Das Wiener Ernst-Happel-Stadion fasst 50.865 Plätze. 338.000 Schüler*innen in Österreich bekommen bezahlte Nachhilfe. Sie füllen das Stadion mehr als sechsmal.
Die Zahl stammt aus dem Nachhilfebarometer 2026 der Arbeiterkammer Wien (AK), über das ORF berichtet. Das Institut IFES befragte dafür von März bis Mai 3.208 Eltern mit zusammen 4.728 Schulkindern. Wir Schüler*innen kommen in der Befragung nicht zu Wort. Es antworten unsere Eltern.
Laura Berger, 17, Schülerin aus Wien, sagt:
„Meine letzte Nachhilfestunde war letzte Woche in Mathe, weil ich bei Funktionen und Kurvendiskussion einfach nicht wirklich weitergekommen bin. Vor der Stunde war ich schon ein bisschen gestresst, weil ich das Gefühl hatte, alle anderen checken es und ich sitz da und versteh nur die Hälfte."
„Nach einer Stunde war es dann eigentlich viel besser. Ich hab nicht plötzlich alles gekonnt, aber zumindest wusste ich, wo mein Fehler liegt. Trotzdem ist es schon komisch, wenn man nach der Schule noch einmal extra Unterricht hat, während andere einfach heimgehen."
Kurz vor der Schularbeit
Nachhilfe folgt dem Schularbeitenkalender. 47 Prozent der Kinder holen sie sich vor allem zu einem Anlass, 38 Prozent nehmen sie regelmäßig über das Schuljahr, berichtet der ORF über die Studie.
Das drückt die Kosten. Eltern zahlen im Schnitt 720 Euro pro Kind und Jahr, ein Jahr zuvor waren es 800 Euro. Das sind 60 Euro im Monat. Alle Familien zusammen geben 144 Millionen Euro im Jahr aus.
Der häufigste Anlass heißt Note. Bei 52 Prozent der Schüler*innen soll Nachhilfe eine Note verbessern. 28 Prozent müssen eine Nachprüfung oder ein negatives Zeugnis abwenden. Bei 23 Prozent geben die Eltern an, der Stoff sei nicht ausreichend erklärt worden.
Mathematik bleibt das wichtigste Nachhilfefach (66 Prozent), gefolgt von Deutsch (33 Prozent) und Fremdsprachen (18 Prozent). Neben den bezahlten Stunden nutzen 8 Prozent die Gratis-Nachhilfe der Schule, weitere 10 Prozent bekommen private, unbezahlte Nachhilfe.
Nachhilfe beginnt früh. In der Volksschule bekommen 23 Prozent der Kinder bezahlte Nachhilfe. Ilkim Erdost, Bereichsleiterin Bildung der AK Wien, sagte bei der Präsentation der Studie, Nachhilfe sei in Österreich zur Normalität geworden.
Wer nicht zahlen kann
Die AK ist die gesetzliche Interessenvertretung der Arbeitnehmer*innen und liest die Zahlen als Gerechtigkeitsfrage. Erdost wirft dem System vor, Kosten und Arbeit auf die Familien abzuwälzen. Ob ein Kind die Note schafft, hänge damit vom Einkommen und von der Zeit der Eltern ab.
Die Volkshilfe verweist auf armutsgefährdete Kinder. Sie brauchen wegen schwierigerer Lernbedingungen oft mehr Förderung, ihre Eltern können sich private Nachhilfe aber häufig nicht im nötigen Ausmaß leisten.
Für die Eltern bedeutet Nachhilfe auch Arbeit. 76 Prozent der Kinder lernen mit ihren Eltern, 23 Prozent fast täglich. Elke Larcher, Bildungsexpertin der AK Wien, sagte laut ORF, Menschen ohne Matura falle das schwerer. Die AK warnt vor Bildungsvererbung: Die Schullaufbahn der Eltern zeichnet dann die der Kinder vor.
Lernen für den Test
Die AK deutet Nachhilfe als Symptom. Schüler*innen lernen kurzfristig auswendig für Prüfungen, ohne den Stoff zu behalten. Larcher nimmt die Kinder in Schutz. Sie seien „nicht zu dumm, nicht zu faul, nicht zu schlampig", sagte sie laut einem Bericht von ORF.
28 Prozent der bezahlten Nachhilfefälle führen Eltern auf Lücken im Unterricht zurück, weil der Stoff zu kurz kam oder Stunden ausfielen. Für die AK fließen damit rund 40 Millionen Euro in Förderung, die die Schule leisten soll.
71 Prozent der Eltern berichten, Nachhilfe habe zum gewünschten Schulerfolg geführt. 54 Prozent erleben ihr Kind beim Lernen häufig gestresst. Empfinden Eltern den Unterricht als notengetrieben, überfordernd und wenig unterstützend, steigt dieser Wert auf bis zu 90 Prozent.
Alle diese Angaben kommen von Eltern. Die AK verbindet sie mit Forderungen: Investitionen in Schulen, mehr ganztägige Bildungsangebote und weniger Schulkosten für Familien.
Julia Moser, 22, Studentin und Nachhilfelehrerin in Wien, sagt:
„Am meisten Anfragen bekomme ich eigentlich kurz vor Schularbeiten und Prüfungen. Dann schreiben plötzlich mehrere Schüler gleichzeitig und sagen, dass sie in zwei Wochen eine Prüfung haben und bisher nicht wirklich mitgekommen sind."
„Was vielen fehlt, ist gar nicht unbedingt die Fähigkeit. Oft haben sie einfach irgendwo eine Lücke, zum Beispiel bei einem Grundthema in Mathe, und ab da wird alles, was darauf aufbaut, schwierig. In der Schule fällt das manchmal gar nicht sofort auf."
„Bei manchen merkt man auch, dass sie sich nicht trauen, im Unterricht zu sagen, dass sie etwas nicht verstanden haben. In der Nachhilfe können sie dann viel leichter sagen: ‚Okay, das hab ich jetzt wirklich nicht verstanden, erklär's mir noch einmal.'"
20 Millionen für Apps
Das Bildungsministerium antwortet mit Software. Der Marktplatz Lernapps geht ab dem Schuljahr 2026/27 in den Regelbetrieb. Mittelschulen, AHS und berufsbildende mittlere und höhere Schulen bestellen dort geprüfte Lernprogramme, Berufsschulen bleiben außen vor.
Das Budget beträgt rund 20 Millionen Euro im Jahr. Pro Schüler*in stehen 26 Euro bereit, die Jahreslizenzen kosten laut Aussendung des Ministeriums zwischen 2 und 20 Euro. Das OeAD prüft die Apps vorab auf pädagogischen Nutzen, Technik und Datenschutz. Zum Probebetrieb im Sommersemester meldeten sich bis 18. Februar 862 von 2.317 berechtigten Schulen an.
Das Ministerium will damit mehr individualisiertes und KI-gestütztes Lernen ermöglichen und Nachhilfe weniger nötig machen. Ein Jahr Nachhilfe kostet Eltern im Schnitt 720 Euro. Für Lernapps stehen pro Schüler*in 26 Euro im Jahr bereit.
Der Schulbuchverlag öbv zweifelt an den Zulassungskriterien. Sie seien zu locker, auch Apps mit inhaltlichen Mängeln könnten durchrutschen. Das Ministerium schließt gravierende fachliche Fehler aus. Die Allianz Bildungsmedien, ein Zusammenschluss von Schulbuchverlagen und Anbietern digitaler Bildungsmedien, setzt die Hürden nach eigener Darstellung bewusst niedrig: Die Apps ergänzen Lehrwerke in Selbstlernphasen.
Gratis geht auch
Nachhilfe hat nicht überall ein Preisschild. Die Jugendinfo von wienxtra listet für Wien kostenlose Lernhilfe: die Lernräume der Diakonie für 6- bis 18-Jährige, die Wiener Lerntafel für 6- bis 14-Jährige aus sozial benachteiligten Familien und die Lerncafés der Caritas.
Im Lerncafé helfen Freiwillige bei Hausaufgaben und bereiten auf Schularbeiten und Tests vor. Es richtet sich an 6- bis 15-Jährige aus sozial benachteiligten Familien und steht grundsätzlich allen Kindern offen.
Die Plattform weiterlernen.at vermittelt zusätzlich Lernbuddys: Lehramtsstudierende, pensionierte Pädagoginnen oder andere Schülerinnen. Das Bildungsministerium sicherte 2024 dafür 14 Millionen Euro bis Ende 2026 zu, mit denen 200.000 Lernstunden möglich werden sollen. Für die Zeit danach fanden sich in den ausgewerteten Quellen keine aktuellen Angaben.
Blick nach Oberösterreich
Die Zahlen gelten für ganz Österreich. In den ausgewerteten Berichten fehlt eine eigene Zahl für Wien. Einen regionalen Vergleich liefert Oberösterreich. Dort bekam laut einer Studie der AK Oberösterreich knapp jeder Fünfte im vergangenen Schuljahr und im Sommer davor bezahlte Nachhilfe, hochgerechnet 32.000 Schülerinnen.
Die Familien zahlten dort im Schnitt 810 Euro pro Schulkind, 90 Euro mehr als im Bundesschnitt von 720 Euro. Zusammen sind das 26,2 Millionen Euro. Mathematik führt auch in Oberösterreich, mit rund 60 Prozent. 6 Prozent der Kinder bekamen trotz Bedarf keine bezahlte Nachhilfe. Die Eltern nennen als Hauptgründe zu hohe Kosten und fehlende Angebote.
Das Ernst-Happel-Stadion hat 50.865 Plätze. Die AK zählt 338.000 Nachhilfe-Schüler*innen. Die nächste Befragung zeigt, ob die Lernapps ein paar Sitzreihen leeren.
Kommentare