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Namen, die bleiben: Was Grabsteine über Familien und Antisemitismus erzählen

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TOP 100 Autorin
Volontärin · borg Linz
28.07.2026
3 Min.

Für meinen Artikel wollte ich einen Ort besuchen, an dem Geschichte nicht nur in Büchern erzählt wird. Deshalb bin ich gemeinsam mit meiner Mama auf den jüdischen Friedhof in Linz gegangen. Ich wollte herausfinden, welche Geschichten sich hinter den Grabsteinen verbergen und was sie uns heute noch über Antisemitismus und verschwundene Gemeinden erzählen können.

Man erkennt wie besonders die Grabsteine sind/ ganz anders als wir es normalerweise kennen (Foto: Florentina)

Schon beim Betreten des jüdischen Friedhofs in Linz wird es plötzlich still. Das eiserne Tor fällt hinter mir ins Schloss, der Lärm der Straße verschwindet. Stattdessen höre ich nur noch das Knirschen des Kieses unter meinen Schuhen. Hohe Bäume spenden Schatten, zwischen ihnen stehen verwitterte Grabsteine, manche gerade, andere leicht schief, als hätten sie den Lauf der Zeit selbst miterlebt. Auf einigen liegen kleine Steine, andere sind von Moos und Efeu umgeben. Je weiter ich den schmalen Weg entlanggehe, desto mehr habe ich das Gefühl, nicht einfach über einen Friedhof zu gehen, sondern durch ein Stück Linzer Geschichte.

Mein Blick wandert langsam über die Grabsteine. Vor einem Grab bleibe ich schließlich stehen. Darauf steht der Name Johanna Töpfer. Ich weiß in diesem Moment noch nicht, wer diese Frau war. Aber irgendetwas sagt mir, dass sich hinter diesem Namen mehr verbirgt als nur zwei Jahreszahlen. Genau in diesem Moment beginnt für mich die eigentliche Geschichte dieses Ortes.

Mehr als nur ein Friedhof

Vor meinem Besuch dachte ich ehrlich gesagt, dass Grabsteine einfach Grabsteine sind. Namen, Daten, vielleicht ein kurzer Spruch. Doch je länger ich über den Friedhof gehe, desto mehr verändert sich mein Blick.

Manche Grabsteine sind schlicht, andere kunstvoll verziert. Viele tragen hebräische Inschriften, einige sind vom Wetter gezeichnet. Zwischen den alten Bäumen scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Es ist kein bedrückender Ort, sondern einer, der zum Nachdenken einlädt. Besonders fällt mir auf, dass auf vielen Gräbern kleine Steine liegen. Erst später erfahre ich, dass sie im Judentum ein Zeichen dafür sind, dass jemand hier war und an den Verstorbenen gedacht hat. Anders als Blumen verwelken sie nicht. Sie bleiben.

Eine Linzerin, die fast vergessen wurde

Johanna Töpfer, wer war diese Frau? Bei meiner Recherche erfahre ich, dass sie 1857 in Linz geboren wurde und eine angesehene Antiquitätenhandlung in der Altstadt führte. Außerdem engagierte sie sich im jüdischen Frauenverein und unterstützte nach dem Ersten Weltkrieg jüdische Flüchtlinge. 1935 starb sie und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Linz beigesetzt.

Doch ihre Geschichte endet nicht mit ihrem Tod. Ihr Mann Joseph und ihre beiden Töchter wurden später von den Nationalsozialisten ermordet. Drei ihrer Söhne konnten fliehen und überlebten in den USA beziehungsweise in Israel. In der Schule sprechen wir oft über Millionen Opfer. Vor diesem Grab fühlt sich Geschichte plötzlich ganz anders an. Es geht nicht mehr um Zahlen. Es geht um eine Familie, die in Linz gelebt hat, gearbeitet hat und Teil dieser Stadt war.

Ein Gespräch, das nachdenklich macht

Es dauert eine Weile, bis ich den Friedhofswärter entdecke. Ehrlich gesagt überlege ich zuerst, ob ich ihn überhaupt ansprechen soll. Ich möchte ihn nicht bei seiner Arbeit stören. Schließlich nehme ich meinen Mut zusammen, gehe auf ihn zu und erkläre ihm, warum ich hier bin und dass ich für diesen Artikel recherchiere. Die Frage, die mich am meisten beschäftigt, stelle ich gleich zu Beginn. „Gibt es eigentlich noch viel Antisemitismus?“

Er denkt einen Moment nach und antwortet ruhig: „Hier am Friedhof ist es zum Glück sehr ruhig. Davon bekommt man eigentlich nichts mit. Aber Antisemitismus gibt es leider noch immer. Oft wird er gar nicht sofort erkannt oder als solcher wahrgenommen.“

Seine Antwort überrascht mich. Ich hatte erwartet, von beschädigten Grabsteinen oder Schmierereien zu hören. Stattdessen macht er deutlich, dass Antisemitismus heute oft viel subtiler auftritt. Nicht immer zeigt er sich durch offensichtliche Angriffe, sondern auch durch Vorurteile, Bemerkungen oder Aussagen, die viele Menschen gar nicht als antisemitisch erkennen.

Während ich den Friedhof weiter erkunde, denke ich immer wieder an seine Worte und nehme mir vor, von jetzt an darauf zu achten. Im Alltag, in der Schule, in den sozialen Medien. Den Namen Töpfner jedenfalls werde ich so schnell nicht vergessen.



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