Ich weiß noch, wie wir einmal mit Freunden zusammensaßen und einer von ihnen einen Witz darüber machte, dass Diego zu sehr an seiner Freundin Mohammedina hängen würde. Ein paar von uns lachten. Diego nicht. Er sagte zwar nichts, aber ich merkte, dass er plötzlich ruhiger wurde und nicht mehr wirklich wusste, was er darauf antworten sollte.
In dem Moment dachte ich nicht lange darüber nach. Es war eben ein Witz unter Freunden, einer von vielen. Erst später musste ich noch einmal daran denken. Für uns war der Spruch nach ein paar Sekunden wieder vergessen. Für Diego offenbar nicht.
Seitdem denke ich bei dem Wort „Cringe“ manchmal anders darüber nach. Wir benutzen es ständig: für Beziehungen, Kleidung, Videos oder einfach für Dinge, die jemand mit voller Überzeugung macht. Meistens ist es nur ein Spruch und niemand meint ihn wirklich böse. Aber manchmal reicht genau so ein Spruch, damit jemand plötzlich darüber nachdenkt, ob etwas, das ihm eigentlich wichtig ist, vor anderen peinlich wirken könnte.
Alex, 18, fällt als Erstes das Tanzen ein. Ich kenne ihn aus der Schule und wir haben auch in unserer Freizeit immer wieder über solche Situationen gesprochen. „Ich würde wahrscheinlich viel öfter einfach tanzen, auch wenn sonst noch keiner tanzt“, sagt er. „Oft wartet jeder darauf, dass irgendwer anfängt.“
Das kennt wahrscheinlich jeder, der schon einmal auf einer Party war. Musik läuft, eigentlich sind alle zum Feiern gekommen und trotzdem stehen erst einmal alle herum. Einer müsste anfangen. Genau derjenige hat dann aber für ein paar Sekunden die Aufmerksamkeit der anderen.
Alex wartet deshalb manchmal lieber.
Schlager ist Diego trotzdem nicht peinlich
Bei Diego funktioniert Cringe anders. Er ist 18, ein enger Freund von mir aus der Schule und eigentlich nicht der Typ, bei dem ich zuerst an Angst vor der Meinung anderer denken würde. Diego ist eher laut, selbstbewusst und macht viele Witze.
Er hört zum Beispiel gerne Schlagermusik. Dafür wurde er schon aufgezogen. Manchmal hat er auch so getan, als würde ihm etwas weniger gefallen, als es tatsächlich der Fall war.
Auf meine Frage, was er ohne die Angst vor Cringe anders machen würde, sagt er: „Ich glaube, ich würde viel öfter einfach sagen, wenn ich etwas richtig gut finde. Man macht sich sonst oft darüber lustig, bevor jemand anderes es machen kann.“
Der Satz ist mir hängen geblieben. Denn eigentlich beschreibt er ziemlich gut, wie solche Situationen funktionieren. Bevor jemand anderes etwas an uns peinlich finden kann, machen wir lieber selbst einen Witz darüber.
Bei Diego habe ich noch etwas anderes erlebt. Als er einmal einer Lehrerin helfen wollte, wurde er dafür von anderen aufgezogen. Er hörte trotzdem nicht auf und half ihr weiter.
Das ist keine spektakuläre Geschichte. Gerade deshalb finde ich sie interessant. Ein Cringe-Kommentar muss schließlich nicht dazu führen, dass jemand nach Hause geht und sein Leben ändert. Meistens sind es solche kleinen Situationen. Jemand macht einen Spruch. Wir überlegen für ein paar Sekunden, wie wir darauf reagieren. Manchmal machen wir weiter, manchmal nicht.
Beim Tanzen ist Diego übrigens vorsichtiger. Videos davon würde er eher nicht posten. Laut und selbstbewusst zu sein bedeutet offenbar nicht automatisch, dass einem jede Reaktion egal ist.
Wenn sogar Klugsein peinlich wird
Stefan, 17, ist wieder ganz anders. Er ist eher ruhig und einer der klügsten Schüler, die ich kenne. In der Schule fällt das natürlich auf.
Ausgerechnet diese Stärke kann ihm manchmal unangenehm werden.
Stefan versucht dann teilweise, sich in eine Rolle zu bringen, die eigentlich nicht richtig zu ihm passt. Wenn jemand etwas an ihm als cringe bezeichnet, reagiert er manchmal mit einer Art Schutzreaktion: Dann sucht er etwas beim anderen, das ebenfalls peinlich sein könnte.
Das klingt zunächst wie ein gewöhnlicher Schlagabtausch unter Freunden. Dahinter steckt aber ein interessantes Prinzip. Bevor jemand eine Schwäche bei mir findet, finde ich lieber eine bei ihm.
Als ich Stefan frage, was er machen würde, wenn ihm die Meinung anderer weniger wichtig wäre, nennt er weder Partys noch Instagram.
Er würde wahrscheinlich mehr Bücher schreiben.
Stefan hat noch kein Buch begonnen. Es gibt also kein heimliches Manuskript in seiner Schublade und keine fertige Geschichte, die er sich nicht zu zeigen traut. Es ist einfach etwas, das er gerne stärker verfolgen würde.
Allein die Antwort passt aber zu ihm. Schreiben bedeutet schließlich, eigene Gedanken aufzuschreiben und anderen zu zeigen. Viel mehr Angriffsfläche kann man kaum bieten.
Plötzlich hatte ich drei Antworten auf dieselbe Frage: Alex würde mehr tanzen. Diego würde offener zeigen, was ihm gefällt. Stefan würde mehr schreiben.
Und da wurde aus einem Pausenspruch für mich ein Thema.
Ein altes Gefühl mit einem neuen Wort
„Cringe“ ist längst kein neues Jugendwort mehr. 2021 wurde es bei der Wahl des Langenscheidt-Verlags mit 42 Prozent der Stimmen zum Jugendwort des Jahres gewählt. Gemeint ist damit etwas Peinliches oder ein Gefühl des Fremdschämens. Das englische Verb „to cringe“ beschreibt ursprünglich unter anderem ein Zusammenzucken.
Fremdscham und die Angst, ausgelacht zu werden, gab es natürlich lange vor Instagram und TikTok. Auch unsere Eltern wollten als Jugendliche nicht vor ihrer ganzen Klasse peinlich dastehen.
Verändert hat sich etwas anderes: das mögliche Publikum.
Wer früher auf einer Party komisch tanzte, musste im schlimmsten Fall mit den Blicken der Menschen im Raum leben. Heute reicht ein Handy. Ein Video kann in einer Gruppe landen, weitergeschickt, gespeichert oder auf einer Plattform veröffentlicht werden. Ein Moment, der nach zehn Sekunden vorbei wäre, kann plötzlich ein digitales Nachleben bekommen.
Warum Gen Z Angst vor Cringe hat
Im Juni 2026 widmete der britische „Guardian“ diesem Phänomen einen eigenen Artikel. Darin geht es um die Frage, ob die Generation Z besonders große Angst davor entwickelt hat, zur Lachnummer zu werden.
Roger Giner-Sorolla, Professor für Sozialpsychologie an der University of Kent, erklärt dort Cringe als eine Form stellvertretender Scham. Soziale Medien haben die Dimension solcher Situationen verändert. Ein einzelner Mensch kann heute vor einem Publikum lächerlich gemacht werden, das viel größer ist als jede Schulklasse oder Freundesgruppe.
Der Kommunikationsforscher Mark Beal beschäftigt sich ebenfalls mit der Generation Z und beschreibt im „Guardian“, wie stark Cringe mit Peinlichkeit, Unbehagen und der Angst verbunden ist, uncool zu wirken.
Das bedeutet nicht, dass wir alle wegen TikTok plötzlich eingeschüchtert durch die Welt laufen. Diego wäre dafür schon ein ziemlich schlechtes Beispiel. Er macht Witze, ist laut und hilft einer Lehrerin weiter, obwohl andere einen Spruch darüber machen.
Aber die Angst vor Cringe muss auch gar nicht unser ganzes Verhalten bestimmen, um etwas zu verändern. Es reicht, wenn Alex ein paar Minuten länger am Rand der Tanzfläche steht oder Stefan einen Gedanken lieber für sich behält.
Unser Publikum sitzt immer mit am Tisch
Auch die Forschung zur Selbstdarstellung im Internet zeigt, wie wichtig die Reaktionen anderer für junge Menschen sein können. Wissenschaftler haben untersucht, wie Jugendliche sich auf Plattformen wie Instagram präsentieren. Dabei zeigte sich, dass viele darauf achten, welchen Eindruck sie bei ihrem Publikum hinterlassen.
Das ist eigentlich nachvollziehbar. Wir posten ein Foto schließlich nicht in einen leeren Raum. Mitschüler sehen es, Freunde sehen es, manchmal Verwandte, Menschen aus dem Sportverein und Leute, mit denen wir seit Jahren kaum gesprochen haben.
Aus einem Publikum werden mehrere gleichzeitig.
Das kann zu einer merkwürdigen Situation führen. Ein Foto finden unsere Freunde vielleicht lustig, vor unseren Eltern wäre es uns unangenehm. Ein Video aus dem Freundeskreis würden wir dort ohne Nachdenken zeigen, aber niemals öffentlich posten.
Bei Diego sieht man diesen Unterschied gut. Er kann unter Freunden laut sein und Witze machen. Ein Video von sich beim Tanzen online zu stellen, ist etwas anderes. Nicht Diego verändert sich, sondern sein Publikum.
Lieber selbst den ersten Witz machen
Besonders hängen geblieben ist mir deshalb Diegos Satz: „Man macht sich sonst oft darüber lustig, bevor jemand anderes es machen kann.“
Seit unserem Gespräch achte ich stärker darauf.
Jemand hört ein Lied, das angeblich peinlich ist, und nennt es selbst zuerst „mein Guilty Pleasure“. Einer erzählt von einem Hobby und macht gleich einen Witz darüber. Wer eine sehr gute Note bekommt, spielt sie herunter. Wer sich für etwas begeistert, sagt vorsichtshalber dazu, dass es „eigentlich eh bisschen cringe“ sei.
Natürlich steckt dahinter nicht jedes Mal tiefe Unsicherheit. Wir machen unter Freunden eben Witze.
Trotzdem funktioniert Selbstironie auch wie eine kleine Versicherung. Wenn ich selbst zuerst über mich lache, kann mir jemand anderes den Witz nicht mehr wegnehmen.
Diego kennt beide Seiten. Bei seiner Schlagermusik wurde er aufgezogen. Er hört sie trotzdem. Bei anderen Dingen hat er schon versucht, seine Begeisterung herunterzuspielen.
Die Angst vor dem ersten Schritt
Bei Alex ist es weniger kompliziert. Er würde einfach gerne öfter tanzen.
Seine Antwort ist wahrscheinlich gerade deshalb so gut. Denn auf einer Party lässt sich das ganze Cringe-Problem in wenigen Sekunden beobachten.
Solange niemand tanzt, wäre der Erste auffällig. Sobald fünf Leute tanzen, ist es normal.
Der Unterschied zwischen peinlich und völlig gewöhnlich kann also aus vier Menschen bestehen, die sich endlich ebenfalls trauen.
Stefan beschreibt dieselbe Sache auf eine stillere Art. Ein Buch zu schreiben wäre für ihn kein Problem, weil er nicht schreiben könnte. Im Gegenteil, er ist sprachlich und schulisch stark. Aber wer etwas Eigenes schreibt, muss irgendwann dazu stehen, dass es ihm wichtig ist.
Und das kann unangenehmer sein, als über etwas einen Witz zu machen.
Was bleibt, wenn keiner „cringe“ ruft?
Seit ich mit den drei darüber gesprochen habe, finde ich die ursprüngliche Frage fast interessanter als jede Studie: Was würden wir tun, wenn uns einen Tag lang völlig egal wäre, ob jemand uns peinlich findet?
Bei meinen Freunden wären es keine gewaltigen Lebensentscheidungen.
Alex würde tanzen.
Diego würde weniger verstecken, was ihm gefällt.
Stefan würde mehr schreiben.
Das sind erstaunlich kleine Wünsche für ein Wort, das angeblich nur ein Schmäh ist.
Die Situation mit Diego und der Lehrerin ist mir deshalb am stärksten im Gedächtnis geblieben. Andere fanden es offenbar lustig, dass er ihr helfen wollte. Der Kommentar kam, Diego bekam ihn mit.
Er half ihr trotzdem weiter.
Mehr ist nicht passiert.
Eigentlich reicht das.
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