Wasserhahn auf, Glas darunter, fertig. Wenige Sekunden später ist mein Glas voll. Ich trinke, stelle es zurück und mache weiter. Woher das Wasser kommt, wie viel davon noch vorhanden ist und wer neben mir auf dieselben Reserven zugreift, beschäftigt mich dabei normalerweise kaum. In diesem Sommer lohnt sich ein Blick unter die Erde allerdings besonders.
Über 90 Prozent der österreichischen Messstellen zeigen derzeit niedrige oder sehr niedrige Grundwasserstände. Rund jede zweite Messstelle ist für diese Jahreszeit so trocken wie noch nie, an fast jeder fünften wurde überhaupt noch nie ein so niedriger Stand gemessen.
Unser Trinkwasser stammt in Österreich aus Grundwasser, also aus Brunnen und Quellen. Die Versorgung funktioniert laut Landwirtschaftsministerium weiterhin flächendeckend. Einzelne Gemeinden hatten bei besonders hohem Verbrauch allerdings bereits Engpässe. Gleichzeitig beginnt eine Diskussion darüber, wer für die Nutzung unseres Grundwassers bezahlen soll.
Zehn Cent für 1.000 Liter
Greenpeace fordert eine Abgabe für Grundwasser, das von der Industrie entnommen wird. Der Vorschlag: zehn Cent pro Kubikmeter, also pro 1.000 Liter. Nach Berechnungen der Umweltorganisation entnimmt die Industrie jährlich rund 330 Milliarden Liter Grundwasser aus Brunnen. Die vorgeschlagene Abgabe würde damit ungefähr 33 Millionen Euro pro Jahr einbringen. Das Geld soll in die Trinkwasserinfrastruktur fließen.
Wasserleitungen, Speicher und andere Anlagen müssen erhalten und an längere Trockenperioden angepasst werden. Der Bund fördert Trinkwasser- und Abwasserprojekte derzeit mit rund 100 Millionen Euro. Die Österreichische Vereinigung für das Gas- und Wasserfach hält allein für den Werterhalt bestehender Anlagen mindestens 150 Millionen Euro jährlich für notwendig.
Wer verbraucht unser Grundwasser?
Die beste österreichweite Datengrundlage stammt aus der Studie „Wasserschatz Österreichs“ aus dem Jahr 2021. Demnach werden jährlich rund 1,2 Milliarden Kubikmeter Grundwasser genutzt.
61 Prozent entfallen auf die Wasserversorgung. Darin stecken neben privaten Haushalten auch öffentliche Einrichtungen und mitversorgte Betriebe. Industrie und Gewerbe kommen als eigener Bereich auf 29 Prozent, die Landwirtschaft auf zehn Prozent.
Wie viel Grundwasser einzelne große Nutzer heute tatsächlich entnehmen, ist österreichweit noch nicht vollständig in einem zentralen digitalen Register erfasst. Greenpeace und der Rechnungshof fordern deshalb eine bessere Erfassung. Ein digitales Register ist inzwischen geplant.
Damit wird über eine Abgabe diskutiert, obwohl Österreich noch keine vollständige aktuelle Übersicht über alle großen Entnahmen hat.
Industrie und Ministerium dagegen
Die Industriellenvereinigung lehnt die Abgabe ab. Betriebe gingen bereits effizient mit Wasser um und zahlten über Landes- und Gemeindeabgaben für Infrastruktur. Eine zusätzliche Abgabe könne Produkte verteuern.
Auch das zuständige Ministerium plant derzeit keine Wasserabgabe. Sektionsleiterin Monika Mörth warnt davor, Unternehmen könnten zusätzliche Kosten an ihre Kunden weitergeben.
Selbst die Trinkwasserversorger unterstützen den Greenpeace-Vorschlag nicht. Sie fordern stattdessen eine langfristig gesicherte öffentliche Finanzierung. Greenpeace, Industrie und Wasserversorger sind sich damit beim zusätzlichen Geld für die Infrastruktur uneinig.
Bis zu 23 Prozent weniger
Gleichzeitig könnte sich das grundlegende Problem verschärfen. Laut „Wasserschatz Österreichs“ könnten die verfügbaren Grundwasserressourcen bis 2050 um bis zu 23 Prozent sinken. Besonders in niederschlagsärmeren Regionen im Osten können Nutzungskonflikte zunehmen.
Höhere Temperaturen sorgen außerdem dafür, dass mehr Wasser verdunstet, bevor es überhaupt ins Grundwasser gelangt. Auch Verbrauchsspitzen können zum Problem werden. Füllen beispielsweise viele Haushalte gleichzeitig ihre Pools, können kleinere Wasserversorger an ihre Kapazitätsgrenzen geraten.
Wer bekommt das Wasser zuerst?
Trinkwasser, Landwirtschaft und Industrie greifen auf dieselbe Ressource zurück. Die Trinkwasserversorger fordern deshalb, den Vorrang der Trinkwasserversorgung stärker im Wasserrecht abzusichern. Außerdem sollen zusätzliche Quellen, Speicher und Verbindungen zwischen Versorgungsnetzen entstehen.
Für uns klingt vieles davon weit entfernt. Wasser kommt schließlich weiterhin aus dem Hahn.
Ich brauche vielleicht 250 Milliliter für ein Glas. Greenpeace fordert von der Industrie zehn Cent für 1.000 Liter Grundwasser. Gleichzeitig weiß Österreich noch immer nicht vollständig, wie viel jeder große Nutzer tatsächlich aus dem Boden holt.
Der Wasserhahn macht davon nichts sichtbar. Solange etwas herauskommt, merken wir kaum, wie wertvoll das ist.
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