Eigentlich wollte ich nur kurz TikTok checken. Nur fünf Minuten, dachte ich mir, während ich schon mit Hoodie im Bett lag, Handy über dem Gesicht, Kopfhörer drin, Zimmer halb dunkel, nur der Laptopbildschirm glühte im Hintergrund wie eine vergessene Sonne.
Der Algorithmus war wie immer komplett lost: drei Videos mit Typen, die in 30 Tagen „ihr Leben verändert“ haben, zwei Clips von perfekten Sonnenuntergängen auf Bali und irgendwo dazwischen jemand, der erklärt, wie wir endlich „produktiv“ werden.
Ich lag da, Winter vor dem Fenster, und hab mich gefragt, warum sich mein Leben manchmal eher wie der Ladebildschirm eines Spiels anfühlt als wie das eigentliche Game.
Es war 00:37, als ich das Handy auf den Bauch legte und die Stille im Zimmer plötzlich laut wurde. Keine Benachrichtigung, nichts, nur das leise Brummen von irgendwas im Haus und mein eigener Kopf, der sofort Party machte, sobald es ruhig wurde.
Da waren diese Gedanken, die tagsüber nie Zeit haben: Bin ich eigentlich auf dem richtigen Weg oder einfach nur gut im So-tun-als-ob? Bin ich der Typ, der irgendwann „erfolgreicher Fotograf“ in seine Bio schreibt, oder der, der mit 40 noch sagt: „Ich wollte immer mal…“? Und warum fühlt sich jeder kleine Fehler an wie ein Untergang, obwohl nichts ist?
Ich hab an meine letzten Projekte gedacht, an bearbeitete Fotos, an Filmprojekte, an Tabs, die tagelang offen bleiben, weil man sich nicht traut, sie zuzumachen. Vielleicht sind meine Browser-Tabs einfach nur Screenshots meines Gehirns: alles wichtig, nichts fertig.
Zwischendurch hab ich mir eingeredet, dass ich ja „voll okay“ bin. Ich mach mein Ding, ich lern, ich arbeite, ich kreiere irgendwas – Websites, Fotos, kleine Filmideen, die dann doch im Notizbuch bleiben.
Aber dann sehe ich diese Leute, die scheinbar mit 19 schon eine Firma, ein Sixpack und einen perfekten Instagram-Feed haben, während ich mich darüber freue, wenn mein Code beim ersten Run nicht komplett explodiert.
Ich hab das Handy wieder in die Hand genommen, aber diesmal die Kamera geöffnet. Selfie-Kamera, komplett unvorteilhaft von unten, Augen ein bisschen müde, Haare verwuschelt. Kein Filter, kein Licht, einfach nur ich und dieses ehrliche, leicht genervte Gesicht, das sagt: „Bro, was machst du eigentlich?“
Und plötzlich: Ist das vielleicht okay? Muss nicht alles perfekt und voller Filter sein. Es reicht, hier zu liegen, müde, voll Träume im Kopf, zu wenig Zeit, aber ich mach weiter.
Also hab ich mir selbst so eine Art inneren Post geschrieben, wie eine Caption, die ich nie wirklich hochlade: „Tag 1 von: keine Ahnung, aber ich bin dabei. Kein Glow-up in 30 Tagen, kein krasser Lifehack. Nur ich, mein Chaos und der Versuch, jeden Tag ein Prozent weniger lost zu sein.“
Ich musste lachen, leise, damit niemand glaubt, ich sei komplett durchgedreht. Dann habe ich das Handy auf den Nachttisch gelegt, den Bildschirm ausgemacht und in die Dunkelheit gestarrt.
Nach Mitternacht ist alles ehrlicher. Die Stimmen von außen werden leiser, und die eigene wird lauter. Und in dieser Nacht hat sich meine innere Stimme zum ersten Mal nicht wie ein Hater angefühlt, sondern wie ein Freund, der sagt: „Ey, du bist noch nicht da, wo du hinwillst. Aber du bist auch nicht mehr da, wo du mal warst. Und das zählt.“
Dann war es plötzlich gar nicht mehr so schlimm, dass morgen wieder Schule, Arbeit, Verantwortung, Erwartungen warten. Denn für einen Moment war alles reduziert auf das Wesentliche: Ich, mein Herzschlag, meine Gedanken und die leise, neue Idee, dass es vielleicht völlig reicht, einfach echt zu sein, auch wenn niemand zuschaut.
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