„Versuchen Sie jetzt, die Augen zu öffnen, ohne die Entspannung in den Augenlidern zu unterbrechen,“ sagt Hypnotiseur Peter Köszegi. Er sitzt rechts neben der Liege und beobachtet mein Gesicht. Seine Stimme klingt ruhig, beinahe beiläufig. Sonst ist es still. Ich versuche die Augen zu öffnen. Die Lider bewegen sich kurz. Weiter komme ich nicht.
Vor wenigen Stunden hätte ich die Vorstellung, mich freiwillig hypnotisieren zu lassen, vermutlich noch belächelt. Hypnose gehörte für mich irgendwo zwischen Wunderdiäten, Motivationstrainern und jenen Fernsehshows, in denen Menschen scheinbar jede Kontrolle über sich verlieren. Nun liege ich auf einer gepolsterten Behandlungsliege in einer Wiener Altbauwohnung und merke, dass die Sache komplizierter ist als gedacht. Dabei beginnt die eigentliche Überraschung lange vor der Hypnose.
Warum Raucher bei Köszegi landen
An Menschen, die mit dem Rauchen aufhören wollen, mangelt es in Österreich nicht. Nach Daten der Statistik Austria raucht rund jeder fünfte Österreicher über 15 Jahren täglich. Insgesamt konsumieren etwa 1,5 Millionen Menschen regelmäßig Tabakprodukte. Mehr als ein Drittel von ihnen unternimmt jedes Jahr einen ernsthaften Versuch, mit dem Rauchen aufzuhören und landet dennoch wieder bei der Zigarette. Das betrifft rund 570.000 Raucher. Viele von ihnen haben Pflaster ausprobiert, Nikotinkaugummis, Apps oder den berühmten Schlussstrich von heute auf morgen. Irgendwann landen manche von ihnen in Köszegis Praxis.
Ich bin einer von ihnen. Einer von denen, die täglich rauchen, einer von den 1,5 Millionen, einer von denen, die immer wieder versuchen aufzuhören. Auch bei mir klappt das irgendwie nie. Also bin auch ich jetzt einer von denen, die auf Köszegis Liege landen.
Seit mehr als 10 Jahren beschäftigt sich Köszegi mit Raucherentwöhnung, er selbst raucht seit über 24 Jahren nicht mehr, sagt er mir. Heute kombiniert er in seiner Praxis Hypnose mit Akupunktur mittels Softlaser. Nach eigenen Angaben betreut er monatlich 25 bis 30 Klienten. Seine Nachbefragungen würden zeigen, dass rund 80 Prozent ein Jahr nach der Behandlung noch rauchfrei seien, sagt er.
Unabhängige wissenschaftliche Studien haben diese Quote bisher nicht bestätigt. Köszegi sieht darin allerdings nicht den entscheidenden Punkt. Viele Raucher würden seiner Erfahrung nach nicht am körperlichen Entzug scheitern, sondern an Gewohnheiten, die sich über Jahre im Alltag festgesetzt haben.
Warum das Gehirn uns austrickst
Köszegi erzählt von einem seiner ersten Klienten. Der Mann hatte vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört und besaß eine Sammlung historischer Fahrzeuge. Eines Tages wurde sein Oldtimer bei einem Unfall beschädigt. Während er versuchte, die Situation zu überblicken, griff er ins Handschuhfach und fand dort eine alte Packung Zigaretten. Wenig später rauchte er wieder.
Für Köszegi zeigt diese Geschichte, wie stark Rauchen im Unterbewusstsein verankert bleibt. Besonders in Ausnahmesituationen greife der Mensch auf vertraute Muster zurück. Die Zigarette begleite viele Raucher über Jahrzehnte. In guten Zeiten. In schlechten Zeiten. Bei Stress. Bei Freude. Bei Langeweile.
„Der beste Freund, den man sich vorstellen kann“, nennt Köszegi die Zigarette einmal während unseres Gesprächs. Ich weiß, was er meint. Ich weiß um meinen ständigen Begleiter, die Packung in der Tasche ist immer dabei. Immer wieder ertappe ich mich auch während des Gesprächs dabei, wie ich nach meinen Zigaretten taste, bin erleichtert, wenn ich sie fühle.
Warum viele mit dem Rauchen wieder anfangen
Wer eine Stunde lang mit Köszegi spricht, hört erstaunlich wenig über Krebs, Herzinfarkte oder schwarze Raucherlungen. Stattdessen redet er über Erinnerungen, die ein Mensch mit dem Rauchen verbindet.
Über den ersten Kaffee am Morgen, die Pause vor dem Büro oder Sommerabende mit Freunden. Köszegi ist überzeugt, dass viele Raucher die Zigarette im Laufe der Jahre mit angenehmen Momenten ihres Alltags verknüpfen. Wer an eine Zigarette denke, erinnere sich oft nicht zuerst an Husten, Rauchgeruch oder die Kosten, sondern an Entspannung, Geselligkeit und vertraute Routinen.
Während Köszegi weiterspricht, fallen mir unzählige Situationen ein, in denen das Rauchen meinen Alltag begleitet. Vor Interviews. Nach Interviews. Beim Warten auf die Straßenbahn. Nach dem Essen. Während langer Schreibphasen, wenn ein Absatz nicht funktionieren will.
Köszegi glaubt, dass dort das eigentliche Problem beginnt. Das körperliche Verlangen verschwinde oft schneller, als sich eingefahrene Gewohnheiten auflösen. Jahre später denke ein ehemaliger Raucher noch immer an eine Zigarette. Der Unterschied bestehe darin, dass aus dem Gedanken kein Drang mehr werde.
„Die Herausforderung ist nicht das Aufhören. Die Herausforderung ist das Nicht-mehr-wieder-Anfangen“, sagt er.
Die Hypnose beginnt
Köszegi lehnt sich zurück und schaut auf die Uhr. „Gut“, sagt er. „Dann legen wir los.“ Er bittet mich, Handy abzuschalten und alle Gegenstände aus meiner Hosentasche zu geben.
„Stell dir jetzt vor, dass du deine Augenlider so sehr entspannen kannst, dass man sie gar nicht noch mehr entspannen kann,“ sagt er. Anfangs klingt das absurd. Wie entspannt man Augenlider? Trotzdem versuche ich es.
Er erzählt von einer warmen Welle, die sich vom Kopf durch den ganzen Körper ausbreitet. Von Entspannung, die bis in die Zehenspitzen fließt. Zweimal zählt er bis drei. Zweimal soll die Welle durch den Körper schwappen. Köszegi hebt zuerst meine linke Hand an. „Lass sie einfach völlig locker,“ sagt er. Als er loslässt, fällt sie zurück auf die Liege. „Wie ein nasses Handtuch.“
Kurz darauf wiederholt er dieselbe Übung mit der rechten Hand. Dann kommt die erste Aufgabe. Ich soll von hundert rückwärts zählen. Mit jeder Zahl werde die Entspannung tiefer. Mit jeder Zahl sollen die Gedanken ruhiger werden.
Irgendwann, sagt Köszegi, würden die Zahlen einfach verschwinden. Ich sage hundert, dann neunundneunzig. Weiter komme ich nicht. Die Zahlen lösen sich auf. Später versuche ich mich daran zu erinnern, bei welcher Zahl ich aufgehört habe. Es gelingt mir nicht.
Wenig später beschreibt Köszegi riesige Bündel von Gasballons, die an meinem linken Handgelenk befestigt werden. Die Ballons ziehen nach oben. Immer stärker. Meine Hand hebt sich tatsächlich. Zentimeter für Zentimeter. Ich weiß, dass Köszegi sie nicht berührt. Trotzdem steigt sie weiter.
Wenig später verwandelt sich derselbe Arm in einen Baumstamm. Zumindest soll ich mir das vorstellen. Dick wie der Stamm einer alten Eiche. „Versuche jetzt, den Arm zu bewegen,“ sagt er. Ich versuche es. Der Arm bewegt sich kaum. Wieder frage ich mich kurz, was hier gerade passiert, doch auch hier verliere ich sofort das Interesse an der Frage.
Hollywood hat gelogen
Von jener Hypnose, die ich aus Filmen kenne, ist hier wenig zu spüren. Es schwingt kein Pendel vor meinem Gesicht. Niemand versucht, mir seinen Willen aufzuzwingen. Stattdessen spricht Köszegi ruhig weiter. Ich höre jedes Wort. Wenn ich wollte, könnte ich aufstehen, die Augen öffnen und nach Hause gehen. Anfangs versuche ich noch herauszufinden, woran sich Hypnose erkennen lässt. Nach einigen Minuten verliere ich das Interesse an dieser Frage.
Der Zustand erinnert weniger an Schlaf als an einen Tagtraum. Ich höre jedes Wort, verspüre aber keinen Drang mehr, jedem Satz aktiv zu folgen. Irgendwann verschwindet auch das Zeitgefühl. Fünf Minuten könnten vergangen sein. Vielleicht vierzig.
Kurz bevor die Sitzung endet, macht Köszegi eine bemerkenswert konkrete Vorhersage. Wenn ich später auf die Straße trete, wird einer meiner ersten Gedanken eine Zigarette sein. Der Unterschied bestehe darin, dass das Verlangen fehlen werde.
Die Lifttür öffnet sich
Die Kabine rattert Richtung Erdgeschoss. Als sich die Türen öffnen und ich auf die Straße trete, passiert exakt, was Köszegi angekündigt hat. Ich denke an eine Zigarette.
Ich gehe die Laudongasse Richtung U-Bahn hinunter. Vor einem Café stehen zwei Männer mit Espressotassen und rauchen. Wenige Meter weiter lehnt ein Lieferfahrer an seinem Fahrrad und zieht an einer Zigarette. Der Rauchgeruch fällt mir auf. Mehr passiert aber nicht. Bin ich erlöst?