Wir kennen das doch alle: Der kritische Blick in den Spiegel, der Neid auf diejenigen, die genau das vorleben, was wir uns allzu sehr wünschen, die selbstzweiflerische Stimme, die uns immer wieder versucht zu überzeugen: Du bist nicht gut genug.
Dazwischen das ewige Scrollen durch Instagram-Storys. Eine Frau. Tanzend, lachend und wunderbar aussehend. Hautenges, bauchfreies Oberteil, das einfach perfekt sitzt. Eine schmale Taille und das „perfekte Modelgesicht“. Ein strahlendes Lächeln, voluminös fallende Haare, eine Haut, von Unreinheiten gänzlich unbetroffen.
Perfekt insziniert
Ein kurzer Scroll durch Instagram und wir sehen Tausende Posts von „perfekten Frauen“. Exzellent trainierte Körper, ausschließlich gesunde Ernährung, wunderschön gepflegte Villen, das traumhaft grandiose Leben, darunter Kommentare von Männern, die das erlesene Schönheitsideal loben.
Da kommen uns Frauen Gedanken wie: Sie sieht so schön aus. Warum laufen für mich die Dinge nie so rund? Ist mein eigenes Leben zu kompliziert? Vor allem auf Social Media besteht die Gefahr, uns schnell zu verlieren sowie unrealistischen Schönheitsidealen hinterherzujagen. Dies betrifft insbesondere uns Frauen.
Der ständige Drang, sich immer, überall und mit jedem zu messen, macht uns auf Dauer krank, psychisch und irgendwann auch körperlich. Immer im Vergleich mit anderen zu sein, lässt Frauen an sich zweifeln und ihr Selbstwertgefühl auf Dauer deutlich sinken. Das Phänomen wirkt sich zudem auf unsere Selbstakzeptanz und unser Selbstbewusstsein aus, das zeigt sich in der Folge in emotionaler Instabilität und verstärktem Rückzug.
Perfektionismus: Eine Gefahr für den Körper?
Zudem kann der Perfektionismus, den Social Media vorgaukelt, auch zu Essstörungen führen. Größtenteils sind es Männer, die den Frauen Anforderungen aufzwingen, wie große Oberweite, sehr schlanke Taille sowie breite Hüften.
Dies führt oft zu Anorexie, Bulimie und Body-Dismorphia, alles aktuell weit verbreitete psychische Krankheiten, die sich auf den Körper auswirken und unser Wohlbefinden verschlechtern. Von 2019 auf 2023 hat sich die Anzahl der an Essstörung erkrankten Mädchen um mehr als 50 Prozent erhöht, bestätigte die Krankenkasse.
Instagram, TikTok etc. vermitteln unrealistische Schönheitsideale durch bearbeitete Fotos, spezielles Licht und bestmögliche Darstellung der Personen und deren Leben. Doch ist das nicht auch nachvollziehbar? Wollen wir uns nicht alle im besten Licht zeigen? Die sogenannte „Schokoladenseite“ präsentieren?
Wir alle kennen solche Situationen aus unserem Alltag. Alle teilen nur die besten Anekdoten mit, schlechte Erfahrungen oder Fehler lassen wir aus. Dadurch stellt sich die Frage, ob wir nicht selbst schuld an diesem Trend sind.
Die gesellschaftlich so stark verankerte Vorstellung, Frauen müssten immer perfekt sein, steht einer besseren, fortgeschritteneren und gleichberechtigteren Gesellschaft im Weg. Daher sollten wir über das Thema reden und schreiben, um damit möglichst viele Menschen zu erreichen. Es ist bisher nicht absehbar, wie die vorherrschende Fake-Welt der sozialen Medien die echte Welt in den kommenden Jahren beeinflussen könnte.
Frauen häufig perfektionistischer
„Gerade im Arbeitsalltag ist Perfektionismus kontraproduktiv, da viele Aufgaben anfallen und ständiges Streben nach Perfektion nicht hilft und sogar lähmend wirkt“, sagt Margit Parzer, Direktorin der Höheren Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Berufe Ried im Innkreis. Ihr zufolge zeigen besonders Schülerinnen perfektionistische Tendenzen, was bei ihnen häufig zu psychischen Belastungen und Druck bezüglich der Noten führt.
Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede seien vielfach auch der Erziehung geschuldet. Gerade Mädchen bekommen vermittelt, besondere Leistungen führten zu Lob und Wertschätzung. Folglich sei die stärkere perfektionistische Veranlagung bei Frauen kein Wunder, so die Direktorin weiter, was sich unter anderem bei Bewerbungen widerspiegelt. Frauen bewerben sich demnach für Jobangebote oft nur, wenn sie alle Kriterien erfüllen, Männer hingegen versuchen es bereits bei einigen wenigen erfüllten Anforderungen.
Doch umzudenken und vom perfektionistischen Ansatz wegzukommen, ist schwer. „Die Gelassenheit, nicht immer alles makellos auszuführen, ist nicht so einfach in den Alltag umsetzbar“, sagt Margit Parzer.
Perfektionismus kostet Gesundheit und Kraft. Social Media, Schule und Arbeit tragen dabei gleichermaßen die Verantwortung. Höchste Zeit, wieder Räume zu schaffen, in denen „gut genug“ wieder genügt.
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