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Proteine überall: Brauchen wir diesen Hype wirklich?

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Redakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
20.08.2026
5 Min.

Pudding, Brot, Schokolade, sogar Wasser: Im Supermarkt taucht das Label „High Protein" inzwischen auf immer mehr Produkten auf. Das klingt nach Gesundheit und Sportlichkeit. Doch oft steckt dahinter vor allem eins: cleveres Marketing und ein höherer Preis. Fachleute sagen: Die meisten von uns essen längst genug Eiweiß. Ein Blick auf einen Hype, der sich in immer mehr Lebensmittel mischt.

High Protein auf Pudding, Brot und sogar Wasser: Oft steckt hinter dem Eiweiß-Label vor allem ein höherer Preis und selten ein echter Mehrwert. (Foto: shutterstock)

1,59 Euro oder 1,69 Euro?

Ich stehe vor dem Kühlregal und will eigentlich nur einen Schokopudding kaufen. Dann sehe ich den Becher daneben: „High Protein", 20 Gramm Eiweiß, 200 Gramm Inhalt und dafür ein ziemlich sportlicher Preis. Der normale Pudding kostet auf den ersten Blick kaum weniger, aber pro Kilo ist der Unterschied plötzlich gewaltig.

Und genau hier beginnt der Protein-Hype: Eiweiß steht inzwischen nicht mehr nur auf Shakes für Kraftsportler. Es steht auf Pudding, Joghurt, Brot, Müsli, Schokoriegeln und sogar auf Getränken. Was früher nach Fitnessstudio aussah, ist längst im ganz normalen Supermarkt angekommen. Die Frage ist nur: Brauchen wir das wirklich, oder zahlen wir vor allem für das Wort „Protein" auf der Verpackung?

Vom Bodybuilder-Regal ins Kühlregal

Getrieben wird der Trend vor allem über Social Media. Auf TikTok und Instagram zeigen Fitness-Leute ihre proteinreichen Rezepte, und schnell wirkt es, als bräuchte jeder ständig mehr davon.

Wie viel Geld in dem Trend steckt, zeigt beispielhaft eine einzige Firma: Die Unternehmensgruppe hinter den bekannten Fitness-Marken ESN und More Nutrition machte laut Euronews im ersten Halbjahr 2026 rund 850 Millionen Euro Umsatz, ein Plus von über 40 Prozent. Die Lebensmittelindustrie hat also längst erkannt, wie gut sich mit dem Wort Protein Geld verdienen lässt.

Der Trick mit dem Aufpreis

Und genau hier liegt der Haken. Für die Hersteller ist es ein einfaches Rechenspiel. Sie ändern ein bekanntes Produkt nur leicht, klatschen „High Protein" auf die Verpackung und verkaufen es teurer.

Ein Blick ins Kühlregal zeigt, wie groß der Unterschied wirklich ausfällt. Der Ehrmann High Protein Pudding Schoko kostet bei Billa 1,59 Euro für 200 Gramm, macht 7,95 Euro pro Kilo. Der klassische Billa Sahnepudding Schokolade in der 500-Gramm-Packung kostet dagegen 1,69 Euro, also nur 3,38 Euro pro Kilo.

Der Protein-Pudding ist damit mehr als doppelt so teuer pro Kilo. Beim Eiweiß zeigt sich ein ähnliches Bild: 10 Gramm pro 100 Gramm stecken im High-Protein-Becher, ein gewöhnlicher Sahnepudding kommt laut Nährwertangaben vergleichbarer Produkte nur auf rund 3 Gramm.

Auf den ersten Blick wirkt das fair: mehr Eiweiß für mehr Geld. Bei anderen Produkten geht diese Rechnung aber nicht mehr auf. Das Problem: Oft steckt gar nicht mehr Eiweiß drin als in der normalen Variante, sie kostet aber deutlich mehr. Die Verbraucherzentrale nennt viele dieser Produkte für den Alltag schlicht überflüssig. Besonders absurd wird es bei manchen Protein-Schokoriegeln. Da ist am Ende teilweise mehr Zucker drin als Eiweiß. Die Extraportion Protein ist dann vor allem eine Extraportion für den Preis.

Brauchen wir das überhaupt?

Die wichtigste Frage bleibt: Fehlt uns das Eiweiß überhaupt? Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt einem gesunden Erwachsenen rund 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Das klingt nach viel, ist aber schnell erreicht, mit ganz normalem Essen wie Joghurt, Käse, Eiern, Bohnen oder Fleisch. Die meisten von uns nehmen also längst genug zu sich, oft sogar mehr.

„Dieser Trend sagt unausgesprochen: Wir essen zu wenig Eiweiß", sagt die Ernährungswissenschaftlerin Angela Bechthold. Dabei stimmt genau das für die allermeisten Menschen gar nicht. Auch die Ernährungsexpertin Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung wird gegenüber Euronews deutlich: „Der Protein-Hype ist aus unserer Sicht völlig überbewertet."

Ein Gang durch den Supermarkt

Wie weit der Trend geht, zeigt ein Blick ins Regal am deutlichsten. In einem Wiener Kühlregal fällt sofort auf, wie groß das Protein-Angebot geworden ist. Neben den normalen Joghurts und Milchdrinks stehen reihenweise Becher mit „High Protein" auf der Vorderseite, auch bei Pudding und Topfen prangt die Aufschrift inzwischen groß. Im Süßwarenregal liegt der Proteinriegel gleich neben dem normalen Müsliriegel. Und beim Blick aufs Preisschild zeigt sich: Die Protein-Variante ist oft spürbar teurer als das ähnliche normale Produkt daneben.

Mittendrin stehen wir, oft mit gemischten Gefühlen. „Ich kauf schon manchmal Proteinpudding oder so einen Riegel, vor allem wenn ich nach dem Training noch was essen will", sagt Nico Wagner, 17, Schüler aus Wien. Ganz entgeht ihm die Wirkung der Werbung aber nicht. „Man lässt sich schon ein bisschen davon beeinflussen, wenn überall ,High Protein' draufsteht. Es klingt halt automatisch gesünder. Ob man das wirklich braucht, weiß ich ehrlich gesagt nicht", sagt er.

Genau da hakt eine Fachfrau ein. „Für die meisten Jugendlichen ist es nicht notwendig, ständig auf besonders proteinreiche Produkte zurückzugreifen", sagt Julia Steiner, Diätologin in Wien. „Wenn man sich abwechslungsreich ernährt, bekommt man normalerweise ausreichend Eiweiß über ganz normale Lebensmittel." Mehr Protein sei eben nicht automatisch besser.

Warum es trotzdem funktioniert

Wenn die meisten von uns gar kein extra Eiweiß brauchen, warum greifen wir dann trotzdem zu? Der Grund liegt weniger im Bauch als im Kopf. Das Label „High Protein" gibt uns beim Naschen ein gutes Gefühl. Aus einem „ich gönn mir was" wird plötzlich ein „ich mach was Richtiges". Der Proteinpudding schmeckt wie Nachtisch, fühlt sich aber an wie Sport.

Das Kurioseste dabei: Viele haben den Hype längst satt. Laut einer Erhebung des Marktforschers Mintel halten 64 Prozent der Befragten „High Protein" inzwischen für überbewertet. Trotzdem bringen die Hersteller Protein in immer mehr Produkte, weil es sich einfach verkauft.

Was wirklich zählt

Am Ende ist Protein weder böse noch ein Wundermittel. Der Körper braucht es, keine Frage. Nur bekommt er es aus ganz normalem Essen längst genug, und meist deutlich billiger. Ein Ei, ein Becher Naturjoghurt, eine Handvoll Nüsse oder ein Teller Linsen liefern reichlich Eiweiß, ganz ohne buntes Label und Aufpreis.

Der beste Trick beim Einkaufen kommt von der Diätologin selbst. „Beim Einkauf würde ich weniger auf die große Aufschrift ,High Protein' schauen und stattdessen die Nährwerttabelle vergleichen", sagt Julia Steiner. „Das Wort ,Protein' allein macht ein Lebensmittel nicht automatisch gesund." Oft steht in der kleinen Tabelle hinten nämlich, dass das teure Protein-Produkt gar nicht viel mehr kann als das normale daneben. Und dann darf der Pudding auch einfach wieder ein Pudding sein.

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