„Die Spanne überrascht mich“, sagt mein Freund Johannes. Der 17-Jährige interessiert sich für Wirtschaft und könnte sich später eine Tätigkeit in der Unternehmensberatung vorstellen. Ihn reizt, unterschiedliche Unternehmen kennenzulernen, ihre Zahlen zu analysieren und Lösungen für ihre Probleme zu entwickeln. Besonders spannend fände er eine Verbindung von Wirtschaft und Sport.
Karriere und Einkommen gehören für ihn trotzdem zum Berufswunsch. „Ich würde nicht so tun, als wäre mir das egal“, sagt Johannes.
Dann zeige ich ihm aktuelle österreichische Gehaltsdaten. Für Consultants in Vollzeit wird eine allgemeine Spanne von rund 2.662 bis 4.436 Euro brutto monatlich genannt. Dabei handelt es sich nicht um ein garantiertes Einstiegsgehalt. Ausbildung, Erfahrung, Unternehmen, Bundesland und Tätigkeitsbereich beeinflussen die tatsächliche Bezahlung.
Zwischen dem unteren und dem oberen Ende liegen fast 1.800 Euro brutto. Johannes hatte mit ungefähr 3.500 bis 4.000 Euro brutto gerechnet. „Wenn ich dafür studiere, würde ich schon versuchen, nicht ganz unten in dieser Spanne einzusteigen.“
Im ersten Gespräch hatte er eine hypothetische Entscheidung getroffen: Würde ein interessanter Beruf 1.800 Euro netto bringen und eine langweilige Stelle 2.500 Euro netto, würde er zunächst den interessanteren Beruf wählen. Die 700 Euro Unterschied wären für ihn noch kein ausreichender Grund, jeden Tag eine Arbeit zu machen, die ihm nicht gefällt.
Nach der Recherche schaut er stärker auf die konkrete Stelle. „Ich würde jetzt weniger auf den Berufstitel schauen und mehr darauf, was das Unternehmen zahlt und wie die Arbeitszeiten sind.“
Arbeit soll Sinn und Sicherheit bieten
Diesen Konflikt kennen viele von uns bereits vor der ersten Bewerbung. In der Ö3-Jugendstudie 2026 gaben 70 Prozent der Teilnehmenden zwischen 16 und 25 Jahren an, Arbeit diene für sie in erster Linie dazu, den Lebensunterhalt zu sichern. 30 Prozent entschieden sich bei dieser Gegenüberstellung für Selbstverwirklichung.
Trotzdem erwarten die Befragten von einem guten Beruf deutlich mehr als Geld. 78 Prozent wollen ernst genommen werden, 74 Prozent wünschen sich einen sicheren Arbeitsplatz und 72 Prozent ein gutes Team. Für 70 Prozent ist eine sinnvolle Tätigkeit wichtig. Ein hohes Einkommen bewerten 47 Prozent als sehr wichtig, weitere 48 Prozent als ziemlich wichtig.
Die Zahlen zeigen, wie viele Erwartungen ein Beruf gleichzeitig erfüllen soll. Er soll interessant und sinnvoll sein, Sicherheit geben, ein selbstständiges Leben ermöglichen und genügend Freizeit lassen.
Die Ö3-Jugendstudie beruht auf einer offenen Onlinebefragung. Für die Auswertung wurden 13.457 Antworten aus der Zielgruppe verwendet. Weil die Teilnehmenden nicht repräsentativ ausgewählt wurden, stehen die Ergebnisse nicht automatisch für alle jungen Menschen in Österreich. Sie zeigen aber, welche Erwartungen innerhalb dieser großen Gruppe häufig genannt wurden.
Sechs Jahre Studium verändern den Vergleich
Alex möchte Arzt werden. Der 17-Jährige interessiert sich für Medizin und will eine Arbeit ausüben, bei der er Menschen konkret helfen kann. Im ersten Gespräch schätzte er ein mögliches Einstiegsgehalt auf 2.500 bis 3.000 Euro netto.
Seine persönliche Nettoschätzung lässt sich nicht unmittelbar mit Stellenanzeigen vergleichen. Diese geben Bruttogehälter an. Aktuelle österreichische Inserate für Ärztinnen und Ärzte in Facharztausbildung nennen monatliche Bruttogehälter von etwa 4.034 bis 5.311 Euro. Abhängig von Arbeitgeber, Bundesland und Ausbildungsstelle bestehen deutliche Unterschiede. Nacht-, Wochenend- und andere Dienste können das Einkommen erhöhen.
Alex hatte trotzdem mit einer höheren Bezahlung gerechnet. „Vor allem weil das Studium so lange dauert und danach die Ausbildung ja noch nicht vorbei ist.“
Das Medizinstudium dauert regulär sechs Jahre. Danach folgen die ärztliche Basisausbildung und weitere Ausbildungsabschnitte. Für Alex relativiert diese Dauer das Gehalt. Wer viele Jahre in seine Ausbildung investiert, erwarte irgendwann auch einen finanziellen Ertrag.
Sein Berufswunsch verändert sich trotzdem nicht. „Wenn ich nur möglichst schnell viel verdienen wollte, wären sechs Jahre Studium wahrscheinlich nicht der beste Weg“, sagt er. „Ich würde Medizin trotzdem wählen, weil mich der Beruf wirklich interessiert.“
Geld spielt nach der Recherche eine größere Rolle, als Alex zunächst angenommen hatte. Eine Wohngemeinschaft könnte er sich am Anfang vorstellen. Sobald er arbeitet, möchte er irgendwann eine eigene Wohnung. Die lange Ausbildung akzeptiert er, weil Medizin für ihn weiterhin der Traumberuf bleibt.
Vom Bild des gut verdienenden Anwalts
Auch Elias reagiert überrascht. Er möchte Jura studieren und später als Rechtsanwalt oder im Wirtschaftsrecht arbeiten. Mit dem Beruf verbindet er Interesse und die Aussicht auf ein gutes Einkommen.
Das AMS nennt für den Berufseinstieg im Berufsbild Rechtsanwalt eine monatliche Bruttospanne von rund 2.730 bis 3.920 Euro. Die Angabe beruht auf typischerweise anwendbaren kollektivvertraglichen Mindestgehältern und kann mehrere Tätigkeiten innerhalb eines Berufsbereichs umfassen. Aktuelle Stellenanzeigen für Rechtsanwaltsanwärter nennen beispielsweise 3.200 bis 4.000 Euro brutto monatlich.
Nach dem Studium ist man zudem noch kein fertig eingetragener Rechtsanwalt. Zuerst folgen Gerichtspraxis, praktische Ausbildung und Rechtsanwaltsprüfung.
„Bei Rechtsanwalt denkt man automatisch an einen Beruf, bei dem man ziemlich gut verdient“, sagt Elias. Ein Gehalt von knapp über 3.000 Euro brutto sei nach einem mehrjährigen Studium weniger, als er erwartet hatte.
Jura bleibt seine erste Wahl. Verändert hat sich sein Blick auf die spätere Spezialisierung. „Ich würde jetzt stärker darauf schauen, welchen Bereich ich später mache und wie die Entwicklungsmöglichkeiten beim Gehalt sind.“
Aus der allgemeinen Vorstellung vom gut bezahlten Rechtsanwalt wird eine konkretere Entscheidung. Elias achtet nun stärker darauf, welche Kanzlei, welches Rechtsgebiet und welcher Ausbildungsweg zu seinen finanziellen Erwartungen passen.
Was ein selbstständiges Leben kostet
Für die zweite Gesprächsrunde erhalten alle drei einen gemeinsamen Vergleichswert. Das österreichische Referenzbudget 2026 berechnet für einen Einpersonenhaushalt monatliche Ausgaben von 1.878 Euro. Enthalten ist ein einfaches, aber angemessenes Leben mit sozialer und kultureller Teilhabe. Angenommen werden eine Mietwohnung und kein Auto.
Das Budget ist ein österreichweiter Orientierungswert. Eine Wohnung in Wien kann teurer sein, ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft günstiger. Persönliche Lebensumstände verändern die Rechnung ebenfalls.
Vor allem darf der Betrag nicht einfach von den genannten Bruttogehältern abgezogen werden. Vom Bruttoeinkommen gehen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge ab. Viele Angestelltengehälter werden in Österreich außerdem 14-mal jährlich ausbezahlt. Ein genauer Vergleich benötigt daher das konkrete Bruttogehalt und eine aktuelle Nettoabrechnung.
Alex weist selbst auf diesen Unterschied hin: „Brutto und Ausgaben kann man natürlich nicht direkt vergleichen.“ Das Referenzbudget zeige trotzdem, wie viel ein normales selbstständiges Leben kosten kann.
Elias zieht eine ähnliche Erkenntnis daraus. „Dann merkt man erst, dass 3.000 oder 3.500 Euro brutto nicht bedeutet, dass du jeden Monat extrem viel Geld übrig hast.“ Er könnte sich vorstellen, am Anfang weiterhin zu Hause zu wohnen und dadurch Geld zu sparen.
Johannes würde zunächst auch in eine WG ziehen. Dauerhaft bei seinen Eltern zu bleiben, obwohl er Vollzeit arbeitet, entspricht nicht seinem Ziel. Bei einem Gehalt am oberen Ende der Consultant-Spanne sieht er wenig Probleme. Am unteren Ende würde er genau prüfen, wie viel netto bleibt.
Drei Berufswünsche, drei neue Bedingungen
Die Gespräche mit drei Freunden sind keine wissenschaftliche Untersuchung. Auch die recherchierten Gehaltsspannen sagen nicht voraus, was Alex, Elias und Johannes in einigen Jahren verdienen werden. Bis sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben, können sich Löhne, Preise und Arbeitsmarkt verändern.
Trotzdem hat die zweite Befragung ihren Blick auf die Berufe verändert. Alex akzeptiert sechs Jahre Studium und die weitere Ausbildung, weil Medizin für ihn klar an erster Stelle steht. Das Einkommen bewertet er nun stärker im Verhältnis zur langen Ausbildungszeit.
Elias will weiterhin Jura studieren. Er denkt nach den Zahlen aber genauer darüber nach, in welchem Rechtsgebiet er später arbeitet und welche Gehaltsentwicklung dort möglich ist.
Johannes macht aus seinem Interesse an Unternehmensberatung zwei konkrete Bedingungen: Gehalt und Arbeitszeit müssen zusammenpassen. „Ja, aber nicht um jeden Preis“, sagt er über seinen Berufswunsch. Lange Arbeitszeiten und ein Gehalt am unteren Ende der Spanne wären für ihn ein Grund, eine andere Stelle zu suchen.
Keiner der drei gibt seinen Traumjob wegen der Zahlen auf. Alex akzeptiert den langen Weg, Elias sucht innerhalb seines Berufsfeldes genauer und Johannes setzt Grenzen. Verändert hat sich weniger ihr Ziel als das Bild davon. Aus Medizin, Jura und Unternehmensberatung werden konkrete Ausbildungswege, Bruttogehälter, Wohnkosten und Arbeitszeiten. Erst mit diesen Bedingungen zeigt sich, ob ein Traumjob auch im Alltag trägt.
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