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Pulitzerpreisträger Christoph Köttl: „Das Erfüllende ist, wenn man ein bisschen Einfluss hat“

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Volontär · Bundesgymnasium Vöcklabruck
28.08.2026
9 Min.

Christoph Köttl ist in Schwanenstadt aufgewachsen und arbeitet heute im „Visual Investigations"-Team der New York Times. Dreimal hat er dort den Pulitzerpreis gewonnen. Aus Fotos, Videos und Satellitenbildern rekonstruiert er, was bei internationalen Ereignissen tatsächlich passiert ist. Im Interview erzählt er, wie solche Recherchen entstehen und warum ihn vor allem jene beschäftigen, die am Ende wirklich etwas verändern.

Offizielle Pulitzerpreis Vergabe an der Columbia Universität, New York, Oktober 2022. (Foto: Christoph Köttl)

campus a college: Du kommst aus Schwanenstadt und hast am BG Vöcklabruck maturiert. Heute bist du als Teil des „Visual Investigations"-Teams der New York Times dreifacher Pulitzerpreisträger. Was bedeutet das und wie sieht dein Alltag aus?

Christoph Köttl: Das ist eine gute Frage! Meistens ist es so: Wenn ich in der Früh anfange, habe ich zwei oder drei Themen, die ich mir gerade anschaue. Derzeit ist der Iran ein großes Thema. Oder ich schaue mir in Afrika ein paar Sachen an, die mich interessieren und bei denen auch meine Chefs interessiert sind.

Ich schaue zuerst online, ob es neue Videos, Fotos oder neue Informationen zu den Themen gibt. Gleichzeitig schaue ich, ob es ein neues Satellitenbild von dem Ort gibt. Die erste halbe bis eine Stunde ist meistens ein Scannen danach, wo es neue Materialien gibt.

Später muss ich mir Leute heraussuchen, mit denen ich vor ein paar Jahren gesprochen habe und die regionale Experten zum Iran oder zum Mittleren Osten sind. Dann denke ich mir: Mit dem habe ich schon einmal geredet, der wäre perfekt für dieses Thema. Dann schreibe ich ihnen: „Hey, habt ihr nächste Woche einmal Zeit zum Telefonieren? Ich hätte ein paar Fragen zu dem und dem Thema."

campus a college: Wie unterscheidet sich das Visual-Investigations-Team vom normalen Journalismus?

Christoph Köttl: Meine Hauptquellen sind visuelle Materialien: Fotos und Videos, die oft auf Twitter, Facebook, YouTube oder TikTok geteilt werden. In meinem Bereich sind es auch oft Satellitenbilder. Da kann man mit Google Earth anfangen.

Wenn wir die Geschichte ausbauen und schreiben oder produzieren, interviewen wir Experten oder Augenzeugen. Bei anderen Journalisten ist es umgekehrt: Sie interviewen als Erstes jemanden. Unsere Hauptquellen sind dagegen immer visuelle Materialien, und darauf bauen wir die Geschichte auf.

Satellitenbild eines zerstörten Damms in der Ukraine

Der zerstörte Kachowka-Staudammin der Ukraine, Juni 2023.Vantor


campus a college: Was war die spannendste Geschichte, die du je recherchiert hast?

Christoph Köttl: Es hat einige gegeben. Eine war vor ein paar Jahren, als die Amerikaner aus Afghanistan abgezogen sind. Einen Tag bevor die letzten Soldaten abgezogen sind, haben die Amerikaner einen Drohnenangriff in Kabul durchgeführt. Danach haben sie gesagt: „Aha, wir haben da wieder ein paar Terroristen erwischt."

Wir haben dann etwa zwei Wochen daran recherchiert. Dabei hat sich herausgestellt, dass es ein ganz normaler Zivilist war, ein Familienvater, der sein Auto in seiner Hauseinfahrt geparkt hatte. Insgesamt wurden bei dem Angriff zehn Mitglieder einer einzigen Familie getötet.

Das war eine schwierige Geschichte, weil das amerikanische Militär ständig gesagt hat: „Nein, das waren schon Terroristen. Es kann sein, dass da vielleicht Zivilisten gestorben sind." Sie haben immer wieder zurückgedrängt. Wir haben aber weiterrecherchiert und sehr gutes Bildmaterial gefunden, das belegt hat, dass die völlig falschen Leute erwischt worden waren. Ich wusste am Anfang nicht einmal, wer das war.

Die Geschichte hatte einen massiven Einfluss. Eine Woche später hat sich das Militär entschuldigt und den Fehler zugegeben. Wir haben viele Dinge analysiert und zusammengebracht, um den Ablauf zu rekonstruieren.

Die Geschichte habe ich damals kurz nach beziehungsweise während COVID aus Schwanenstadt gemacht, also aus Österreich. Es war interessant, in Oberösterreich am Land zu sitzen und gleichzeitig so eine Geschichte zu machen. Daran denkt man im Nachhinein oft zurück.

„Das Erfüllende ist, wenn man ein bisschen Einfluss hat"

campus a college: Was ist das Erfüllende an deinem Beruf?

Christoph Köttl: Das Erfüllende ist, wenn man ein bisschen Einfluss hat. Das passiert nicht jede Woche, aber dass man einmal etwas zum Positiven verändert, ist wichtig.

Vor ein paar Jahren gab es in Amerika Proteste gegen Polizeigewalt. Die Polizei hat manchmal sehr hart durchgegriffen oder Tränengas in Bereichen eingesetzt, in denen sie es nicht hätte tun sollen. Wir haben dazu eine Geschichte in Philadelphia gemacht. Einen halben Tag nach der Veröffentlichung hat die Stadtverwaltung eine Pressekonferenz gemacht und sich entschuldigt. Danach wurde der Einsatz von Tränengas in diesem speziellen Bereich verboten. Das war ein Riesenerfolg.

Aber auch in der Ukraine. Wir haben vor ein paar Jahren eine große Geschichte gemacht und etwa 35 oder 36 Menschen identifiziert, die an einem bestimmten Tag oder in einer bestimmten Woche von den Russen ermordet worden waren. Wir haben sie mit Foto und Namen identifiziert und ihre Geschichte kurz erzählt. Das ist wichtig, weil es echte Menschen waren: Kinder, ältere Leute, Erwachsene. Das Humane und Persönliche darf man nicht vergessen.

Satellitenbild von Militärflugzeugen

Militärflugzeuge in Belarus, February 2023.Vantor

campus a college: Gibt es etwas, das du an deinem Job überhaupt nicht magst?

Christoph Köttl: Da muss ich jetzt aufpassen, was ich sage. (lacht) Es ist wie bei jeder Arbeit: Manchmal ist man ein bisschen gestresst oder genervt.

Es gibt aber Zeiten, in denen man Tagesberichterstattung machen muss, etwa während Kriegen oder wenn etwas Neues passiert, Iran, Ukraine, Gaza. Das ist extrem stressig, manchmal eine Woche lang. Man wacht in der Früh auf und muss wieder von vorne anfangen. Dann arbeitet man bis zwölf Uhr in der Nacht, schläft ein paar Stunden und am nächsten Tag geht es wieder von vorne los.

Ich nehme mir lieber ein paar Tage oder Wochen Zeit, um zu recherchieren. Wenn alles schnell gehen muss, ist es für mich manchmal zu hektisch und ein bisschen nervig. Gott sei Dank ist das in meinem Team sehr oft möglich. Wir veröffentlichen auch nicht, wenn wir nicht fertig sind. Wenn wir sagen: „Okay, da fehlt noch etwas", machen wir es lieber am nächsten Tag oder nehmen uns noch zwei Tage.

„Es ist mehr Schwung in New York"

campus a college: Du lebst in New York. Wie verändert sich das Leben seit Trumps zweitem Amtsantritt?

Christoph Köttl: In New York selbst merkt man es im Tagesgeschehen wenig, weil New York eine sehr liberale Stadt ist. Was man merkt, ist die Stimmung. Sie ist ein bisschen gedrückter, weil das ganze Land und auch die ganze Welt beeinflusst sind. In New York leben sehr viele Einwanderer*innen und Menschen aus der ganzen Welt. Da ist ein bisschen mehr Angst wegen der Abschiebungen. Das merkt man auf jeden Fall.

campus a college: Spürt man, wenn man in New York wohnt, auch etwas von den Reformen des neuen Bürgermeisters Zohran Mamdani?

Christoph Köttl: Eigentlich schon. Er macht kontroversere Entscheidungen. Vor kurzem wurde zum Beispiel beschlossen, dass bei Gemeindebauten die Mieten nicht erhöht werden. Solche Sachen bekommt man mit. Ich wohne allerdings in einer Privatwohnung, deshalb betrifft mich das persönlich weniger.

Was mich eher betrifft: Ich fahre fast überall mit dem Rad in New York. Da merkt man, dass mehr Schwung da ist, Straßen werden verbessert und das Thema Sicherheit rückt stärker in den Vordergrund. Es gibt mehr Offenheit und es wird stärker darauf geschaut, dass die Radinfrastruktur ausgebaut wird. Das sind eher Kleinigkeiten, aber die merke ich persönlich.

„Es ist wichtig abzuschalten"

campus a college: Ihr arbeitet immer mit dem Schlechten der Welt. Verliert man da nicht irgendwann den Glauben an das Gute im Menschen?

Christoph Köttl: Es wirkt sich auf jeden Fall auf einen persönlich aus. Ich mache das jetzt seit 20 Jahren. Davor habe ich bei Amnesty International gearbeitet, und das sind auch bedrückende Themen.

Ich sage immer zu jungen Leuten, die 20 Jahre jünger als ich sind und gerade in diesem Bereich anfangen: Es ist wichtig, abzuschalten. Man muss sagen: „Okay, es ist jetzt sieben Uhr am Abend. Ich gehe jetzt Radfahren." Oder man macht Pläne fürs Wochenende, geht einen Tag wandern oder Rad fahren.

Das Leben besteht aber auch aus anderen Dingen als Arbeit: Familie, Freund*innen, Natur. Wenn man sich das einteilt, sieht man auch das tägliche Gute am Menschen und in der Welt. Das ist wichtig, aber schwierig konsequent durchzusetzen.

campus a college: Du recherchierst auch zu Ereignissen, die in Europa fast keine Aufmerksamkeit bekommen, etwa im Sudan. Warum ist das für euch trotzdem interessant?

Christoph Köttl: Wir als New York Times, und gerade unser Team, machen sehr viele internationale Themen. Wir schauen auch auf Menschenrechtsthemen. Die New York Times ist eine Rieseneinrichtung. Dadurch hat man manchmal die Möglichkeit und die Ressourcen, internationale und Menschenrechtsthemen aufzunehmen.

Wir schauen uns solche Themen an, weil es beim Sudan nicht nur um den Sudan geht. Da geht es auch um regionale Akteure und Nachbarländer: Wie mischen die sich dort ein? Welche Rolle spielen die Vereinigten Arabischen Emirate? Und das Land ist wiederum ein Partner von Amerika. Welche Rolle spielt Amerika? Wenn man für ein amerikanisches Medium arbeitet, gibt es fast immer eine amerikanische Verbindung.

Wenn man für ein kleineres österreichisches Medium arbeitet, ist es schwieriger, die Ressourcen dafür zu bekommen.

campus a college: Wie bist du zum Journalismus gekommen?

Christoph Köttl: Bei der New York Times war mein erster richtiger Journalistenjob. Angefangen hat es aber schon früher: Mein erstes Praktikum war bei der Vöcklabrucker Rundschau, ich glaube im September 2001. Das war mein erster Kontakt mit dem Journalismus. Im Jahr darauf habe ich im Sommer ein Praktikum bei den Salzburger Nachrichten gemacht. Danach habe ich weniger im Journalismus gearbeitet, bis es sich wieder ergeben hat. Ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.

ampus a college: Und wie kam der Kontakt zur New York Times?

Christoph Köttl: Geplant war das nicht. Ich bin ursprünglich durch den Auslandszivildienst nach Amerika gekommen, vor über 20 Jahren. Dort habe ich am Holocaust-Museum gearbeitet. Danach habe ich in Amerika studiert, einen Master gemacht und angefangen zu arbeiten.

Dort lernte ich, Videos, Fotos und Satellitenbilder zu analysieren. Vor zehn Jahren hat dann die New York Times angefangen, ein Team in diesem Bereich aufzubauen. Das hat mit meinem Hintergrund gut zusammengepasst.

Pulitzer Preis Bekanntgabe in der New York Times im Mai 2022.

Pulitzer Preis Bekanntgabe in der New York Times im Mai 2022.Christoph Köttl


campus a college: Gibt es Fähigkeiten, die du schon am Gymnasium gelernt hast und jetzt in deinem Job immer noch brauchst?

Christoph Köttl: Das Wichtigste sind Fremdsprachen. Das war nie meine Stärke. Aber am Gymnasium habe ich die Basis für Englisch gelernt, weil man da acht Jahre Englisch hat.

Ich habe im Ausland studiert, in Holland, und dort habe ich Englisch gebraucht. Für den Auslandszivildienst ging auch ohne Englisch nichts. Wenn man international etwas machen will, sind Sprachen sehr wichtig.

Zu meiner Zeit hat man noch nicht so viel Englisch im Fernsehen oder auf Netflix gesehen, das hat es alles noch nicht gegeben. Heute ist man der Sprache viel stärker ausgesetzt. Das ist praktisch. Ich sehe das auch bei meinen Kollegen: Die können Arabisch oder Spanisch, und das öffnet uns ganz andere Türen, wenn sie über den Mittleren Osten oder Südamerika berichten.

Wichtig ist auch kritisches Denken, also Quellen zu hinterfragen. Das lernt man viel auf der Uni, aber es fängt am Gymnasium an. Ich habe viel über lokale Geschichte gelernt, unter anderem zum Nationalsozialismus. Das habe ich im Studium weiterverfolgt. Es geht darum, Quellen zu suchen und sich zu überlegen, wie interessant es sein kann, mit Zeitzeugen zu reden. In den 90er-Jahren gab es davon noch mehr, aber das machen wir jetzt auch noch. Am besten ist, wenn man jemanden findet, den man übers Telefon interviewen kann und der genau gesehen hat, was passiert ist. Solche Dinge lernt man teilweise schon am Gymnasium, und sie sind extrem wichtig.

campus a college: Zum Abschluss: Hast du einen Tipp für Jugendliche, die sich für Journalismus interessieren?

Christoph Köttl: Ich sage immer: Wenn man sich für diesen Bereich interessiert, sollte man Themen verfolgen, die einen selbst interessieren. Bei mir war es der Menschenrechtsbereich.

Man muss nicht unbedingt Publizistik oder Journalismus studieren. Du brauchst vor allem Expertise in bestimmten Bereichen. Wenn man diese mit Journalismus kombiniert, kann man viel erreichen. Oder man kennt viele Leute in einem bestimmten Bereich, ein Netzwerk ist auch wichtig.

Am Anfang ist es schwieriger. Deshalb mein zweiter Tipp: Jede Möglichkeit nutzen, bei der man Praxis bekommt. So wie ihr das jetzt mit einer Schülerzeitung macht, perfekt. Man kann nicht einfach Publizistik studieren und sich nach vier oder fünf Jahren irgendwo bewerben. Man braucht, wie in den meisten Bereichen, Arbeitserfahrung. Schülerzeitung, Studentenzeitungen, vielleicht ein Praktikum.

Am Anfang ist das schwierig, weil es oft nicht bezahlt ist. Oder man geht ins Ausland und lernt Sprachen.


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