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Regen, Rucksack, Rekordtempo: Das Leben als Essenskurier

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Chefredakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
18.08.2026
4 Min.

Lieferando streicht 2025 rund 1.000 fest angestellte Fahrradkuriere in Österreich und setzt künftig nur noch auf freie Dienstnehmer ohne Fixlohn. Der Kollektivvertrag für Fahrradboten liegt bei rund 1.730 Euro brutto im Monat, viele Kuriere leben damit nahe der Armutsgrenze. Was das für die Menschen bedeutet, die bei jedem Wetter unser Essen liefern, zeigt ein Blick hinter die Bestellung.

Bei Regen, Hitze und Schnee: Tausende Fahrradkuriere bringen in Wien unser Essen - oft für einen Lohn nahe der Armutsgrenze. (Foto: Mathias Reding)

Es ist ein regnerischer Dienstagabend. Draußen schüttet es, drinnen knurrt der Magen. Also das Handy raus, zwei Mal gewischt, ein Klick, Pizza bestellt. 28 Minuten später klingelt es. An der Tür steht ein junger Mann, das Wasser tropft ihm von der Jacke, in der Hand die warme Tasche. Er reicht sie rüber, nickt kurz, und schon schwingt er sich wieder aufs Rad und verschwindet in den Regen. Zwei Minuten Begegnung, dann ist er weg. Aber wer war das eigentlich?

Ein Job bei jedem Wetter

Rund 4.000 bis 5.000 Fahrradkuriere sind in Österreich unterwegs, der Großteil davon in Wien. Sie fahren, wenn andere längst zu Hause auf dem Sofa sitzen. Bei Minusgraden, bei Hitze, bei Regen, oft mit einem 20 Kilo schweren Rucksack am Rücken. Das Handy in der Halterung piept, eine neue Bestellung, schnell hin, Essen abholen, quer durch die Stadt, drei Stockwerke ohne Aufzug rauf, abgeben, weiter zur nächsten. Jede Minute zählt, denn je mehr Fahrten, desto mehr Geld. Eine rote Ampel, ein Stau, ein falsch geparktes Auto: All das frisst genau die Zeit, von der ihr Verdienst abhängt.

Was am Ende übrig bleibt

Und dieser Verdienst ist knapp. Der Kollektivvertrag für Fahrradboten lag zuletzt bei rund 1.730 Euro brutto im Monat bei einer 40-Stunden-Woche. Klingt nach nicht viel, und netto bleibt noch weniger. „Das drückt natürlich auf die Motivation der Beschäftigten, die mit ihren Nettolöhnen derzeit knapp an der aktuellen Armutsgrenze liegen", sagt Fabian Warzilek, Betriebsratsvorsitzender bei Lieferando. Die Armutsgrenze liegt in Österreich bei knapp unter 1.400 Euro netto. Wer also bei Wind und Wetter unser Essen fährt, verdient oft kaum mehr, als man zum Leben unbedingt braucht.

Angestellt oder selbstständig, ein großer Unterschied

Wie viel ein Fahrer verdient und wie sicher sein Job ist, hängt stark von einem Wort ab: dem Vertrag. Manche Kuriere sind fest angestellt. Sie bekommen einen fixen Lohn, sind versichert und wissen am Monatsende, was auf dem Konto landet. Viele andere arbeiten als sogenannte freie Dienstnehmer. Das heißt: eigenes Rad oder E-Moped, keine fixe Bezahlung, nur die Jacke, der Helm und die Tasche kommen von der Firma. Foodora etwa betont, die meisten seiner Fahrer hätten sich bewusst für dieses flexible Modell entschieden, seien versichert und verdienten im Schnitt rund 13 Euro pro Stunde. Der Haken: Kommt kein Auftrag, gibt es auch kein Geld.

Der letzte sichere Job fällt weg

Genau hier spitzt sich gerade alles zu. Lieferando, die größte Lieferfirma des Landes, kündigte 2025 an, in Österreich rund 1.000 angestellte Fahrer zu kündigen und künftig nur noch mit freien Dienstnehmern zu arbeiten. Damit verschwindet der letzte große Arbeitgeber, bei dem Kuriere fix angestellt waren. Aus Protest versammelten sich Fahrer vor der Lieferando-Zentrale in der Wiener Kolingasse. Mit Lieferando falle der letzte große Arbeitgeber weg, „der die Zusteller:innen in größerem Stil angestellt hat", sagt Susanne Haase, Landesgeschäftsführerin der Gewerkschaft vida in Wien. Für viele bedeutet das: raus aus der Sicherheit, rein in die Ungewissheit.

Ein Nachmittag zwischen den wartenden Rädern

Am anderen Ende der Bestellung sitzen wir, oft ohne einen Gedanken daran, wer da gleich vor der Tür steht. Dabei begegnen wir diesen Menschen ständig. Wer sich an einem Werktag gegen halb sieben in die Wiener Innenstadt stellt, sieht sie vor den stark besuchten Lokalen warten. Mehrere Kuriere mit ihren großen Liefer-Rucksäcken, einige sitzen auf ihren Rädern, die meisten auf E-Bikes, immer wieder ein Blick aufs Handy. Kommt ein Auftrag herein, sausen sie sofort los.

Einer von ihnen ist Emir K., 24, seit einiger Zeit als Fahrradkurier in Wien unterwegs. „Ich fahr meistens so sechs bis acht Stunden am Tag, manchmal auch länger, wenn viel los ist. Ich bin als freier Dienstnehmer unterwegs", erzählt er. Was am Ende übrig bleibt, schwankt stark. „Du hast ja auch Kosten für das Rad, Handy, Essen unterwegs und so weiter. Wenn du einen guten Tag hast, passt es schon, aber es gibt auch Tage, wo du dir denkst, dafür war ich jetzt ziemlich lange unterwegs", sagt Emir.

Das Beste am Job sei die Freiheit, sich die Zeit selbst einzuteilen und bei schönem Wetter durch die Stadt zu fahren. Das Schlimmste ist für ihn klar das Wetter. „Bei starkem Regen fahr ich meistens trotzdem. Wenn du nicht fährst, verdienst du halt auch nichts", sagt er. Nur bei Sturm oder echter Gefahr sei ihm das Risiko den Verdienst nicht wert. Und einen Satz sagt Emir, der genau das Thema dieses Artikels trifft: „Viele Leute sehen nur, dass das Essen nach 20 Minuten da ist. Aber was dahintersteckt, sehen sie halt nicht wirklich."

Warum uns das etwas angeht

Vielleicht denkt jetzt jemand: Ist doch nicht mein Problem, ich will nur meine Pizza. Doch genau da liegt der Punkt. Jedes Mal, wenn wir bequem vom Sofa aus bestellen, hängt am anderen Ende ein Mensch, der dafür in den Regen fährt. Wie fair er bezahlt wird und wie sicher sein Job ist, entscheidet auch die Politik. Eine EU-Regel für Plattformarbeit soll dafür sorgen, dass Kuriere richtig eingestuft und abgesichert werden. Österreich muss sie bis Ende 2026 umsetzen. Bis dahin bleibt vieles offen, während die Räder weiter durch die Stadt rollen.

Zurück an die Wohnungstür

Und so klingelt es auch beim nächsten Regenabend wieder an irgendeiner Tür, jemand reicht ein warmes Sackerl rüber und ist Sekunden später schon wieder weg. Vielleicht lohnt es sich, beim nächsten Mal kurz aufzuschauen und Danke zu sagen, bevor die Tür wieder zugeht. Denn hinter dem einen Klick auf dem Handy steckt immer ein Mensch, der bei jedem Wetter fährt, damit unser Essen warm ankommt.





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