„Wer ist das überhaupt?“ Das ist mein erster Gedanke, als auf Instagram ein ZIB-Posting auftaucht. Darauf steht: „Bosnisch-serbischer Kriegsverbrecher Ratko Mladić ist tot.“ Ich kannte den Namen vorher praktisch nicht. Dabei habe ich selbst serbischen Hintergrund und bin mit europäischer Geschichte in der Schule aufgewachsen. Der Mann auf meinem Display war einer der bekanntesten verurteilten Kriegsverbrecher Europas nach 1945. Am 27. August starb Mladić während einer Behandlung in Den Haag, wo er seine lebenslange Haftstrafe verbüßte. Die UNO ordnete eine Untersuchung der Todesumstände an. Wer war Ratko Mladić?
Mladić führte während des Bosnienkriegs die Armee der bosnischen Serben. Der Krieg dauerte von 1992 bis 1995 und entstand beim Zerfall Jugoslawiens. Mladić wurde später für Verfolgung, Mord, Vertreibung, Terror gegen die Bevölkerung Sarajevos, Geiselnahmen und den Völkermord von Srebrenica verurteilt. 2017 erhielt er lebenslange Haft, 2021 bestätigte die Berufungsinstanz das Urteil.
Der Chefankläger Serge Brammertz machte nach dem endgültigen Urteil einen Punkt besonders klar. Er trennte Mladićs persönliche Verantwortung von einer ganzen Volksgruppe: „Mladićs Schuld ist seine und nur seine.“ Für mich ist dieser Satz wichtig. Wer serbische Wurzeln hat, trägt keine Verantwortung für Verbrechen eines Generals vor über 30 Jahren. Geschichte verstehen heißt auch, individuelle Verantwortung klar zu benennen.
Über 8.000 Männer und Jungen
Der Name Mladić ist vor allem mit Srebrenica verbunden. Im Juli 1995 nahmen bosnisch-serbische Kräfte die von der UNO zur Schutzzone erklärte Stadt ein. In den folgenden Tagen wurden über 8.000 bosniakische Männer und Jungen getötet. Frauen, Kinder und ältere Menschen wurden gewaltsam vertrieben. Internationale Gerichte stuften die Verbrechen als Völkermord ein. Mladić wurde wegen seiner führenden Rolle rechtskräftig verurteilt.
Es wirkt schwer vorstellbar, wie nah diese Geschichte eigentlich ist. 1995 klingt in einem Geschichtsbuch vielleicht weit weg. Unsere Eltern waren damals bereits am Leben. Wien liegt nur wenige hundert Kilometer vom ehemaligen Jugoslawien entfernt. In Österreich lebten Anfang 2025 allein rund 122.000 Menschen mit serbischer und rund 101.000 mit bosnisch-herzegowinischer Staatsbürgerschaft. Viele von uns haben Familie, Freunde oder Mitschülerinnen und Mitschüler mit Verbindungen in die Region.
Wie kann ich davon kaum etwas wissen?
Bei uns in der Schule haben wir Srebrenica und Mladić bisher kaum behandelt. Wir lernen sehr ausführlich über Nationalsozialismus, Holocaust und Zweiten Weltkrieg. Das ist wichtig. Danach wird die europäische Geschichte für mich deutlich löchriger.
Der österreichische AHS-Lehrplan gibt Raum für die Geschichte Europas nach 1945, internationale Politik, Konflikte und die Veränderungen nach 1989. Srebrenica oder der Bosnienkrieg stehen dort aber nicht als eigener verpflichtender Themenpunkt mit Namen. Wie ausführlich der Krieg behandelt wird, kann daher stark vom Unterricht abhängen.
Für uns hat diese Lücke Folgen. Wenn ein Name wie Ratko Mladić plötzlich in unseren Instagram-Feeds auftaucht, fehlt vielen von uns der Hintergrund. Dann wissen wir vielleicht, wer Hitler oder Stalin war, können mit einem europäischen Völkermord aus dem Jahr 1995 aber kaum etwas anfangen.
Ein Toter, zwei völlig unterschiedliche Geschichten
Das wird besonders problematisch, weil Mladić bis heute unterschiedlich dargestellt wird. Für die internationalen Gerichte steht seine Verantwortung fest. Trotzdem verehren ihn Teile nationalistischer Kreise weiterhin als Helden. Nach seinem Tod würdigten ihn Politiker aus der Republika Srpska und Serbien, während Angehörige der Opfer an seine Verbrechen erinnerten. UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte erneut die Leugnung des Völkermords und die Verherrlichung rechtskräftig verurteilter Kriegsverbrecher.
Schon vor seinem Tod warnte ein UNO-Bericht vor wachsender Verherrlichung. Mladić und andere verurteilte Kriegsverbrecher tauchten demnach auf Wandbildern, bei Veranstaltungen und sogar in Schulbüchern auf. Rund um den 30. Jahrestag von Srebrenica nahm auch die Leugnung des Völkermords zu.
Das finde ich gefährlich. Wer die Geschichte kaum kennt, kann schwieriger beurteilen, welche Behauptung historisch belegt ist und welche politische Propaganda dahintersteckt.
Geschichte endet nicht 1945
Der Holocaust nimmt in unserem Geschichtsunterricht zu Recht viel Raum ein. Gleichzeitig zeigt Srebrenica, wie wenig die Warnung „Nie wieder“ allein garantiert.
50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden mitten in Europa erneut Menschen aufgrund ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit verfolgt und ermordet. Internationale Soldaten waren vor Ort. Die UNO hatte Srebrenica sogar zur Schutzzone erklärt. Trotzdem geschah der Völkermord.
Für uns macht das Geschichte unangenehm aktuell. Nationalismus, Hass gegen Bevölkerungsgruppen, Kriegspropaganda und die Verherrlichung von Tätern gehören keineswegs nur in schwarz-weiße Aufnahmen aus dem frühen 20. Jahrhundert.
Der Name auf meinem Display
Als ich das ZIB-Posting gesehen habe, war Ratko Mladić für mich zunächst einfach ein älterer Mann mit Kopfhörern vor einem Gericht. Nach ein paar Stunden Recherche steht hinter diesem Foto plötzlich Srebrenica, Sarajevo, ein lebenslanges Urteil und eine bis heute umkämpfte Erinnerung.
Vielleicht ist genau hier die eigentliche Lücke.
Wir müssen in der Schule unmöglich jeden Namen der Geschichte kennen. Bei einem Mann, der wegen Völkermords in Europa verurteilt wurde und dessen Anhänger ihn noch heute feiern, würde ich beim nächsten Mal aber lieber wissen, wer er ist, bevor sein Tod in meinem Instagram-Feed auftaucht.
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