„Mitte der 80er-Jahre, waren kamen an heißen Tagen die Massen. Da war die Hölle los. Heute sind es meiner Schätzung nach nur mehr höchstens 2.000 Gäste.“ Manfred Puster, 61 Jahre alt und Stammgast im Strandbad Schwarzlsee, freut sich über die neue Ruhe an dem bloß 15 Autominuten von der steirischen Hauptstadt entfernten „Meer der Grazer“. Nur noch das leise Rauchen der nahen A 9 stört die Stille auf dem ansehnliche 140 Hektar großen Bade-Areal.

Gleichzeitig ist Pusters Blick wehmütig. Das Freizeit-Eldorado verfügt mit Aquafunpark samt Hindernisparcours, Wasserrutschen, einer 1,5 Kilometer lange Wasserski- und Wakeboardanlage sowie einer üppig dimensionierten Trampolinanlage über einige Attraktionen, doch seine großen Zeiten sind längst Nostalgie. Bis zu 50.000 Menschen täglich säumten damals das Ufer des Natursees. Popstars wie Shakira oder Rapper wie Pitbull traten hier auf. Bei Mega-Events wie dem „Lake Festival“ standen Berühmtheiten wie die DJs David Guetta und Avicii auf der Bühne.
Heute erinnert an diese Zeiten nur noch die Hängebrücke, die den FKK-Bereich vom etwa drei Mal so großen Textil-Bereich trennt. Stammgäste wie Puster nennen sie nach wie vor liebevoll die „Golden Gate Bridge der Steiermark“. Doch die Ruhe zwischen den gezählten 3.572 Eichen, Vogelkirschbäumen und Kiefern hat auch ihre Vorteile. Und die Wasserqualität, die unter dem großen Run auf den See schwer gelitten hatte, ist jetzt wieder hervorragend. Vor allem Senioren wissen beides zu schätzen. „Ich habe seit dreißig Jahren eine Saisonkarte“, sagt Johanna Fuchs, 86, und ist ein bisschen stolz darauf.

Vergnügen für das ganze Jahr
Schwimmen gelernt hat Fuchs in der „Samitzgrube“, die ebenso wie der Schwarzlsee eine vom Grundwasser geflutete Schottergrube ist und einst zum Freibad gehörte „Die Eigentümerfamilie hat sie irgendwann verkauft und jetzt stehen dort lauter Häuschen“, sagt sie. Wohnen am See also statt Badegast für einen Tag, da hat die Kasse der Verkäufer bestimmt geklingelt.
Johanna Fuchs kommt sogar außerhalb der Saison, dann sinkt der Eintrittspreis von 8,90 auf 4,90 Euro. „So kalt, dass sich nicht immer ein paar Gäste im FKK-Bereich durchlüften, kann es gar nicht mehr werden“, erzählt Fuchs amüsiert. „Früher kamen wir zum Eislaufen hierher und Frau Schwarzel hat Häferl mit heißem Tee serviert.“
Pommes wie sie sein sollen
Bis 2008 führte noch die Eigentümerfamilie Schwarzl selbst das Bad. Inzwischen zeichnet ein Freizeit-Unternehmen, die Leutgeb Entertainment Group, dafür verantwortlich. Sie hat einige Vorzüge der Anlage in die Gegenwart gerettet, den kostenlosen Fahrradverleih zum Beispiel. Zwanzig Euro Kaution hinterlegen und gratis rund um den See radeln, das ist das Angebot. „Das Wasser ist schön und sauber, Platz haben wir genug“, sagt Fuchs an diesem heißem Sommertag. „Es ist einfach Entspannung pur.“
Mit Fug und Recht zu den Highlights am Schwarzlsee gehören auch die Pommes aus der „Taverne“. Außen knusprig, innen heiß und zart, genau wie sie sein sollen. Mit 6,50 Euro für eine nicht allzu üppige Portion toppen sie preislich ihre salzigen Pendants in anderen Bädern, doch der Geschmack lässt großzügig darüber hinwegblicken. Die Taverne, ein kleines Restaurant direkt am Schwarzlsee mit Terrasse und Seeblick, punktet auch mit seiner Spezialität Topfenstrudel.

Für gute Launen sorgen zudem die zwei junge Bademeister. Leicht zu finden sind sie nicht auf dem weitläufigen Gelände, doch nach einem Anruf kommen sie in einem schmucken weißen Boot mit der roten Aufschrift „Wasserrettung“ angefahren. Ihr Job macht ihnen offensichtlich Spaß. „Es sind immer vier Bademeister im Dienst, jeweils zwei miteinander“, sagen der 16-jährige Felix Mühlenfeld und die 23-jährige Physikstudentin Eve Losbichler. 15 Euro die Stunde verdienen sie bei ihrem Sommerjob verdienen. „Vor allem an Tagen mit gutem Wetterbericht und hohem Andrang können wir auch einmal den Überblick verlieren“, geben sie zu. Wofür es am Schwarzlsee eine Lösung gibt. „Wenn was passiert, helfen einander hier die Badegäste gegenseitig“, erzählt die Schülerin Jana, die den Schwarzlsee gerne mit ihren Freundinnen und Freunden besucht.

Billigtarif für Baden nach dem Job
Grazer Familien wissen unter anderem die gute Verkehrsanbindung zu schätzen. Eine eigene Autobahnabfahrt, ausreichend Parkplätze auch an den heißesten Tagen und eine direkte Busverbindung aus der Stadt sorgen dafür.
Auch der Gratis-Eintritt für Kinder unter zehn Jahren tröstet sie darüber hinweg, dass für Attraktionen wie den Abenteuerparcour noch extra zu bezahlen ist. „Obendrauf auf die knapp 33 Euro Eintritt für drei Personen und ein Auto kommen bei uns dann immer noch 15 Euro die Stunde fürs Paddelboard oder den Ninja-Parcours“, trauert auch Ron, 49 Jahre alter Vater zweier Töchter, den besseren Zeiten vor der Teuerungswelle nach.
Bei Öffnungszeiten von 7 bis 21 Uhr gibt es ab 16 Uhr immerhin günstige Eintrittspreise für alle, die sich nach dem Job noch kurz erfrischen wollen. Zudem punktet der Schwarzlsee mit etwas, das kaum ein anderes Bad offerieren kann. Die weitläufigen Uferbereiche bieten Badeplätze, in denen Familien, Freundesgruppen oder auch Solo-Gäste ganz für sich sein können.
Warum ist dann so wenig los am Schwarzlsee? „Diese Frage muss ich oft beantworten“, sagt Martin Hrassnig. Der 32-jährige Betreiber des Ninja-Parcours „Aquaropa“ muss es wissen, denn er ist während der Badesaison jeden Tag vor Ort. Der schlechte Ruf der vorübergehend miserablen Wasserqualität hänge noch immer wie Pech an den Ufern, meint er. „Die Wasserqualität ist zwar wieder ausgezeichnet, aber das Klischee hat sich gehalten“, erzählt der junge Unternehmer und blickt auf sein glücklich am Ufer plantschendes Kleinkind. Stammgast Puster hat seine eigene Meinung dazu. „Viele Leute bauen sich jetzt eigene Pools im Garten und dort ist der Eintritt gratis.“

Saisonkarte für 129 Euro
Am Abend packt Johanna Fuchs ihre Sachen zusammen. Über die Preise will sie angesichts ihrer häufigen Besuche nicht klagen. Ihre Saisonkarte kommt auf 129 Euro, für Schüler bis 15, Studenten und Gäste mit mehr als 60 Prozent Behinderung kostet sie 119 Euro. Einmal mehr hat sich der Ausflug für die rüstige Seniorin in jeder Hinsicht gelohnt. Bloß ein Gedanke geht ihr nicht aus dem Kopf: Was, wenn immer weniger Gäste kommen und das Naturbad ein ähnliches Schicksal wie die Samitzgrube erfährt, als neues „Wohnen am See“-Projekt?
Pläne dazu sind nicht bekannt. Zur Sicherheit macht sie aber eifrig Werbung für das Bad, und das durchaus aus Überzeugung: „Ich habe es noch nie bereut, die kurze Strecke hier herauszufahren“, sagt sie. „Viele Städte würden sich glücklich schätzen, so ein kleines Paradies vor der Haustür zu haben.“
Als die Sonne tief steht, blickt auch Stammgast Puster ein letztes Mal entspannt auf die Hängebrücke, die über dem glitzernden Wasser hängt. Die Massen von früher sind weg und die Wassertemperatur ist wegen des sinkenden Grundwasserspiegels heute auf 27 Grad gekletterte, doch das alles stört auch den 61-Jährigen nicht. „Es ist ruhiger geworden, angenehmer zum Leben und das ist schön so“, sagt er leise. Vielleicht ist diese Ruhe heute der größte Luxus am „Meeres der Grazer“.
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