Mehr als 25.000 Besucher strömen an heißen Sommertagen in Wiens traditionsreiches Bade-Paradies. Das Besondere daran: Das Gänsehäufel ist eine Insel, und dass die Pommes etwas schlaff und nicht ganz billig sind, stört dort wirklich niemanden.
Diese kleine Boot am Eingang ist zwar ganz nett, aber nichts im Vergleich dazu, was das Gänsehäufel alles zu bieten hat.
(Foto:
Emilia Tilzer)
Boney M, Smokey und Abba: Bei der Musikberieselung des Minigolfplatzes im Strandbad Gänsehäufel ist Nostalgie pur angesagt. „Vor kurzem war eine alte Dame von meiner Playlist so gerührt, dass mir selbst das Herz geschmolzen ist“, erzählt Laura, die dort ihren Dienst versieht.
Auch überall sonst im denkmalgeschützten Wiener Traditionsbad an der Alten Donau scheinen die Uhren langsamer zu gehen. 1907 während der Regentschaft von Kaiser Franz Josef gegründet, bietet das Gänsehäufel für 8,10 Euro Eintritt (nebst einer Parkgebühr von 12 Euro für alle, die nicht mit den Öffis oder dem Fahrrad kommen) einige Attraktionen: Erlebnis-, Wellen und Fünfzig-Meter-Sportbecken, Wasserrutschen und Sandstrände mit Stegen. Für Sportliche Beachvolleyball-, Fußball-, Tennis- und Basketballplätze. Dazu Tischtennis, Kletteranlagen sowie ein Tretboot- und Stand up Paddle-Verleih. Das alles findet sich samt reichhaltigem kulinarischen Angebot rings um die Liegeweisen, erzählt uns Kletterguide Otto unter einem Parkour im Schlümpfe-Design.
Ausgezeichnete Wasserqualität
Das Gänsehäufel ist als einziges österreichisches Freibad eine Insel, erreichbar nur über eine Brücke und umgeben vom Wasser der Alten Donau. Dessen Qualität hat die Prüf-, Inspektions- und Zertifizierungsstelle der Stadt Wien (MA 39), Fachbereich Hygiene, bei ihrer jüngsten Messung mit „ausgezeichnet“ bewertet. Bis auf in den Becken gibt es kein Chlor und keine anderen Zusätze, das ist nahe an der Trinkwasserqualität.
Worüber sich auch Liselotte freut, und das schon lange. „Ich komme seit dreißig Jahren hier her, und jeder Tag ist anders“, sagt die Rentnerin. An den heißen Tagen klappt sie ihren Liegestuhl am liebsten im Schatten der uralten Pappeln und Eschen auf. Seit Jahren schon leistet sie sich für 570 Euro je Saison eine der Kabanen, ein kleines Badehäuschen, und darf sich privilegiert fühlen. Denn die Warteliste dafür ist lang. „In keinem anderen Strandbad lassen sich Natur, Wasser und Tiere zusammen so erleben wie hier.“
Als wolle ihr das alte Bad ihr recht geben, schwimmt eine fünfköpfige Schwanenfamilie vorbei, vorne die Eltern, gefolgt von drei kleinen, grauen Küken. Auch sonst ist die Fauna üppig. Enten, Graureiher, Blässhühner, Teichhühner, Schildkröten, Frösche und Libellen leben im Gänsehäufel, im Wasser schwimmen Hechte, Zander, Welse, Rotfedern und Karpfen. Auch der eine oder andere der Biber, die an der Alten Donau heimisch geworden sind, schaut gelegentlich vorbei.
Familiäre Atmosphäre
Liselotte findet im Gänsehäufel auch fast so etwas wie Familie. Zu der gehört neben anderen Stammgästen etwa der leitende Bademeister Erich Gsellmann, den sie schon damals kennenlernte, als er wie heute seine Mitarbeiter selbst noch täglich zwischen Wellenbecken und Liegewiesen unterwegs war. „Manchmal hat er uns für Geburtstagsfeiern Plätze im Schatten reserviert, dafür bekam er später beim Essen etwas ab“, erzählt Liselotte spürbar bewegt.
Liselotte, langjähriger Stammgast im Gänsehäufel
Team in Weiß
Gsellmann leitet ein Team aus mehreren Dutzend Bademeistern und Bademeisterinnen. Immerhin strömen an heißen Tagen mehr als 25.000 Badegäste ins Gänsehäufel, und die wollen behütet sein.„Vor allem an Feiertagen sind manchmal allein im Erlebnisbecken fünf Bademeister im Einsatz“, erzählt Bademeisterin Ana.
Viele der Aufgaben des starken Teams in Weiß sind Routine. Ein Kind braucht ein Pflaster, jemand hat sich das Knie an der Rutsche aufgeschürft oder sich eine kleine Platzwunde zugezogen. Doch binnen Sekunden kann es mitten im Sommertrubel ernst werden. Gleich in Annas erster Saison im Bad erlebte sie mit, wie ein Badegast in der Alten Donau am Ertrinken war. „Das sind Momente, in denen wir alle zusammenhalten müssen“, sagt sie. „Deshalb haben wir hier im Gänsehäufel lieber zu viele als zu wenige Bademeister.“
Ana, Bademeisterin
„Chill, chill, chill“
Mit Herausforderungen hat auch Minigolf-Wartin Laura immer wieder zu kämpfen. Wenn sich Gäste über die privat betriebenen alten Bahnen beschweren, oder über die auf fünf Euro pro Person gestiegenen Preise für das Spiel. Oder wenn Kinder nach Ablauf der gebuchten Zeit nicht vom Trampolin wollen, das sie ebenfalls betreut. Doch meistens klingt der Sommer im Gänsehäufel unbeschwert. „Chill, chil, chill“, sagt Laura. „So sind die meisten hier drauf.“
Laura und ihre Freundin, Sommerjobler
Freundschaften lassen sich deshalb im Gänsehäufel leicht schließen. Gäste finden zum Beispiel auf den Volleyball-Plätzen. Ein kurzer Blick, die Frage „Spielst du mit?“ und schon stehen Fremde gemeinsam am Netz.
Jovana zum Beispiel kennt dieses unkomplizierte Miteinander gut. Seit etwa fünf Jahren kommt sie ins Gänsehäufel, um zu schwimmen und Volleyball zu spielen. „Es geht nicht darum, wie alt jemand ist oder wie gut er den Ball beherrscht“, sagt die junge Studentin. „Junge und Ältere, Anfänger und Geübte wechseln sich am Netz ab, lachen über missglückte Würfe und spielen einfach weiter.“ Diese Offenheit, die es in anderen Bädern ihrer Meinung nach so nicht gibt, zieht sie jedes Jahr wieder ins Gänsehäufel. „Alle sind einfach voll lieb“, sagt Jovana.
Die jungen Studenten Oskar und Julius sind heuer das erste Mal im Gänsehäufel, sind aber jetzt schon positiv überrascht von der Größe und des Freizeitangebots.
Oskar und Julius, Volleyball Fans
„Manche Gäste vergessen im Eifer des Badestages die Anderen auf der Liegewiese, stellen die Musik zu laut oder ihre Stimmen überschlagen sich. Vor allem ältere Gäste wünschen sich dann mehr Rücksicht. Doch so etwas gibt es in allen Bädern.“, kritisieren Irene und Erwin, die regelmäßig hierher schwimmen kommen.
Pommes schmecken immer
Wie sieht es mit den Pommes aus, deren Duft sich verführerisch über die Liegeweise verbreiten? Sie sind etwas lauwarm und weich und halten geschmacklich nicht ganz, was sie olfaktorisch versprechen. Zum gleichen Preis, gesalzene fünf Euro pro Portion, ist anderswo fast schon ein kleines Mittagessen zu haben. Aber das alles macht hier nichts.DieBadegäste stehen notfalls auch Schlange dafür, denn was wäre ein Sommernachmittag im Freibad ohne Pommes?
Indessen cruist ein elektrischer Golfwagen vorbei. Während Kinder barfuß über die Wiesen laufen und Jugendliche ihre Sporttaschen zu den Volleyballplätzen tragen, können die Distanzen auf dem mehr als zwanzig Hektar großen Gänsehäufel-Areal für ältere Gäste zur Herausforderung werden. Die summenden weißen Vehikel bringen deshalb den ganzen Tag Senioren zu ihren Plätzen.
„Das ist wirklich lobenswert“, freut sich eine 85-Jährige, die auch schon seit einigen Jahrzehnten herkommt. Kürzlich hat sie eine Operation überstanden, die ihre Mobilität einschränkte. „Ohne diesen Service hätte ich daheim in meiner heißen Wohnung sitzen müssen und könnte nur von den guten alten Zeiten im Gänsehäufel träumen“, lächelt sie.
Badeschluss mit einem Schuss Melancholie
Als krönenden Abschluss jedes Badetages lässt die Gänsehäufel-Verwaltung aus allen Lautsprechern und weithin hörbar einen Song über tönen. Der klingt vom Stil her auch ein bisschen nach alten Zeiten, obwohl er erst 2017 entstand. Das traurige Winerlied stammt von der Wiener Soulband „5/8erl in Ehr'n“ und trägt den Titel „Badeschluss“. Es wurde zum Klassiker in vielen Wiener Freibädern.
Nun verstaut auch Liselotte ihre Badesachen in ihrer Kabane und macht sich auf den Heimweg. Sie wird wiederkommen, solange es ihre Gesundheit zulässt. Denn für sie und viele andere endet mit dem Lied nur der Badetag, nicht ihre Verbindung zu diesem Ort. Im Gänsehäufel hat jeder seinen Platz. Manche finden ihn für einen Sommer, andere für ein halbes Leben.
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