Neuro-Fitness-Trainer warnt: "Raus aus dem Endlos-Scrollen"

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Chefredakteur · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
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14.09.2026
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Ein Video führt zum nächsten, und plötzlich sind Stunden vergangen. Im Interview spricht Neuro-Fitness-Trainer Marco Schnabl über die Wirkung von Social Media auf unsere Aufmerksamkeit, die Grenzen von Zeitlimits und die Frage, was Jugendliche selbst tun können.

 

Marco Schnabl setzt beim Umgang mit Social Media auf Gespräche auf Augenhöhe und die Eigenständigkeit von Jugendlichen. (Foto: VITACIA GMBH)

Marco Schnabl ist Gründer und Geschäftsführer von body’n brain, einem Ausbildungs- und Lizenzunternehmen für Neuro-Fitness. Seit über 23 Jahren beschäftigt sich der Kärntner in der Praxis mit Bewegung, Lernen, Aufmerksamkeit und dem Zusammenspiel von Gehirn, Körper und Nervensystem. Mit mir sprach er am Telefon über Social Media, Konzentration und mögliche Lösungen.

campus a college: Woran merken Sie, ob Social Media die Konzentration eines jungen Menschen beeinflusst?

Schnabl: Ein unkonzentriertes Kind hat nicht automatisch ein Social-Media-Problem. Jedes Kind muss heute lernen, seine Aufmerksamkeit in einer Welt zu steuern, die ständig darum kämpft. Ich achte deshalb auf Muster. Kommt ein Kind mit wechselnden Reizen gut zurecht, verliert aber bei längeren und weniger spannenden Aufgaben rasch den Faden? Wird es frustriert oder greift zum Handy, sobald eine Nachricht kommt? Das sind Hinweise. Social Media vorschnell zur einzigen Ursache zu erklären, wäre zu einfach.

campus a college: Eine 2025 im Fachjournal JAMA veröffentlichte Studie untersuchte 6.554 Kinder und Jugendliche aus den USA über mehrere Jahre. Eine zunehmende Social-Media-Nutzung hing mit niedrigeren Ergebnissen bei Lesen, Wortschatz und Gedächtnis zusammen. Wie eindeutig ist die Forschung inzwischen?

Schnabl: Es gibt genug Hinweise, damit wir aufmerksam sein müssen, aber zu wenig Gewissheit, um jedes Konzentrationsproblem auf Social Media zu schieben. Wir sehen Zusammenhänge, doch daraus folgt kein Beweis für die Ursache bei einem einzelnen Kind. Schlaf, Bewegung, familiäre Situationen, Stress, Persönlichkeit und die Schule spielen ebenfalls mit. Wir sollten die Hinweise ernst nehmen und zugleich jedes Kind einzeln betrachten.

campus a college: Sie beschäftigen sich seit 23 Jahren mit Neuro-Fitness. Was genau steckt dahinter?

Schnabl: Wir verbinden spielerische körperliche, visuelle und kognitive Aufgaben. Dadurch sollen Körper, Gehirn und Nervensystem besser zusammenspielen. Bei unseren Kinderkursen geht es um Spaß statt Leistungsdruck. Die Kinder bekommen einen neuen Zugang zum Lernen und zu ihrer eigenen Aufmerksamkeit.

„Ein Zeitlimit kann ein Geländer sein“

campus a college: Ein Gericht im US-Bundesstaat New Mexico hat Meta nach einer Klage des Bundesstaats zu mehreren Schutzmaßnahmen für Minderjährige verpflichtet. Dazu gehört für Unter-18-Jährige in New Mexico ein monatliches Nutzungslimit von insgesamt 90 Stunden für Facebook und Instagram. Das entspricht im Durchschnitt rund drei Stunden pro Tag. Ist diese Grenze aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Schnabl: Eine Zeitgrenze kann grundsätzlich schützen. Noch wichtiger ist es, die eigene Aufmerksamkeit steuern zu lernen. 90 Stunden im Monat sind ungefähr drei Stunden pro Tag. Entscheidend ist deshalb auch: Was macht ein Jugendlicher in dieser Zeit? Was wird dadurch verdrängt? Und kann er selbst wieder aufhören? Ein Zeitlimit kann ein schönes Geländer sein, also einen Rahmen geben. Medienkompetenz und der Umgang mit der eigenen Aufmerksamkeit bleiben ebenso wichtig.

campus a college: Viele Jugendliche sprechen von „Brainrot“, also kurzen Videos ohne großen Inhalt. Wie problematisch sind solche Videos?

Schnabl: Solche Bewertungen finde ich schwierig. Auch Langeweile gehört in unseren Alltag. Damit meine ich wirklich einmal dazusitzen und nichts zu tun. Eine gewisse Zeit lang können wir uns ebenso mit sinnlosen Videos bespaßen. Am Ende geht es um Maß und Ziel. Wie viel Zeit verbringe ich damit? Schaffe ich danach den Weg zurück zu meinem Fokus und zu Dingen, die für meine Lebensqualität wertvoller sind?

„Natürliche Stopps sind wichtig“

campus a college: Wenn Sie bei Instagram, TikTok oder anderen Plattformen eine Funktion verändern könnten: Welche wäre das?

Schnabl: Wir brauchen wieder einen Punkt, an dem etwas aufhört. Ich würde bei Minderjährigen Infinite Scroll verändern und dem Feed ein echtes Ende geben. Nach einer bestimmten Anzahl von Beiträgen kommt eine Pause. Dann muss der Jugendliche bewusst entscheiden: Will ich wirklich weitermachen? Natürliche Stopps sind wichtig. Im echten Leben haben Dinge immer einen Anfang und ein Ende.

campus a college: Was bringt diese Pause? Mit einem weiteren Tippen könnte man trotzdem weiterscrollen.

Schnabl: Infinite Scroll nimmt uns den Moment der bewussten Entscheidung weg, weil der Feed nie endet. Eine Pause gibt diesen Moment zurück. Bildschirmzeiten durch Eltern führen außerdem oft zu Streit in Familien. Idealerweise handeln deshalb beide Seiten. Die Anbieter verändern ihre Plattformen, und wir arbeiten gemeinsam mit Jugendlichen an einem vernünftigen Umgang.

„Auf Augenhöhe mit Jugendlichen“

campus a college: Im Unterricht höre ich oft nur die pauschale Warnung, Social Media sei schlecht. Über Infinite Scroll, die Wirkung der vielen Reize oder konkrete Strategien für den eigenen Umgang sprechen wir kaum. Was können Schulen besser machen?

Schnabl: Schulen sollten mit Jugendlichen in einen offenen Austausch gehen. Wie fühlt ihr euch nach fünf Stunden Scrollen? Seid ihr energiegeladen und motiviert oder eher müde und traurig? Danach kann man gemeinsam überlegen, wie Plattformen und der eigene Umgang damit verändert werden könnten. Jugendliche brauchen außerdem Wissen über Infinite Scroll, die vielen Reize und die Vorgänge im Körper. Erwachsene sollten ihnen auf Augenhöhe als gleichwertige Gesprächspartner begegnen.

campus a college: Die österreichische Regierung plant Zugangsbeschränkungen für Unter-14-Jährige auf bestimmten Video-Sharing-Plattformen. Wie sehen Sie diesen Ansatz?

Schnabl: Nur etwas zu verbieten reicht mir zu wenig. Ich möchte, dass Jugendliche verstehen, was Social Media mit ihrer Aufmerksamkeit macht und selbst an Lösungen mitarbeiten können. Wer selbst erkennt, wie sich eine Nutzung auswirkt, findet leichter einen vernünftigen Umgang und fühlt sich weniger bevormundet.

„Ich vertraue auf die Eigenständigkeit von Jugendlichen“

campus a college: Welche Rolle sollte die Politik bei diesem Thema spielen?

Schnabl: Die Politik sollte viel mehr mit Jugendlichen reden und ihnen zuhören. Ich vertraue auf die Eigenständigkeit von Jugendlichen. Sie haben sehr wohl die Fähigkeit, Dinge selbst zu erkennen. Wenn wir ihnen auf Augenhöhe begegnen, entwickeln sie vielleicht Ideen, an die Erwachsene bisher noch gar nicht gedacht haben.

campus a college: Was möchten Sie Jugendlichen zum Schluss noch mitgeben?

Schnabl: Ich glaube, ihr Jungen, in euch steckt ganz, ganz viel, was ihr einfach freisetzen dürft. Viele Erwachsene sollten euch ein bisschen mehr zuhören.

campus a college: Vielen Dank für das Gespräch.

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