Panorama International Fakten

Mit 35 km/h Richtung Stadt: Rutschen für den Schulweg

Kein Profil-Bild gefunden.
145
TOP 100 Autor
Volontär · Privates Gymnasium Sacré Coeur Wien
19.09.2026
3 Min.

Nach dem Unterricht zu Fuß den steilen Hang hinunter? In der deutschen Stadt Calw Baden Württemberg) gibt es seit dem 18. September eine ungewöhnliche Abkürzung: Zwei Riesenrutschen führen durch den Stadtgarten Richtung Innenstadt. Sie sollen Spaß und vielleicht sogar einige Elterntaxis überflüssig machen.

Einsteigen statt den Hang hinunterlaufen: In Calw sollen zwei Riesenrutschen sogar Teil des Heimwegs werden. Ob sie wirklich Elterntaxis ersetzen, zeigt sich erst im Alltag. (Symbolbild) (Foto: Freak-Line-Community, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Wie der SWR berichtet, setzten sich die ersten Besucherinnen und Besucher oben in die neue Röhrenrutsche. Wenige Sekunden später kamen sie weiter unten wieder heraus. Manche stellten sich sofort noch einmal an. Unter ihnen war auch ein Berufsschüler. Sein Urteil gegenüber dem SWR fällt kurz aus: „Besser, als den ganzen Berg runterzulaufen.“

Für Schülerinnen und Schüler vom höher gelegenen Stadtteil Wimberg könnte genau das bald zum Alltag gehören. Oberhalb des Hangs liegen unter anderem ein Berufsschulzentrum und die Realschule Calw. Wer nach dem Unterricht Richtung Innenstadt muss, kann nun einen Teil des Weges rutschen.

Erst 43 Meter, dann noch einmal 17

Ganz ohne Unterbrechung geht es nicht nach unten. Zuerst kommt die 43 Meter lange Rutsche, danach müssen die Nutzerinnen und Nutzer aussteigen und zur zweiten, 17 Meter langen Röhre wechseln. Auf der längeren Anlage dauert eine Fahrt laut Angaben der Stadt ungefähr zehn bis 16 Sekunden, auf der kürzeren fünf bis acht Sekunden.

Möglich sind Geschwindigkeiten von bis zu 35 Kilometern pro Stunde – deutlich mehr als die 25 Kilometer pro Stunde, bis zu denen ein gewöhnliches Pedelec beim Treten unterstützt.

Der Zeitgewinn ist allerdings kleiner, als die Zahlen zunächst vermuten lassen: Zu Fuß dauert derselbe Abschnitt laut Stadt knapp zwei Minuten. Außerdem endet die zweite Rutsche nicht direkt am Marktplatz. Bis in die Innenstadt muss man noch ein Stück gehen. Die Anlage ist also weniger ein Verkehrswunder als eine ziemlich spektakuläre Abkürzung.

Eine Rutsche gegen das Elterntaxi?

Die Idee entstand nach einem Sturm. Er hatte den rund sieben Hektar großen Stadtgarten 2018 stark beschädigt. Bei der anschließenden Neugestaltung gewann ein Klimakonzept des Architekten Patrick Humpert. Neue Pflanzen, entsiegelte Flächen, eine Frischluftschneise und wiederverwendete Materialien sollen den Park ökologischer machen. Die Rutschen sind der auffälligste Teil davon.

Humpert hofft, dass Schülerinnen und Schüler den Hang künftig selbst hinunterkommen und Eltern nicht mehr bis zu den Schulen hinauffahren müssen. „Die Schüler sollen nach Hause rutschen können“, sagte er dem SWR.

Ganz verschwinden die Autos damit aber nicht automatisch: Der Architekt erklärte selbst, Eltern könnten ihre Kinder stattdessen unten in der Stadt abholen. Das Elterntaxi wäre dann nicht abgeschafft, sondern nur verlegt.

Sicher schnell nach unten

35 Kilometer pro Stunde in einer geschlossenen Röhre klingen erst einmal heftig. Nach Angaben der Stadt und des Architekten entsprechen beide Anlagen den geltenden DIN-Normen und wurden vor der Eröffnung vom TÜV abgenommen. Trotzdem wird auf eigene Gefahr gerutscht, und die ausgeschilderten Regeln gelten auch auf diesem ungewöhnlichen Schulweg.

Die gesamte Umgestaltung des Stadtgartens kostete rund 1,5 Millionen Euro. Davon übernahm der Bund laut Stadt etwa 1,35 Millionen. Für zwei Rutschen allein wäre das eine enorme Summe. Bezahlt wurde damit aber der Umbau des ganzen Parks – von den Pflanzen bis zu den neuen Wegen.

Der echte Test beginnt nach dem Klingeln

Bei der Eröffnung wollten Menschen zwischen sechs und 80 Jahren die Röhren ausprobieren. Ob aus der Attraktion wirklich ein Teil des täglichen Schulwegs wird, ist noch offen. Genau das wird sich nicht an einem sonnigen Eröffnungstag entscheiden, sondern nach der letzten Unterrichtsstunde – wenn oben Schulrucksäcke warten und unten vielleicht doch wieder die Autos der Eltern.






Kommentare