Kleine Beträge, große Wirkung
Meine Oma war nie reich, aber sie ist immer gut ausgekommen. Und genau das bewundere ich an ihr. Sie weiß ganz genau, wofür sie Geld ausgibt – und wofür eben nicht.
Wenn wir zusammen einkaufen gehen, bleibt sie oft vor den Regalen stehen, nimmt verschiedene Produkte in die Hand und vergleicht die Preise. Früher war mir das manchmal richtig unangenehm. Ich erinnere mich noch an einen Nachmittag im Supermarkt: Wir standen vor dem Nudelregal, und meine Oma drehte jede Packung um, um den Preis pro 100 Gramm zu lesen. Hinter uns wartete ein Mann mit seinem Einkaufswagen. Er rückte immer näher, seufzte leise und schaute auf die Uhr.
Mir wurde heiß im Gesicht. Ich wollte einfach schnell die bekannte Marke nehmen – die, die alle aus meiner Klasse kannten – und weitergehen. Hauptsache, wir fielen nicht auf.
Aber meine Oma ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Nur weil es teurer ist, heißt es nicht, dass es besser ist“, sagte sie ruhig. Damals habe ich das zwar gehört, aber nicht richtig verstanden.
Heute stehe ich selbst vor Regalen und vergleiche automatisch die Preise pro 100 Gramm oder pro Kilogramm. Neulich habe ich zwei Joghurts verglichen – der eine deutlich teurer, der andere günstiger. Früher hätte ich ohne nachzudenken den teuren genommen. Diesmal griff ich zum günstigeren. Zuhause merkte ich: Er schmeckt genauso. In diesem Moment musste ich lächeln, weil ich gemerkt habe, wie sehr mich meine Oma geprägt hat.
Sparen heißt nicht verzichten
Meine Oma spart nicht, um Geld einfach nur anzuhäufen. Sie spart, um sich Dinge leisten zu können, die ihr wichtig sind – zum Beispiel ihre Reisen oder Geschenke für uns Enkelkinder.
„Erst sparen, dann ausgeben“, sagt sie immer. Früher klang das für mich wie einer dieser typischen Erwachsenensätze.
Bis ich mir mein eigenes Handy zusammengespart habe.
Ich weiß noch, wie ich jeden kleinen Betrag zur Seite gelegt habe – Geld vom Geburtstag, vom Taschengeld, von kleinen Jobs. Manchmal wollte ich mir zwischendurch etwas anderes kaufen, aber ich habe es gelassen. Als ich das Handy schließlich in den Händen hielt, war ich nicht nur glücklich darüber, es zu besitzen. Ich war stolz, weil ich es selbst geschafft hatte. Dieses Gefühl war viel stärker als die Freude über einen spontanen Kauf.
Bewusst entscheiden statt spontan kaufen
Meine Oma schläft über größere Anschaffungen immer eine Nacht. Früher fand ich das übertrieben. Heute verstehe ich es.
Vor einiger Zeit wollte ich mir unbedingt neue Kopfhörer kaufen. Sie waren gerade im Angebot, und ich war kurz davor, sie direkt zu bestellen. Dann hörte ich innerlich die Stimme meiner Oma: „Schlaf noch eine Nacht drüber.“
Am nächsten Tag war die Begeisterung schon kleiner. Ich merkte, dass meine alten Kopfhörer eigentlich noch funktionierten. Ich habe sie nicht gekauft – und war später froh darüber, weil ich das Geld für etwas anderes brauchte. In diesem Moment habe ich verstanden, was es bedeutet, selbst zu entscheiden, statt sich vom ersten Impuls leiten zu lassen.
Großzügigkeit gehört dazu
Trotzdem denkt meine Oma nicht nur ans Sparen. Sie spendet regelmäßig an Organisationen wie das Rote Kreuz, weil sie sagt: „Wenn man helfen kann, sollte man es tun.“
Einmal habe ich sie gefragt, warum sie Geld spendet, obwohl sie selbst so genau darauf achtet. Sie antwortete: „Gerade deshalb. Wer bewusst mit Geld umgeht, kann auch bewusst teilen.“
Dieser Satz ist mir im Kopf geblieben. Seitdem versuche ich ebenfalls, etwas zurückzugeben – sei es durch kleine Beiträge bei Schulaktionen oder indem ich frühzeitig Geld für Geschenke zurücklege, statt alles auf den letzten Moment zu verschieben.
Mehr als nur Zahlen
Ich habe nicht aus einem Buch gelernt, wie man mit Geld umgeht, sondern durch viele kleine Situationen im Alltag: vor Supermarktregalen, am Küchentisch oder beim Zählen meines Ersparten.
Meine Oma hat mir nicht einfach Regeln beigebracht. Sie hat sie vorgelebt. Und jedes Mal, wenn ich heute bewusst entscheide, nicht sofort kaufe oder geduldig spare, merke ich: Es sind oft die kleinen Beträge, die am Ende die größte Wirkung haben.
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