Meine Changemaker-Story: Mit leisen Schritten voran

Bevor ich wusste, was ein Changemaker ist, stand ich bereits da: mit Mikrofon und dem Willen, etwas zu verändern. (Foto: Fleta Rexhaj)

Changemaker sind nicht nur Menschen mit großen Projekten oder Organisationen. Es sind jene, die Ungerechtigkeit erkennen und sich fragen: Was kann ich tun?

Changemaker haben kein einheitliches Gesicht. Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, Lebensrealitäten und Altersgruppen. Manche setzen sich laut und sichtbar ein, andere wirken im Stillen. Doch alle beginnen mit dem gleichen Gefühl: dass etwas nicht richtig läuft.

Wien, 11.Juni 2007. Die Asyl-Befragung meiner Eltern mit der initialen Frage: Warum haben Sie Ihr Land verlassen? Antwort: Meine Tochter ist schwer krank. Diese Erkrankung ist laut den ÄrztInnen in unserer Heimat nicht heilbar. Man hat mir gesagt, dass ihr in Österreich geholfen werden kann. Deswegen bin ich mit ihr geflüchtet

Meine Changemaker-Story beginnt somit bereits als Kind mit der Erkenntnis, dass medizinische Hilfe nicht für alle Menschen gleichermaßen zugänglich ist. Sie beginnt mit meinen Eltern, die mir von klein auf das „Changemaker-Sein“ vorgelebt haben, lange bevor es Begrifflichkeiten wie diese überhaupt gab. Ein fremdes Land, eine fremde Sprache, ausschließlich fremde Gesichter und dennoch der Wille und die Kraft weiterzumachen, weiterzuarbeiten und weiterzuleben.

Was ich von meinen Eltern gelernt habe, wurde später zu meinem eigenen Handeln. Während der Pandemie habe ich, als Schulsprecherin, gemerkt, wie viele junge Menschen sich allein, überfordert oder unsichtbar fühlten. Ich konnte die Krise nicht lösen, aber ich konnte da sein. Ich konnte zuhören, ernstnehmen und einen Raum schaffen, in dem sich Menschen mitteilen durften, ohne bewertet zu werden. Das war mein erster, stiller Schritt des Handelns.

Dieses Gefühl von Verantwortung setzte sich fort, als globale Krisen, wie Kriege, Naturkatastrophen, humanitäre Notlagen näher rückten und plötzlich auch uns betrafen. Mir wurde bewusst, dass mein Engagement nicht an den Schultoren enden darf. Ich wollte nicht nur betroffen sein, sondern etwas beitragen. Deshalb habe ich mich in verschiedenen Initiativen eingebracht, um Menschen in Not zu unterstützen und langfristig wirksame Hilfe zu ermöglichen. Ich organisierte Spendenaufrufe für Betroffene und engagierte mich für Projekte mit nachhaltiger Wirkung, unter anderem zur Verbesserung der Bildungssituation in benachteiligten Ländern. Bildung ist dabei für mich ein zentraler Schlüssel: Sie schafft Zukunft.

Im Laufe der Zeit kristallisierten sich meine Herzensthemen klar heraus: Feminismus und soziale Gerechtigkeit. Feminismus bedeutet für mich, Ungleichheit nicht als Normalität hinzunehmen, sondern Machtstrukturen zu hinterfragen und aktiv zu bekämpfen. Soziale Gerechtigkeit soll Bedingungen schaffen, unter denen Menschen tatsächlich gleichberechtigt leben können, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sozialem Status.

Eine besondere Rolle spielt dabei Sprache. Durch meine Teilnahme und Auszeichnung beim mehrsprachigen Redewettbewerb SAG’S MULTI habe ich erfahren, wie kraftvoll Worte sein können, vor allem dann, wenn sie Geschichten sichtbar machen, die sonst ungehört bleiben. Auf diese Möglichkeit wurde ich von meiner damaligen Klassenvorständin aufmerksam gemacht. In weiterer Folge wurde ich vom Erfinder von SAG’S MULTI für das Generation Changemaker Programm vorgeschlagen.

Gerade Initiativen wie das Generation Changemaker Programm zeigen, dass Veränderung nicht an Erfahrung, Herkunft oder Ressourcen gebunden ist. Jede Perspektive zählt und jede Geschichte kann ein Auslöser für Wandel sein. Nachhaltige Veränderung entsteht dort, wo Vielfalt nicht als Schwäche, sondern als Stärke verstanden wird, eine Haltung, die uns die ehemalige Leiterin des Programms eindrücklich vermittelt hat.

In meinem Studium begegne ich immer dem Begriff der Handlungsfähigkeit. §24 Abs 1 ABGB definiert sie als die Fähigkeit, sich durch eigenes Handeln zu berechtigen und zu verpflichten. Doch je länger ich mich damit befasse, desto deutlicher wird mir: Diese Definition greift zu kurz. Denn Handlungsfähigkeit entsteht nicht allein im Gesetz, sondern im Leben. Sie setzt voraus, dass Menschen Schutz, Stabilität und faire Bedingungen haben, um überhaupt handeln zu können. Sie ist daher nicht nur eine juristische, sondern eine zutiefst menschliche Frage.

Ich habe nicht mit einem großen Projekt begonnen, sondern mit dem Zuhören, dem Hinterfragen und dem Versuch, komplexe Lebensgeschichten verständlich zu machen. Ich habe gelernt, dass Veränderung oft leise geschieht, indem wir Menschen eine Stimme geben, Perspektiven verbinden und Räume schaffen, in denen Empathie zu Handlung werden kann. Schritt für Schritt wuchs aus diesem inneren Impuls der Wunsch, bestehende Strukturen nicht nur zu akzeptieren, sondern aktiv mitzugestalten.

Hier schlage ich also einen neuen Abschnitt in meiner Changemaker-Story auf. Mit meinem Studium der Rechtswissenschaften möchte ich das Recht nicht nur

verstehen, sondern als Werkzeug nutzen: um Menschen zu stärken, Ungerechtigkeit zu bekämpfen und mich für jene einzusetzen, deren Stimmen zu oft überhört werden einzusetzen.

Manche mögen sich fragen, wieso eine namentliche Erwähnung notwendig ist. Für mich ist Dankbarkeit das Fundament für Menschlichkeit. Ich tue es, weil ich möchte, dass sich jene Menschen gesehen fühlen, die es verdienen. Changemaker, wie meine Eltern, Blerim und Fitore, meine ehemalige Klassenvorständin, Sabine Kallinger, der Erfinder von SAG’S MULTI, Peter Wesely, und die ehemalige Leiterin des Generation Changemaker Programms, Stephanie Cox, haben mich zu einer Changemakerin geformt.

Ich trage ihre Werte dankbar in mir, als eine Art stilles Versprechen, selbst weiterzumachen, zu motivieren und vielleicht auch andere zu inspirieren.

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