Der ORF. Kaum ein anderes Medium beschäftigt Österreich gerade so sehr wie er. Bekannt für seriöse Berichterstattung, hitzige Debatten, die Übertragung verschiedenster Sport- und Kulturevents und seit Kurzem auch wegen Vorwürfen rund um Machtmissbrauch. Oft kritisiert, sei es wegen des ORF-Beitrags oder wegen parteipolitischer Nähe. Trotzdem verlassen sich tagtäglich Millionen Österreicherinnen und Österreicher auf die Berichterstattung der ZIB. Gleichzeitig stellt sich aber immer deutlicher eine andere Frage: Erreicht der ORF die junge Generation überhaupt noch, oder informieren sich Jugendliche längst woanders?
Denn während ältere Generationen noch regelmäßig die ZIB einschalten oder Radio hören, konsumieren Jugendliche Nachrichten heute völlig anders: über TikTok, Instagram oder YouTube. Genau in dieser Phase, in der der ORF ohnehin um junge Zielgruppen kämpft, erschüttert die Causa Weißmann das Vertrauen zusätzlich. Auf Dauer kann das nicht gutgehen.
Der Fall Weißmann
Anfang März 2026 beschuldigte eine ORF-Mitarbeiterin den damaligen ORF-Generaldirektor Roland Weißmann der sexuellen Belästigung und des Machtmissbrauchs. Obwohl der ORF-Topverdiener alle Vorwürfe bestritt, trat er am 8. März 2026 mit sofortiger Wirkung zurück. Daraufhin wurde eine interne Compliance-Prüfung eingeleitet. Bei einer solchen Prüfung wird untersucht, ob interne Regeln beziehungsweise Gesetze eingehalten wurden.
Die Prüfung kam zum Schluss, dass zwar strafrechtlich keine sexuelle Belästigung festgestellt werden könne, das Verhalten und die Kommunikation Weißmanns aber problematisch seien und nicht mit den Führungskräftestandards des ORF vereinbar wären. Die Gleichbehandlungsanwaltschaft erklärte später allerdings, dass nur Gerichte beurteilen dürften, ob eine strafrechtliche sexuelle Belästigung vorliegt.
Der ORF kündigte daraufhin das Dienstverhältnis mit Weißmann. Die Leitung übernahm bis zum Ende des Jahres Ingrid Thurnher. Ende April veröffentlichte die Tageszeitung Falter die „Weißmann-Chats“, in denen es um sexualisierte Nachrichten, Druck auf eine Mitarbeiterin und die Vermischung von beruflicher Macht und privatem Verhalten ging. Auch sogenannte Dickpics sollen Teil der Chats gewesen sein. Roland Weißmann kündigte daraufhin eine Klage gegen den Falter an und forderte außerdem vom ORF fast vier Millionen Euro Schadenersatz wegen Rufschädigung und entgangenem Einkommen.
TikTok statt ZIB?
Aber zurück zur eigentlichen Frage: Hat der ORF die Jugend verloren?
Um das beantworten zu können, muss man zuerst verstehen, wie Jugendliche heute Medien konsumieren. Die Tendenz ist eindeutig: Klassische Medien wie Zeitungen oder Fernsehen verlieren bei jungen Menschen zunehmend an Bedeutung. Stattdessen dominieren kurze Videos auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube.
Das zeigen auch aktuelle Zahlen aus Österreich: Laut dem Jugend-Internet-Monitor 2025 nutzen 80 % der österreichischen Jugendlichen YouTube, 74 % Snapchat, 73 % Instagram und 72 % TikTok. Klassisches Fernsehen verliert dagegen zunehmend an Bedeutung. Jugendliche konsumieren Nachrichten heute oft über kurze Videos auf Social Media statt über klassische Nachrichtensendungen im Fernsehen.
Der ORF hat bei vielen Jugendlichen deshalb eher das Image eines „Boomer-Mediums“. Also eines Mediums, das eher unsere Eltern oder Großeltern konsumieren. Und wenn wir ehrlich sind: Wer von uns schaut wirklich jeden Abend die ZiB? Wahrscheinlich die wenigsten.
Trotzdem konsumieren auch wir Jugendliche Inhalte des ORF, nur eben anders. Viele stoßen beim Scrollen auf TikTok auf kurze ZIB-Clips oder hören im Auto Ö3. Und spätestens bei Wahlen verfolgen auch junge Menschen oft die Analysen von Peter Filzmaier oder Diskussionen im ORF.
Mehr als nur ein Skandal
Gerade in einer Zeit, in der Jugendliche den klassischen ORF ohnehin immer weniger konsumieren, ist die Causa Weißmann besonders problematisch. Der Sender kämpft seit Jahren darum, junge Zielgruppen für sich zu gewinnen. Dafür wurde viel investiert: etwa in Social-Media-Auftritte der ZIB oder in die Streamingplattform ORF ON.
Die Schlagzeilen über Machtmissbrauch, sexuelle Belästigung und problematische Führungskultur verstärken allerdings den Eindruck, dass der ORF teilweise noch in alten Strukturen feststeckt.
Vor allem junge Journalistinnen und Journalisten könnten dadurch abgeschreckt werden. Schließlich stellt sich die Frage, ob man Teil eines Mediums sein möchte, das derzeit eher wegen Skandalen als wegen Innovation Schlagzeilen macht. Gerade junge Menschen achten heute stärker auf Arbeitskultur, Transparenz und Gleichberechtigung. Werte, mit denen der ORF zuletzt nicht unbedingt positiv aufgefallen ist.
Trotzdem unverzichtbar?
Auch wenn der ORF vielleicht nicht die angesagtesten Serien für Jugendliche produziert, bleibt er meiner Meinung nach trotzdem unverzichtbar. Er informiert tagtäglich ein ganzes Land über Politik, Wirtschaft und internationale Krisen. Gleichzeitig bietet er Kultur, Sport und Unterhaltung. Kaum ein anderes österreichisches Medium steht so sehr für seriöse, gut recherchierte und möglichst neutrale Berichterstattung.
Dennoch wird es Zeit für Reformen. So fordern etwa die NEOS eine stärkere Entpolitisierung des ORF. Ein unabhängigerer Aufsichtsrat, transparente Besetzungsverfahren und weniger parteipolitischer Einfluss könnten helfen, das Vertrauen langfristig wieder zu stärken.
Ist es nicht auch unsere Schuld?
Vielleicht liegt das Problem aber nicht nur beim ORF, sondern auch bei uns Jugendlichen.
Wir leben in einer Welt, in der Algorithmen uns alle paar Sekunden neue Inhalte liefern. Viele konsumieren Nachrichten nur noch nebenbei. Man scrollt weiter, vergisst das nächste Thema nach wenigen Minuten wieder und beschäftigt sich oft kaum intensiv mit politischen Themen.
Gleichzeitig ist unsere Generation mit Krisen aufgewachsen: Klimakrise, Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg oder Konflikte im Nahen Osten haben unsere Kindheit und Jugend geprägt. Da ist es vielleicht verständlich, dass viele junge Menschen sich lieber ablenken lassen wollen, statt sich ständig mit negativen Nachrichten auseinanderzusetzen.
Wie der ORF versucht, uns zurückzugewinnen
Der ORF hat bereits Maßnahmen gesetzt, um für junge Menschen attraktiver zu werden. Mit dem Streamingportal ORF ON versucht man, unabhängiger von klassischen Sendezeiten zu werden, ähnlich wie Netflix oder andere Streamingdienste.
Auch auf Social Media ist der ORF heute deutlich präsenter als noch vor einigen Jahren. Die ZiB veröffentlicht kurze Nachrichtenzusammenfassungen auf TikTok und Instagram, Ö3 setzt auf humorvollen Content und Clips für jüngere Zielgruppen.
Zusätzlich produziert der ORF mittlerweile gezielt Serien für Jugendliche. Die Erfolgsserie „School of Champions“, von der bereits die vierte Staffel abgedreht wurde, ist ein Beispiel dafür.
Vielleicht braucht es am Ende eine Annäherung auf beiden Seiten: einen moderneren ORF, aber auch Jugendliche, die wieder stärker bereit sind, sich ernsthaft mit Nachrichten und Politik auseinanderzusetzen.
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