Noch 50.000 Herzschläge

Das Herz kämpft jeden Tag um sein Überleben (Foto: Kjrstie)

Können Sie sich noch an den glücklichsten Moment in Ihrem Leben erinnern?

Meiner war, als ich endlich das letzte Mal die Stufen der Medizinischen Fakultät hinunter ging. Doktor Elena Summer. Mein ganzes Leben lang hatte ich auf diesen Moment gewartet, nun war er endlich da.

Noch immer habe ich die stolzen Gesichter meiner Eltern vor Augen, als ich ihnen erzählte, dass ich in ihre Fußstapfen treten würde.

Jetzt, sechs Jahre später, ist es endlich so weit. Mein erster Arbeitstag, an dem ich keine Assistenzärztin mehr bin. Als ich den Flur entlang gehe, spüre ich wie vor Aufregung meine Knie zittern und meine Hände schwitzen. Ich bin überglücklich, als ich endlich das Wort "Onkologie" entdeckte. Auch wenn ich mir lange nicht sicher war, ob es wirklich die richtige Fachrichtung ist, weiß ich das inzwischen ganz genau.

Eine ältere Frau in einem weißen Kittel kommt auf mich zu. Ich erkenne sie sofort. Doktor Estat, eine der bekanntesten Onkologinnen des Landes und meine Vorgesetzte. Sie verschwendet nicht viel Zeit mit irgendwelchen Höflichkeiten, also gehen wir nach einer kurzen Einweisung direkt zu meiner ersten Patientin.

Sabrina, eine 39-jährige Frau, ist auf der Station schon bekannt. Sie bekam vor fünf Monaten einen niederschmetternde Nachricht. Es wurde bei ihr ein bösartiger Tumor diagnostiziert. Dieses Nierenkarzinom verkürzt ihr Leben auf nur mehr wenige Monate.  

Trotz der schlechten Prognose will sie nicht aufgeben. In der Hoffnung, doch noch eine geeignete Therapie zu finden, kommt sie jeden Monat ins Krankenhaus und jeden Monat aufs Neue sagen ihr die Ärzte, dass sie die letzten Monate einfach genießen soll. Ich folge Dr. Estat ins Behandlungszimmer.

Sabrina erzählt, welche Nebenwirkungen nach den ersten Chemositzungen auftraten und wie es ihr im Moment geht. Ich höre nur mit einem Ohr zu. Ihre ausdrucklosen Augen lenken mich ab. Ich weiß zwar, dass eine Chemotherapie mitnimmt und alle Reserven aufbraucht, aber sie wirkt in dem Krankenbett so zerbrechlich und auch die verrutsche Perücke macht die Situation nicht besser.

Dr. Estat klärt Sabrina über alle weiteren Untersuchungen auf und danach verschwindet sie auch wieder. Ich begleite Sabrina mit zum PET-Ct und nehme ihr danach noch Blut ab.  Durch ihre blasse Haut ist es leicht, eine geeignet Vene für die Abnahme zu finden.

"Ich weiß, was Sie jetzt denken."

Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich erst ein paar Momente brauchen, um zu realisieren, was sie meint. Ich bin mir sicher, dass sie auf ihren krankhaften Versuch, doch noch einen für passende Behandlungsmethode zu finden, anspielt. Doch bevor ich etwas antworten kann, spricht sie schon weiter.

"Ich habe zwei Kinder und nicht mehr viel Zeit. Ich würde alles dafür geben, um zu sehen, wie sie allein in die Schule gehen oder wenn sie das erste Mal mit ihren Freunden feiern geht. Ich würde alles tun, um bei ihnen sein zu können, wenn sie vor den Traualtar schreiten."

Tränen steigen ihr in die Augen und bevor Sabrina die erste Träne wegwischen kann, läuft sie ihr schon über die Wange hinunter. Ich versuche die richtigen Worten zu finden, mir fällt aber nichts ein, was ich antworten könnte. Also berühre ich sie nur am Arm und versuche sie so zu trösten.

"Aber wovor ich sie eigentlich beschützen will, ist der Schmerz. Ich will nicht, dass sie hinter meinen Sarg nach gehen oder irgendwelche Fürbitten vor der Familie lesen müssen. Ich möchte nicht, dass sie vor einen Grab sitzen und ein Erdloch um Rat fragen. Ich möcht sie einfach vor all dem Bewahren."  

Ich sehe ihr tief in die Augen und versuche sie mit ein paar Worten zu trösten, die aber auch nicht viel bringen. Ich habe ihr gerade ein Pflaster auf ihre blutende Wunde geklebt, als Dr. Estat mich an piepst. Ich fühlte mich zwar schuldig Sabrina allein zurückzulassen, aber ich wusste auch nicht, was ich noch sagen soll. Bis Dr. Estat von der Radiologie zurück ist, warte ich in Ihrem Büro.

Ich suche in Ihrem Büro nach Familienfotos, aber die Suche ist vergebens. Anscheinend braucht man mehr als nur gute Noten um Arzt zu sein, man braucht auch die Fähigkeit sein privates Leben aufgeben zu können. Nach wenigen Minuten betritt sie den Raum und lässt sich in ihren Sessel fallen. Noch bevor ich etwas sagen kann, hält sie mir CT-Bilder entgegen. Ich kann nicht glauben, was ich sehe. Dr. Estat sieht mich an und fragt, ob ich Sabrina die Nachricht überbringen will. Mehrmals sehe ich mir die Bilder an, bis ich begreife, welche Auswirkungen sie auf Sabrina restliches Leben haben werden. Ich spüre, wie mir die ersten Tränen in die Augen steigen.

Nach einem kurzen Stopp auf der Toilette, um meine von Tränen zerstörtes Make-Up zu richten, gehe ich zu meiner Patientin. Anscheinend hat sie sich wieder gefangen, denn von Traurigkeit fehlt jede Spur.

"Dr. Summer Sie sehen aus als hätten Sie einen Geist gesehen. Ich hoffe sehr, dass sie meine Ergebnisse nicht zu sehr schockiert haben."

Diese Frau hat eine schrecklichsten Diagnosen bekommen und trotzdem hat sie noch so viel Lebenswille. Ich merke wie meine Hände zitieren und hoffe, dass meine Stimme mich jetzt nicht im Stich lässt.

"Sabrina wir haben Ihre Aufnahmen noch mal angeschaut. Leider kann ich Ihnen keine guten Nachrichten überbringen. … Es ist so, ihr Tumor hat in den gesamten Bauchraum metastasiert. Sie werden höchst wahrscheinlich die nächsten fünf Wochen nicht überleben. Es tut mir unendlich leid."

Der Frau, die seit Monaten alles möglich versucht, um den Krebs zu besiegen, der habe ich gerade gesagt, dass sie nicht mal mehr ihren vierzigsten Geburtstag erleben wird. Ich rechne damit, dass sie jede Sekunde anfängt zu weinen, aber sie bleibt stark. Sie atmet ein paarmal tief durch und versucht zu sprechen. Aber ihre Stimme versagt jedes Mal aufs Neue. Bis sie es endlich schafft.

"Danke für Ihre Bemühungen, aber ich würde jetzt gerne nach Hause gehen. Ich werde noch früh genug wieder hier liegen und möchte noch ein paar unbeschwerte Tage genießen."

Ich sehe ihr an, wie sie erneut mit den Tränen kämpfen muss. Es muss einfach furchtbar sein, wenn man seiner Familie sagt, dass man vielleicht nicht mal mehr ein Monat lebt. Ich helfe ihr bei den Entlassungspapieren und wünsche nochmals alles Gute. Sabrina umarmt mich noch ein letztes Mal und verlässt dann das Krankenhaus. Diese Botschaft hatte sie noch für mich:


Vergessen Sie nicht, egal wie unfair das Leben scheint,

es geschieht alles aus einem bestimmten Grund.

Man muss zuerst eine schlechte Nachricht bekommen,

bevor einem bewusst wird, wie wertvoll das Leben ist!

Also genießen Sie es und seine Sie für jeden Herzschlag dankbar,

denn man weiß nie, wann es der letzte ist!


Vier Wochen später

Mittlerweile habe ich schon viele Patienten betreut und ihnen schlecht Nachrichten überbracht. Aber bis jetzt hat mich kein Fall so mitgenommen wie der von Sabrina.

Sie wurde vor ein paar Tagen erneut eingeliefert und liegt nun intubiert auf der Intensivstation. Um sie herum sind ihre Liebsten. Selbst nach einem Monat beschäftigt mich ihr Rat noch immer. Ihr wurde gesagt, dass sie bald sterben wird und trotzdem sah sie noch die guten Seiten des Lebens. 

Vielleicht muss man wirklich erst eine schlechte Diagnose erhalten, bevor man erkennt was für ein Geschenk das Leben ist. Ich sehe wie der EKG- Monitor ihren letzten Herzschlag zeigt und danach nur mehr die Nulllinie zu sehen ist. Ihr Herz durfte noch 50.000-mal schlagen und dennoch war es viel zu wenig. Es ist nicht fair zu sehen, wie das Leben langsam aus einer Person weicht, wie das Herz das letzte Mal schlägt und der letzte Atemzug gemacht wird. Man tut alles Menschenmögliche und doch ist es zu wenig. Ich bin Ärztin geworden, um Leben zu retten und trotzdem bin ich dem Tod so nahe wie noch nie zuvor.




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Kommentare

  • Kein Profil-Bild gefunden.
    vor 6 Tagen Johanna Wagmeier
    Ich bin davon beeindruckt, wie du dich in deine Charaktere hineinversetzen kannst. Ich war selbst in einer ähnlichen Situation wie Sabrina, aber bisher sieht es gut aus, dass ich auch bei den Hochzeiten meiner Kinder dabei sein kann.