Dazu kommt sein Misstrauen gegenüber der Lebensmittelindustrie und stark verarbeiteten Produkten. „Ich will einfach wissen, was in meinem Essen steckt“, sagt er.

Seit seiner Ernährungsumstellung fühlt er sich nach eigener Aussage fitter und stärker im Training, schläft besser und ist mit seinem Hautbild zufriedener. Diese Erfahrungen sind für ihn real. Sie beweisen wissenschaftlich aber noch nicht, welche einzelne Veränderung dafür verantwortlich ist.

Alex ist mit einem völlig anderen Normal aufgewachsen

Bei Alex steckt keine Internetbewegung hinter seiner Ernährung. Er ist vegetarisch aufgewachsen, seine Familie lebt ebenfalls so und auch Umweltaspekte spielen für ihn eine Rolle. Ein Sojaprodukt wirkt auf ihn deshalb so selbstverständlich wie für Stefan ein Stück Fleisch.

Viele unserer Freunde würden beim Essen eher Stefans Richtung wählen, Alex stört das wenig. „Dann bin ich halt lieber ein Sojabube und esse meine Samenöle“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Gerade daran merke ich, wie stark Ernährung von der eigenen Umgebung geprägt wird. Stefan hat seinen Weg bewusst gesucht, Alex ist mit seinem groß geworden.

Rohmilch: Wie groß ist das Risiko wirklich?

Stefan kennt die Warnungen vor Rohmilch und akzeptiert ein gewisses Risiko. Er hält die öffentliche Diskussion trotzdem für überzogen. Ein Argument von ihm bleibt bei mir hängen: Alkohol verursacht enorme gesundheitliche Schäden und gehört trotzdem selbstverständlich zu unserer Gesellschaft, während bei Rohmilch oft sofort vor Gefahr gewarnt wird.

Der Vergleich zeigt einen interessanten Unterschied in unserer Wahrnehmung, beweist aber keine Sicherheit von Rohmilch. Alkohol wird viel häufiger konsumiert und schädigt den Körper auf andere Weise. Bei Rohmilch geht es dagegen um ein konkretes Infektionsrisiko. Sie kann trotz guter Hygiene Krankheitserreger enthalten und sollte deshalb vor dem Trinken abgekocht werden.

Auch Kontrollen zeigen, dass das Risiko nicht nur theoretisch ist. Bei einer österreichweiten Schwerpunktaktion wurden 2022 insgesamt 60 Rohmilchproben aus Automaten untersucht. 23 wurden beanstandet, 21 davon wegen zu hoher Gesamtkeimzahlen; in einer Probe wurde zusätzlich Campylobacter gefunden.

Selten bedeutet bei einem Lebensmittelrisiko also nicht automatisch ausgeschlossen.

Was vom Gesundheitsversprechen übrig bleibt

Ein weiteres Primal-Argument lautet, Pasteurisierung würde Rohmilch einen großen Teil ihres gesundheitlichen Werts nehmen. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung kommt zu einer anderen Einschätzung. Viele der behaupteten gesundheitlichen Vorteile von Rohmilch sind wissenschaftlich nicht belegt.

Beim Pasteurisieren sinkt der Gehalt einiger B-Vitamine geringfügig. Mineralstoffe und Milchfett bleiben dagegen weitgehend erhalten. Für mich ist diese Unterscheidung wichtig. Meine Erinnerung an die eiskalte Milch vom Bauern wird dadurch kein bisschen schlechter. Sie ist nur kein wissenschaftlicher Beleg für eine überlegene Wirkung.

Warum ein Tatar im Restaurant plötzlich anders wirkt

Beim rohen Fleisch merke ich meine eigene Nähe zu Stefan besonders stark. Ich esse lieber ein Beefsteak Tatar als ein Sojaschnitzel und bestelle ein Steak gerne sehr rare.

Gleichzeitig fällt mir ein merkwürdiger Gegensatz auf: Steht Tatar auf einer Restaurantkarte, wirkt rohes Fleisch hochwertig und edel. Hole ich frisches Fleisch vom Bauern und bereite es zu Hause roh zu, klingt dieselbe Idee für viele plötzlich gefährlich.

Aus Sicht der Lebensmittelsicherheit entscheidet der Ort allein aber wenig. Rohes Fleisch kann Mikroorganismen tragen, deshalb sind eine durchgehende Kühlkette und gute Hygiene wichtig. Bei Faschiertem verteilt das Zerkleinern mögliche Keime zusätzlich im gesamten Fleisch.

Auch sehr frisches Fleisch vom Bauern wird dadurch nicht steril, und ein Restaurant beseitigt das Risiko ebenfalls nicht automatisch. Gute Rohware, Hygiene, Kühlung und fachgerechte Verarbeitung machen den entscheidenden Unterschied.

Samenöle: Aus einem Nährstoff wird ein Feindbild

Bei sogenannten Samenölen liegt Alex näher an der wissenschaftlichen Datenlage. In der Primal-Szene werden etwa Sonnenblumen-, Maiskeim- oder Sojaöl wegen ihres Omega-6-Gehalts häufig mit Entzündungen verbunden.

Eine 2017 veröffentlichte Meta-Analyse untersuchte 30 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 1.377 Personen. Eine höhere Aufnahme der Omega-6-Fettsäure Linolsäure führte insgesamt zu keinem statistisch signifikanten Anstieg der untersuchten Entzündungsmarker.

Ganz egal ist die Auswahl des Öls trotzdem nicht. Die österreichischen Ernährungsempfehlungen setzen auf eine ausgewogene Auswahl verschiedener Fette und empfehlen unter anderem Raps- und Leinöl als gute Quellen für Omega-3-Fettsäuren.

Für mich bleibt aber ein wichtiger Unterschied: „weniger oft verwenden“ ist nicht dasselbe wie „Gift“.

Soja macht Alex nicht automatisch weniger männlich

Auch beim Soja hält ein beliebtes Argument aus der Fitnesswelt einem Quellencheck kaum stand. Eine 2021 veröffentlichte Meta-Analyse wertete 41 klinische Studien aus. Weder Sojaprotein noch die enthaltenen Isoflavone zeigten bei Männern einen signifikanten Einfluss auf Gesamt-Testosteron, freies Testosteron oder die untersuchten Östrogene.

Damit wird jedes vegetarische Ersatzprodukt noch lange nicht zur perfekten Mahlzeit. Auch dort können Verarbeitung, Salz, Fett und die gesamte Zusammensetzung eine Rolle spielen.

Für mich bleibt ein Tatar geschmacklich trotzdem klar vor einem Sojaschnitzel. Der Unterschied ist heute: Ich kann meinen Geschmack von einer Gesundheitsbehauptung trennen.

Social Media macht aus Essen schnell zwei Teams

An Stefan sehe ich, warum der Primal Lifestyle so erfolgreich ist. Seine Botschaft ist verständlich: einfache Lebensmittel, weniger industrielle Verarbeitung, mehr Kontrolle. Dazu kommen seine persönlichen Erfahrungen mit Training, Schlaf und Haut.

An Alex sehe ich die Gegenseite. Nur weil ein Lebensmittel modern wirkt oder in einer Fabrik verarbeitet wurde, folgt daraus noch keine gesundheitliche Katastrophe.

Social Media macht aus diesen Unterschieden gerne zwei Lager. Bei uns in der Klasse funktioniert es entspannter. Wir machen vielleicht einen Witz über Rohmilch oder den „Sojabuben“, danach essen alle weiter. Eigentlich gefällt mir diese Haltung besser als viele Diskussionen im Netz.

Warum ich trotzdem näher bei Stefan bleibe

Nach der Recherche lande ich nicht exakt in der Mitte. Stefans Grundgedanke liegt näher an meiner eigenen Ernährung und auch an meiner Kindheit. Ich esse lieber Fleisch, Milchprodukte und möglichst einfache Lebensmittel und finde es sinnvoll, hochverarbeitete Produkte nicht zum Mittelpunkt meiner Ernährung zu machen.

Sein Alkoholvergleich hat bei mir außerdem eine Frage ausgelöst: Warum behandeln wir manche Risiken gesellschaftlich völlig selbstverständlich und andere beinahe wie ein Tabu?

Gleichzeitig nehme ich von Alex etwas Wichtiges mit. Soja ist für mich nach dem Quellencheck kein Testosteronkiller und Pflanzenöle sind nicht automatisch entzündungsfördernd. Auch bei Rohmilch und rohem Fleisch nehme ich die offiziellen Warnungen ernst.

Näher bei Stefan zu sein bedeutet für mich deshalb nicht, jede Behauptung der Primal-Szene zu übernehmen.

Wieder mit meiner Oma beim Bauern

Wenn ich heute wieder mit meiner Oma zu diesem Bauern gehen könnte und ein Glas dieser eiskalten Milch vor mir hätte, wäre zuerst dieselbe Erinnerung da wie damals. Der Geschmack, der Bauernhof und der Weg mit meiner Oma brauchen keinen TikTok-Trend, um für mich etwas Besonderes zu sein.

Heute wüsste ich zusätzlich, warum vor dem Trinken von Rohmilch gewarnt wird. Ich wüsste auch, warum mein Tatar im Restaurant durch seinen Namen keinen Gesundheitsbonus bekommt und Alex sein Soja nicht verteidigen muss, als wäre es eine Schwäche.

Der Primal Lifestyle hat mich am Ende also nicht davon überzeugt, jedes rohe Lebensmittel für besser zu halten. Er hat mich in einem anderen Gedanken bestätigt: Ich möchte wissen, was ich esse, einfache Lebensmittel bevorzugen und trotzdem genauer hinschauen, sobald aus einer persönlichen Vorliebe ein Gesundheitsversprechen wird.

Das Glas Milch von damals bleibt für mich besonders. Dafür muss es kein Wundermittel sein.

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