Muster am Asphalt

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31.08.2025
3 Min.
"Wahrgenommen zu werden, bedeutet angekommen zu sein", denkt sich Ramazan der gerade am Wiener Praterstern angekommen war. (Foto: Shutterstock)


Vertrocknete Rinnsale am Asphalt, hinterlassen von Torkelnden, von Kindern oder von Achtlosen. Verschüttete Getränke. Körperflüssigkeiten von Menschen oder Tieren. Wasser, das sich mit dem Staub der Straße vermengt hatte, ehe es seinen Aggregatszustand änderte und Dreck hinterließ, während es sich in die Atmosphäre verflüchtigte. All das in seltsamen, sich niemals wiederholenden Formen, in denen Forscher vielleicht einmal ein gemeinsames Muster der Gleichgültigkeit entdecken würden.

Es hatte wochenlang nicht geregnet, stellte Ramazan fest, auch ohne die Wetterlage in Wien während seiner Abwesenheit verfolgt zu haben. Er war eben am Praterstern angekommen und aus dem Bahnhofsgebäude hinaus in die Abenddämmerung getreten, unschlüssig, was er als nächstes tun sollte, an diesem Abend, in dieser Woche, in diesem Jahr, in diesem Leben.

Dieses Abreisen und Zurückkehren ohne anzukommen, weder hier noch dort. War es das, was er sich vor einem halben Jahr als Freiheit vorgestellt hatte? Damals, als er die Schule schmiss? War es das, wovon er immer gedacht hatte, es zu brauchen? Und wenn es das war, brauchte er es, weil es seine Natur war oder weil er es zu seiner Natur gemacht hatte, während all die anderen ihre Zeit mit ihren kleinen Aufregungen um ihre Familien, Lehrer, Freunde und Partys anfüllten?

„Ausweis bitte.“

Tatsächlich, er war gemeint.

Ramazan hatte sich eben noch für unsichtbar gehalten und wusste nicht gleich, wie er mit seiner Sichtbarkeit umgehen sollte.

Er lächelte. Nicht der guten Stimmung bei dieser Routinekontrolle wegen, sondern aus Dankbarkeit. Er existierte. Sonst hätte ihn der Polizist nicht wahrgenommen. Auch wenn er eben noch darüber erschrocken war, war es ein gutes Gefühl, tatsächlich zu existieren.

„Okay, Ramazan“, sagte der Polizist und reichte ihm den Ausweis zurück.

Der Polizist konnte nur wenige Jahre älter als er selbst sein. Er war schmal gebaut, trug seine braunen Haare mit einem Seitenscheitel und lächelte ebenfalls, als er sich bedankte.

Ramazan sah ihm nach, als er gemessenen Schrittes im Zwielicht verschwand. Ohne weitere Passanten zu kontrollieren. Als wäre es ihm nur um diese eine Kontrolle gegangen. Als wäre er heute morgen nur ihretwegen aufgestanden. Als wäre er nur ihretwegen von einem anderen Stern auf die Erde gekommen.

Wahrgenommen zu werden, dachte Ramazan, bedeutet angekommen zu sein. Es bedeutet Heimat. Es bedeutet verwurzelt zu sein im Leben.

Rechts von ihm lag der Abgang zur U-Bahn, vor ihm, jenseits des großen Kreisverkehrs, führte die Praterstraße zur Innenstatt.

Wahrgenommen zu werden, bedeutet angekommen zu sein. Was ließ sich aus diesem Gedanken machen? An diesem Abend, in dieser Woche, in diesem Jahr, in diesem Leben? Was bedeutete wahrgenommen zu werden für das Wahrnehmen? Steckte darin nicht ein Entwurf für ein echtes Leben, das er sich immer gewünscht hatte? Für die richtige Art von Freiheit? Und der Keim einer Revolution gegen die Gleichgültigkeit?

Eine Welle von Energie rollte durch Ramazans Körper. Er war vielleicht noch auf der Reise, dachte er, aber es war die richtige. Es fühlte sich gut an, einen Plan zu haben, auch wenn er noch nicht wusste, welchen.

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