Thomas Arnoldner ist der stellvertretende CEO der A1 Group. campus a college hat ihn getroffen und zu verschiedensten aktuellen Themen wie KI, Wirtschaftslage und Karrieretipps befragt.
campus college: Australien hat schon ein Social-Media-Verbot für Jugendliche, in Frankreich und Deutschland wird es diskutiert und in Österreich soll im September auch ein Verbot für unter 14-Jährige folgen. Halten sie das für sinnvoll?
Arnoldner: Ich habe selbst zwei Kinder – elf und 13 Jahre alt – und sehe bei ihnen und im Freundeskreis, dass die Social-Media-Nutzung teilweise hochproblematisch ist.
Ich finde zwei Dinge wichtig: Erstens, dass überhaupt darüber debattiert wird und man gewisse Dinge einfach ausprobiert. Das Zweite ist, dass man bei der Diskussion nicht stoppt, denn wir brauchen Aufklärung. Gerade bei Social Media ist es total wichtig, dass man sehr stark auf Erziehung und Aufklärung setzt und das betrifft Jugendliche wie Erwachsene gleichermaßen.
A1 wird ja von vielen Österreicherinnen und Österreichern als österreichisches Unternehmen wahrgenommen. Dabei liegt ein Großteil der Anteile in Mexiko. Wie beurteilen Sie das? Wie wird der Entscheidungsprozess im Unternehmen dadurch beeinflusst?
Arnoldner: Was uns auszeichnet ist, dass wir zwei sehr langfristig orientierte, starke Kernaktionäre haben. Man darf aber auch nicht vergessen, dass wir einen Streubesitz von ungefähr 10 Prozent an der Wiener Börse haben, wo auch viele Privatanleger dabei sind. Für uns sind unsere beiden Kernaktionäre deswegen sehr wichtig, weil sie das Beste aus beiden Welten repräsentieren.
America Movil ist eines der erfolgreichsten Telekommunikationsunternehmen auf der ganzen Welt mit einem Top-Management, das sein Geschäft wirklich versteht, es selbst gegründet und zu dieser Größe gebracht hat. Unsere Ansprechpartner bringen viel internationales Know-how und Verhandlungsmacht an den Tisch. Auf der anderen Seite ist es für uns als österreichisches Unternehmen wichtig, die Republik Österreich in Form der ÖBAG als Kernaktionär zu haben.
In Anbetracht dessen, dass Österreich jahrzehntelang Anteile an der heimischen Infrastruktur ins Ausland verkauft hat: Hätten Sie diese Entscheidungen damals genauso getroffen oder hätten Sie anders gehandelt?
Arnoldner: Ich glaube, diese Frage resultiert ein bisschen daraus, dass vielen Menschen nicht mehr in Erinnerung ist, wie katastrophal die verstaatlichte Industrie in Österreich über viele Jahre funktioniert hat. Viele der Privatisierungen sind nicht aus Jux und Tollerei entstanden, sondern aus einer echten Notsituation heraus, weil die Unternehmen nicht mehr in der Lage waren, auf dem Markt zu bestehen, weil sie nicht wettbewerbsfähig waren. Und man hatte auch das Kapital für die notwendigen Investitionen nicht.
Glauben Sie, es könnte irgendwann in Österreich zu Problemen führen, wenn dieser Anteil am Unternehmen im Ausland zu hoch wird? Könnten wir uns hier abhängig machen?
Arnoldner: Worin bestehen denn solche potenziellen Abhängigkeiten? Wir sind das einzige Unternehmen in unserer Industrie in Österreich, an dem die Republik überhaupt noch einen Anteil hält. Und wir sind die Einzigen, die den österreichischen Anteil und die Minderheitenrechte durch einen Syndikatsvertrag abgesichert haben.
Wenn Menschen von Abhängigkeiten sprechen, sollten wir konkret darüber reden, was damit gemeint ist. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir heute im digitalen Bereich zum allergrößten Teil von US-amerikanischen Unternehmen abhängig sind, die allesamt dem US-Cloud-Act unterliegen. Das bedeutet, die amerikanische Regierung kann auf Daten in Europa zugreifen, wenn sie bei amerikanischen Unternehmen liegen. Das ist bei uns nicht der Fall.
Sie haben schon erwähnt, die ÖBAG spiele eine zentrale Rolle bei A1. Wie unabhängig ist die A1-Group von innenpolitischen Entscheidungen in Österreich?
Arnoldner: Die ÖBAG ist die die staatliche Beteiligungsgesellschaft der Republik Österreich. Sie vertritt als zentrale Vermögensverwaltung des Bundes die Eigentümerinteressen in strategisch bedeutsamen Schlüsselunternehmen. Sie bietet eine exzellente Balance zwischen einer kompletten Entpolitisierung und der gleichzeitigen Wahrung des legitimen Interesses eines Eigentümers. Dieses Interesse gibt es natürlich, denn sonst müsste ich fragen, warum die öffentliche Hand überhaupt Eigentum hält. Wichtig ist, insbesondere vor der wechselhaften Geschichte unseres Unternehmens, dass seit Jahren jeglicher parteipolitischer Einfluss im Unternehmen ausgeschlossen und abgestellt ist.

Momentan können wir in ganz Europa einen Rückgang an Kaufkraft bei den Konsument*innen beobachten. Wie stellt sich die A1 Group diesem Problem? Welche Prozesse laufen da intern ab?
Arnoldner: Natürlich ist die Wirtschaftslage in Österreich eine Herausforderung, das merken wir auch in den Ergebnissen. Während wir im ersten Quartal in den internationalen Märkten – wir sind ja noch in sechs weiteren Ländern aktiv – um 11,5% gewachsen sind, sind wir in Österreich geschrumpft. Wenn Unternehmenskunden Mitarbeiter reduzieren, reduzieren sie auch die Mobilfunkverträge. Im Privatkundenbereich schauen Kunden bei großem Preisdruck vermehrt, ob sie auf einen attraktiveren Handytarif wechseln können.
Insgesamt sind wir als Branche betroffen, wirken aber aufgrund des hohen Wettbewerbsdrucks inflationsdämpfend.
Glauben Sie, dass der KI-Boom weitergeht und der hohe Stellenwert, den KI auf den Märkten einnimmt, weiterhin so stark bleibt?
Arnoldner: Wir wissen es natürlich nicht genau, aber die Geschichte lehrt uns, dass wir die Bedeutung einer neuen Technologie kurzfristig überschätzen, in der langfristigen Betrachtung aber sehr stark unterschätzen.
In der IT nennen wir das den „Hype-Cycle“. Da kann man bei jeder Technologie beobachten, dass am Anfang die Aufmerksamkeit extrem nach oben schießt. Beim Thema KI, vor allem der generativen AI, sind wir momentan sicherlich ganz weit oben auf diesem Hype. Danach geht es häufig tief nach unten in das „Tal der Enttäuschung“. Das haben wir bei vielen Technologien gesehen: Das autonome Fahren sollte unmittelbar vor der Tür stehen, ähnliches galt für Blockchain oder das Metaverse. Das sind Technologien, die ein bisschen aus der Aufmerksamkeit verschwunden sind.
Nach dem Tal der Enttäuschung nimmt die Technologie meistens langsam wieder an Fahrt auf und die echte Nutzung steigt. Beim autonomen Fahren sieht man das zunehmend: Wenn man nach China oder in bestimmte Bundesstaaten der USA fährt, sind schon richtig viele autonom fahrende Autos auf der Straße.
Was würden Sie als die schlechteste Entscheidung in Ihrer Karriere bewerten, was hätten Sie anders gemacht?
Arnoldner: Das ist schwierig. Ich habe einige Male sehr intensiv mit dem Gedanken gespielt, beruflich ins Ausland zu gehen. Ich hatte zwar internationale Rollen, aber immer aus Wien heraus. Ich wollte das gerne machen, aber dann kam wieder ein attraktives Angebot, das mich hiergehalten hat. Retrospektiv könnte man bei dem Karriereverlauf sagen: alles richtig gemacht. Aber ich finde es trotzdem schade, dass es sich nie ergeben hat.
Welche Ausbildungen oder Weiterbildungen würden Sie Jugendlichen empfehlen, die ähnliche Karrierebestrebungen haben wie Sie?
Arnoldner: Das ist eine wirklich schwierige Frage. Ich kann sagen, wie es bei mir war, aber ich habe meine Karriere in einer anderen Zeit gestartet. Ich habe klassisch ein neusprachliches Gymnasium in Mauer gemacht, an der WU studiert und dann sehr schnell in der Telekommunikationsindustrie zu arbeiten begonnen. Dort habe ich in relativ kurzer Zeit viele Karriereschritte gemacht. Nur weil das bei mir funktioniert hat, heißt das nicht, dass es heute noch genauso läuft. Vor fünf Jahren hätte ich vielen wahrscheinlich noch gesagt: Lernt gut coden. Heute wissen wir, das kann eine KI im Schnitt viel besser. So schnell ändern sich die Dinge.
Was sich aber nicht ändern wird, sind drei Faktoren. Erstens: Das Wichtigste ist, Dinge zu tun, die einem Spaß machen und für die man sich begeistern kann.
Zweitens: Um zu erkennen, was einem Spaß macht, müssen wir uns für viele Dinge interessieren und Sachen ausprobieren, die vielleicht nicht selbstverständlich sind.
Das Dritte, was ich jedem mitgeben möchte, ist die Demut und der Ehrgeiz. Ich war in der Schule und im Studium immer ein ganz guter Schüler, aber nie ganz zufrieden. Ich habe mit Ehrgeiz auf diejenigen geschaut, die besser waren als ich, und mir gedacht: Das will ich auch schaffen. Diese Selbstreflexion und der Wille zu wachsen ist als Einstellung für den Karriereverlauf entscheidender als die genaue Studienrichtung.
Vielen Dank für Ihre Zeit.
Arnoldner: Ich habe mich zu bedanken. Vielen Dank.
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