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Meine beste Freundin in Kabul

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Volontärin · Wiener Mittelschule mit ökologischem Schwerpunkt
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19.11.2025
4 Min.

Unsere Mitschülerin Samaia ging mit ihren Eltern aus freien Stücken zurück nach Afghanistan. Wir haben sie online erreicht und mit ihr über ihr neues Zuhause, die Schulen, die Zwangsheirat, die Taliban und über ihre neue Freizeitgestalung gesprochen.

Markt in Kabul: Unsere ehemalige Mitschülerin ist in ihrer Freizeit oft dort. (Foto: Shutterstock)

Meine beste Freundin Smaia sitzt nicht mehr neben mir. Sie ist in Kabul. Ihre Eltern sind in den Sommerferien mit der ganzen Familie in ihre Heimat zurückgekehrt, um wieder in Afghanistan zu leben.

Smaia fehlt uns sehr. Sie war die beste Deutsch-Schülerin der 2a. Ihre spannenden Geschichten hat sie uns immer im Deutschunterricht vorgelesen. Die 3a muss nun ohne sie weitermachen. Aber heute sind wir happy.

Denn meine Mitschülerinnen Kristina, Olivia, Hilal, Sedzda, Damla und ich haben mit Smaia telefoniert, in der Deutsch Stunde, gemeinsam mit unserer Deutsch-Lehrerin. Wir haben uns Fragen überlegt und sie für campus a college interviewt. Es war so schön, ihre Stimme zu hören. Wir alle waren total aufgeregt, auch Smaia.

campus a college: Wie schaut dein Alltag in Kabul aus?

Smaia: Ich schlafe gemütlich bis 9.30 Uhr, dann frühstücke ich. Von 11 bis 15:30 Uhr bin ich in der Schule.

campus a college: Was ist das für eine Schule, wieviele Kinder sind in deiner Klasse?

Smaia: Zuerst war ich in einer Geheimschule*, das ist eine Koranschule, in der alle Fächer unterrichtet werden. Da hatten wir aber soviele Hausübungen, dass ich gar keine Zeit mehr für mich selbst hatte. Meine Mutter hat beschlossen, mich gemeinsam mit meinem kleinen Bruder in eine Privatschule zu schicken. Da bin ich jetzt in der 4. Klasse Volksschule, um die einheimischen Schriftzeichen Dari & Paschto zu lernen. Ich habe auch andere Gegenstände, wie Geographie, Science, Englisch, Mathe, Englisches Mathe, Islam und ein Computer-Fach , wo wir viel auswendig lernen müssen, um dann programmieren zu können. Wir sind 23 Mädchen in der Klasse, meine neuen Freundinnen sind 10 und 11 Jahre jung. Buben sind auch in der Schule, aber ich sehe sie nie.

campus a college: Dürft ihr euch kleiden, wie ihr wollt?

Smaia: Für mich gibt es leider keine Schul-Uniform, weil ich schon zu groß bin, also trage ich ein schwarzes Hiljab und ein weißes Kopftuch. Die anderen Mädchen kommen mit hellblauem Top, dunkelblauem Rock und weissem Kopftuch.

campus a college: Wie sind die Lehrer*innen und der Unterricht?

Smaia: Es funktioniert anders als in Wien. Auch die Benotung. Das klügste Mädchen ist die Nummer 1 (dann Nummer 2, 3, 4…). Wenn die Lehrerin krank ist, übernimmt die Nr. 1 ihre Rolle und die ganze Klasse macht, was sie sagt. Alle sind diszipliniert und verhalten sich wie Erwachsene, obwohl sie noch so jung sind. Ende des Jahres findet eine einzige Schularbeit in jedem Fach statt, dann haben wir drei Monate Ferien.

campus a college: Darfst du allein in die Schule und auf die Straße gehen? Wir haben einen Film im Kino gesehen, "Der Brotverdiener", und da war es so, dass Mädchen in Afghanistan nicht ohne Bruder oder Vater und nur total verschleiert auf die Straße dürfen. Stimmt das?

Smaia: Ich wohne mitten in Kabul und darf ganz alleine zur Schule oder in meiner Freizeit rausgehen. Ich sehe auch oft Frauen ohne Kopftuch, nur einen Schal locker rumgeworfen.“

campus a college: Sind viele Taliban auf der Straße und kontrollieren sie dich?

Smaia: Ich habe noch nie einen Taliban in wirklich gesehen. Die haben angeblich lange Bärte, schwarze Kleider, blaue Westen und so eine Art Turban am Kopf und meistens eine Waffe. Wie die Polizei, die nur bei Ansammlungen von Menschen aktiv ist. Aber ich bin jeden Tag draußen, gehe auf Märkte und auf einen Platz, wo alle sitzen und plaudern können, und wurde noch nie aufgehalten oder kontrolliert. Ich fühle mich genauso frei wie in Wien.

campus a college: Wenn du einkaufen gehst, ist es teuer? Und wieviel kostet die Privatschule?

Smaia: Alles ist hier urbillig. Ein Kebab kostet 80 Agghani, das ist ungefähr ein Euro. Die Schule kostet im Monat 2.000 Afghani, also ungefähr 25 Euro. Allerdings ist das Essen in Wien viel besser als in Kabul.

campus a college: Was erlebst du so, wenn du in Kabul allein unterwegs bist?

Smaia: Heute habe ich frei, da mache ich bestimmt wieder einen Ausflug zum kilometerlangen Markt und auf den Platz, wo ich mit Freundinnen gemütlich plaudern kann. Traurig finde ich, dass es extrem viele Obdachlose, Kinder und Jugendliche auf der Straße gibt, vor allem die kleinen Mädchen tun mir leid, die nachts auf der Straße herumirren. Ich gebe oft Geld oder Essen, was ich grad habe.

campus a college: Stimmt das, dass du zwangsverheiratet werden wirst?

Smaia: Nein. Meine Mutter sucht den richtigen Mann für mich aus, wenn die Zeit gekommen ist.

campus a college: Wie lange darfst du noch die Schule besuchen?“

Smaia: Bis zur 6. Klasse. Danach werde ich in einer Geheimschule weiterlernen.

campus a college: Wir haben nach dem Kinofilm, "Der Brotverdiener", eine Afghanin interviewt, die eine Online- Schule für afghanische Kinder von Wien aus organisiert hat. Hast du davon gehört?“

Smaia: Die kenne ich nicht. Noch nie davon gehört. Schau‘ ich mir gerne an, wenn ihr mir den Link schickt.

campus a college: Wir vermissen dich so, Smaia! Wann kommst du uns in Wien besuchen?

Smaia: „Ich vermisse euch auch aber ich weiss nicht, ob oder wann ich euch wieder sehen kann. Aber ich hoffe, wir hören uns bald wieder und ich schicke euch eine meiner Geschichten!

campus a college: Danke, Smaia! Wir lieben dich.


*In Afghanistan sind einige Koranschulen "Geheimschulen", weil sie aufgrund der restriktiven Politik der Taliban im Verborgenen arbeiten, insbesondere wenn es sich um Bildung für Mädchen handelt.





















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