„Ich nehme lieber das günstigere Gericht“, sagt Lisa und fährt mit dem Blick noch einmal über die Karte. Ich kenne diesen Gedanken selbst. Bevor ich überlege, worauf ich Lust habe, rechne ich im Kopf mit: Was kostet das Essen, kommt noch ein Getränk dazu und wie viel bleibt danach übrig? Bei mir spüre ich die Teuerung besonders beim Essen gehen, im Kino, beim Fortgehen und beim Kleidungskauf. Ich habe dabei Glück. Im Sommer verdiene ich mit meinem Ferialjob im Jüdischen Museum Wien eigenes Geld, mit Artikeln für Campus A kann ich mein Taschengeld zusätzlich aufbessern. Trotzdem überrascht mich, wie rasch dieses Geld durch ganz normale Dinge verschwindet.
Wenn Freizeit zur Rechenaufgabe wird
Lisa erlebt denselben Effekt. „Wenn wir essen gehen, schaue ich inzwischen viel stärker auf den Preis. Oft nehme ich lieber das günstigere Gericht, obwohl ich eigentlich etwas anderes wollte“, sagt sie. Was nach einer kleinen Entscheidung klingt, wiederholt sich bei vielen Jugendlichen ständig. Der aktuelle AK Jugendmonitor macht sichtbar, wie verbreitet der finanzielle Druck ist. Das Forschungsinstitut Foresight befragte im Februar und März rund 1.500 Menschen zwischen 16 und 29 Jahren mit Wohnsitz in Österreich. Nur 30 Prozent sagen, sie könnten mit dem verfügbaren Geld gut leben. Für weitere 40 Prozent reicht es zum Leben, große Spielräume bleiben kaum. Für die finanziell schwächsten 30 Prozent reicht das Geld nach eigener Einschätzung nicht aus. 57 Prozent schränkten Freizeitaktivitäten aus Kostengründen ein, 58 Prozent fühlen sich durch hohe Lebensmittelpreise stark belastet und 52 Prozent haben Ersparnisse aufgebraucht oder Schulden gemacht.
2,8 Prozent Inflation heißt nicht: Alles ist wieder billig
Im Juli 2026 lag die Inflation in Österreich bei 2,8 Prozent. Waren und Dienstleistungen lagen damit im Durchschnitt 2,8 Prozent über dem Niveau von Juli 2025. Die niedrigere Inflationsrate bedeutet also nicht, dass die Preise auf frühere Werte zurückkehren. Besonders beim Essen außer Haus bleibt der Druck spürbar: Gastronomiedienstleistungen waren im Juli um 4,6 Prozent teurer als ein Jahr davor. Freizeit, Sport und Kultur verteuerten sich um 1,9 Prozent. Schon 2025 waren Bewirtungsleistungen im Jahresdurchschnitt um 5,9 Prozent gestiegen. Für uns heißt das: Auch wenn die allgemeine Teuerung schwächer wird, kann ein Restaurantbesuch weiter teurer werden. Der kleinere Preisanstieg setzt auf einem bereits höheren Preisniveau auf.
Ohne Sommerjob würde vieles wegfallen
Mein Klassenkamerad Elias, 17, kennt diese Rechnung ebenfalls. Er arbeitet im Sommer und nutzt einen Teil des Geldes für Unternehmungen mit seiner Freundin. „Wenn wir etwas unternehmen, schauen wir fast immer auf den Preis. Nur mit meinem Taschengeld im Monat könnte ich mir Essen gehen, Kino und andere Freizeitaktivitäten kaum leisten“, sagt er. Elias und ich haben damit einen Vorteil. Wir können in den Ferien arbeiten und eigenes Geld verdienen. Wer keinen Sommerjob findet, wegen Schule oder Familie keine Zeit dafür hat oder zuhause weniger finanzielle Unterstützung bekommt, erlebt denselben Abend mit Freunden unter anderen Voraussetzungen. Laura Zandonella von der Österreichischen Gewerkschaftsjugend sagte bei der Präsentation des Jugendmonitors: „Es ist ein Alarmsignal für unsere Gesellschaft, wenn sogar Hoffnung und Optimismus vom Geldbörsel der Eltern abhängen.“ Der Jugendmonitor zeigt diesen Unterschied auch beim Blick nach vorne: 82 Prozent der finanziell gut abgesicherten jungen Menschen sehen ihre Zukunft optimistisch, bei den finanziell schlechter gestellten sind es 38 Prozent.
Wenn Geld entscheidet, wer mitkommt
Bei Teuerung denken wir oft an Supermarkt, Miete oder Strom. Für Jugendliche steckt aber auch eine soziale Frage darin. Ein Kinobesuch ist keine lebensnotwendige Ausgabe, ein Essen mit Freunden ebenfalls nicht. Solche Treffen gehören trotzdem zu unserem Alltag. Wenn jemand öfter absagt, weil das Geld fehlt, geht es irgendwann um Teilhabe, Freundschaften und gemeinsame Erinnerungen. Der Jugendmonitor zeigt, wie eng finanzielle Sicherheit und Zukunftsgefühl zusammenhängen. Das spürt man im Kleinen schon bei einer Nachricht in der Freundesgruppe: Gehen wir essen, ins Kino oder feiern? Für manche ist die erste Frage inzwischen nicht mehr, ob sie Zeit haben. Sie lautet: Kann ich mir das leisten?
Was von meinem Sommergeld übrig bleibt
Mein Ferialjob im Jüdischen Museum Wien gibt mir die Möglichkeit, viele Dinge selbst zu bezahlen. Campus A hilft mir ebenfalls, mein Taschengeld aufzubessern. Ich weiß, welches Privileg darin steckt. Am Ende verschwindet dieses Geld aber selten durch einen einzigen großen Kauf. Es sind viele kleine Ausgaben: ein Essen mit Lisa, ein Kinoticket, Kleidung oder ein Abend mit Freunden. Wenn Lisa und ich heute eine Speisekarte aufschlagen, fällt unser Blick zuerst auf die Preise. Vielleicht bestellen wir trotzdem das Gericht, auf das wir Lust haben. Vielleicht wird es das günstigere. Für mich ist dieser kurze Blick inzwischen Teil des Essengehens geworden. Für andere entscheidet er vielleicht schon vorher, ob sie überhaupt mitkommen können.
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