Meine Begegnung mit dem Bundespräsidenten

Meine Geschichte begann nicht in Österreich, sondern mit der Flucht aus Syrien. Sie führte mich über die Türkei nach Wien und durch fünfzehn Schulen, acht Sprachen und unzählige Neuanfänge. Heute bin ich Juristin in Ausbildung, arbeite im juristischen Bereich und engagiere mich als Integrationsbotschafterin, Musikerin und Autorin. Dieses Kapitel erzählt von einem Schlüsselmoment, in dem ich begriff, was Demokratie bedeutet und wie aus Angst Zuversicht und aus einer Stimme Verantwortung wurde.

Ein kurzer Moment mit großer Bedeutung: Die Begegnung mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen gab mir das Gefühl, in Österreich wirklich angekommen zu sein. (Foto: ÖIF-Olha Soldatenko)

„Hallo, ich heiße Banan und ich bin 14 Jahre alt.“

Mehr konnte ich am Anfang nicht sagen. Mit diesen zwei Sätzen begann vor acht Jahren mein Leben in Österreich.

Heute erscheint mir dieser Moment weit entfernt. Inzwischen habe ich die Matura mit Auszeichnung abgeschlossen, das Studium der Rechtswissenschaften im Herbst 2022 angefangen, Texte veröffentlicht, Bücher mitgeschrieben und später mein eigenes Buch über meine Flucht veröffentlicht. Ich durfte auf großen Bühnen sprechen, von internationalen Konferenzen bis hin zur UNO. Vor allem aber habe ich gelernt, meine Stimme zu nutzen und meine Geschichte zu erzählen – die Geschichte einer Flucht von Damaskus über Beirut und Istanbul bis nach Wien. Durch 15 Schulen und acht Sprachen.

Als ich in Österreich ankam, war vieles neu für mich: die Sprache, die Menschen und das politische System. Geflüchtet vor einer Diktatur, fand ich mich plötzlich in einer Demokratie wieder. Lange verstand ich den Unterschied nur in der Theorie. Erst später begann ich, ihn wirklich zu erleben. Zum ersten Mal konnte ich meine Meinung offen im Alltag äußern – ohne Maske, ohne die Bühne des Theaters und ohne meine Gitarre als Sprachrohr.

Eine Begegnung ist mir besonders in Erinnerung geblieben.

Gemeinsam mit anderen jungen Menschen von Ashoka war ich in die Hofburg eingeladen. Wir warteten gespannt auf den Bundespräsidenten. Dann öffnete sich die große rote Tür.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen trat heraus.

Er war größer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Während er auf uns zuging, lächelte er freundlich in die Runde. Ich fragte mich, ob er sich vielleicht an mich erinnern konnte. Einige Zeit zuvor hatten wir uns zufällig vor dem ORF-Zentrum getroffen.

An diesen Moment erinnere ich mich noch genau.

Ich näherte mich dem Bundespräsidenten, um ihn anzusprechen. Sofort wurden seine Bodyguards aufmerksam. Sie machten einen Schritt nach vorne.

Für den Bruchteil einer Sekunde war ich nicht mehr in Wien. Vor meinem inneren Auge tauchte ein Bild aus meiner Kindheit auf. Ich war neun Jahre alt. Bewaffnete Soldaten standen vor mir. Ihre Stimmen waren laut und scharf. Sie wollten wissen, wo mein Vater war.

Plötzlich war die Erinnerung wieder da. Dann hörte ich auf meine eigene innere Stimme: „Banan, du bist in Österreich.“

Im nächsten Moment hob der Bundespräsident den Zeigefinger. Die Bodyguards traten zurück. Er drückte seine Zigarette aus, wandte sich mir zu und lächelte.

„Grüß Gott“, sagte er.

Ich erzählte ihm vom mehrsprachigen Redewettbewerb Sag's Multi und davon, dass ich inzwischen selbst Jurorin für Arabisch geworden war. Er gratulierte mir herzlich. Dann sagte er einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe: „Österreich braucht Menschen wie dich.“

Anschließend nahm er gemeinsam mit mir ein Video für den Wettbewerb auf. Es war nur eine kurze Begegnung. Und doch beschäftigte sie mich noch lange. Am Ende des Tages stellte ich mir immer wieder dieselbe Frage: „Wo bin ich eigentlich gelandet?“

Ist das Demokratie? Genau das: Dass ein Mädchen, das einst vor Soldaten Angst hatte, heute dem Bundespräsidenten gegenübersteht, mit ihm spricht und von ihm ermutigt wird.

Durch Ashoka lernte ich später den Begriff „Changemaker“ kennen. Zuerst war ich unsicher, ob ich mich selbst so bezeichnen würde. Doch während eines Programms erzählte ich von meinem Leben in Istanbul. Davon, wie ich für einen Arzt dolmetschte. Davon, wie ich einen Türkischkurs für ältere Frauen organisierte, damit sie sich im Alltag besser zurechtfinden konnten. Davon, wie diese Frauen später ihre Geschichten im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit erzählten.

Während ich sprach, wurde mir etwas klar.

Veränderung beginnt nicht erst auf großen Bühnen. Sie beginnt dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen. Dort, wo sie hinschauen, statt wegzuschauen.

Vielleicht war ich schon mit dreizehn Jahren Changemaker, ohne das Wort überhaupt zu kennen. Und vielleicht ist jede und jeder von uns ein Changemaker, sobald wir den Mut haben, etwas zu verändern.

Interessant ist aber, dass man zum Changemaker-Maker wird, wenn man nicht nur selbst etwas schafft und verändert, sondern auch andere dazu ermutigt und ihnen ein Vorbild sein kann.


Kommentare

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    am 20.08.2026 Sophie Gahleitner
    Oh mein Gott Banan! Das zu lesen hat mich so unglaublich berührt! Vielleicht auch, weil ich dich persönlich kennenlernen durfte und deine Geschichte aus deinem Mund hören konnte- in allen Versionen ist sie jedenfalls bewegend und wunderbar erzählt!